Gerresheimer Aktie: Testat im Juni entscheidet

Das ausstehende Testat für den Jahresabschluss 2025 bestimmt die Finanzierungsfähigkeit von Gerresheimer. Parallel wächst der rechtliche Druck durch BaFin und APAS.

Die Kernpunkte:
  • Testat entscheidet über Finanzierung
  • BaFin und APAS ermitteln
  • Bilanzfehler von 35 Millionen Euro
  • Aktie fiel aus dem SDAX

Gerresheimer steht vor einer Woche, die über den weiteren Kurs entscheidet. Der seit Monaten überfällige testierte Jahresabschluss für 2025 soll im Juni kommen — und mit ihm die Antwort auf die Frage, ob das Unternehmen seine Finanzierungsbasis stabilisieren kann.

Ohne Testat keine Investierbarkeit

Der ursprünglich für Ende Februar 2026 geplante Abschluss wurde mehrfach verschoben. Hauptversammlung und Quartalsmitteilung für Q1 hat Gerresheimer abgesagt. Für viele institutionelle Investoren gilt: Ohne testierten Abschluss ist die Aktie schlicht nicht kaufbar.

Das Testat ist dabei keine buchhalterische Formsache. Es ist die Voraussetzung für die Sicherung der Bankfinanzierung. Erst dann wird die Umsatzprognose von 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro für das laufende Jahr belastbar. Der Halbjahresbericht folgt am 14. Juli 2026, das Q3-Ergebnis am 15. Oktober 2026.

Schuldscheingläubiger mit einem Volumen von 870 Millionen Euro haben Gerresheimer bereits Luft verschafft. Sie stimmten mit 96 Prozent einer Fristverlängerung zu. Wesentliche Covenants zum Verschuldungsgrad sind bis zum 30. September 2026 ausgesetzt. Läuft diese Frist ohne Testat ab, entsteht akuter Druck auf der Finanzierungsseite.

Juristische Front wächst

Parallel zum Bilanzprozess wächst der rechtliche Druck. Die BaFin ermittelt bereits. Nun hat auch die Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS ein berufsrechtliches Verfahren gegen KPMG eingeleitet.

Der Vorwurf ist konkret: KPMG hatte den Jahresabschluss 2024 ohne Einschränkung testiert — obwohl darin fehlerhafte Umsatzbuchungen von 35 Millionen Euro steckten. KPMG hatte erst 2024 den bisherigen Prüfer Deloitte abgelöst und beglaubigte umgehend einen fehlerbehafteten Abschluss.

Die Aktionärsschutzvereinigung DSW prüft Schadensersatzklagen gegen Ex-Vorstandschef Dietmar Siemssen und Ex-Finanzvorstand Bernd Metzner. Auch Aufsichtsrat und Prüfungsausschuss stehen im Fokus. Kern der Auseinandersetzung: Bewertungsfragen rund um Geschäftswerte von 676 Millionen Euro. DSW-Chef Marc Tüngler deutete an, dass bald ein Prozessfinanzierer einsteigen könnte.

Das eigentliche Bilanzproblem

Hinter den Verschiebungen steckt ein systematisches Buchungsproblem. Gerresheimer stellte Kunden Waren in Rechnung, lieferte sie aber erst später — und buchte die Umsätze zu früh. Das verstößt gegen IFRS-Vorschriften. Eine unabhängige Anwaltskanzlei bestätigte die Verstöße. Sie belasten 35 Millionen Euro Umsatz und 24 Millionen Euro bereinigtes EBITDA.

Hinzu kommen drei weitere Baustellen: falsch ausgewiesene Leasingverbindlichkeiten, fehlerhafte Angaben zu Nutzungsdauern aktivierter Entwicklungskosten sowie nicht erfasste Wertminderungen im Segment Advanced Technologies — bei einem Buchwert von knapp 197 Millionen Euro.

Operativ gibt es auch Fortschritte. Im Werk Peachtree City hat Gerresheimer zwei automatisierte Palettenlager in Betrieb genommen. Der Standort fertigt Inhalatoren, Autoinjektoren und Infusionskomponenten. Das ändert aber nichts an der Kernfrage.

Druck von mehreren Seiten

Die Aktie notiert bei 25,14 Euro — rund 47 Prozent unter dem Niveau vor zwölf Monaten. Im April fiel das Papier aus dem SDAX. Passiv investierende Fonds müssen den Titel seither nicht mehr halten. Das verkleinert die Basis langfristiger Kapitalgeber spürbar.

Die Shortquote liegt bei rund 11,4 Prozent — deutlich über dem Zwölfmonatsdurchschnitt. Arrowstreet Capital baute seine Short-Position zuletzt leicht ab, Millennium International Management LP erhöhte sie.

Erscheint das Testat im Juni wie angekündigt, liefert es die erste belastbare Datenbasis seit Monaten. Bleibt es abermals aus, läuft die September-Frist der Gläubiger immer enger — und der Druck auf die Finanzierungsstruktur wächst entsprechend.

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