Gerresheimer nach der Hauptversammlung: Wer führt das Unternehmen durch den Umbau?
Gerresheimer besetzt den Aufsichtsrat neu, während die operative Führung interimistisch bleibt und der Konzernumbau mit Verkäufen weiterläuft.

- Markus Sieger übernimmt Aufsichtsratsvorsitz
- CEO-Nachfolge weiterhin nicht benannt
- Centor-Verkauf bis November geplant
- Bereinigte EBITDA-Marge deutlich gesunken
Ausgangslage
Gerresheimer hat auf der Hauptversammlung am Dienstag seinen Aufsichtsrat neu besetzt. Rainer Beaujean, Markus Sieger und Eva van Pelt zogen neu ins Kontrollgremium ein, Sieger übernahm den Vorsitz.
Die Präsenz lag bei 41,59 Prozent des Grundkapitals, sämtliche Beschlüsse fanden Mehrheiten, KPMG wurde als Abschlussprüfer für 2026 bestellt. Damit ist die Personalfrage auf Aufsichtsratsebene geklärt – ausgerechnet an der Spitze des Vorstands bleibt sie es nicht.
Erst wenige Tage zuvor hatte Interim-CEO Uwe Röhrhoff sein Mandat vorzeitig beendet, auf eigenen Wunsch, obwohl seine Bestellung ursprünglich bis längstens Oktober 2026 lief. Bis auf Weiteres teilen sich Finanzvorstand Wolf Lehmann und Achim Schalk die operative Führung. Ein Nachfolger ist nicht benannt.
Das Timing ist heikel: Der Konzern befindet sich mitten in der größten Umstrukturierung seiner jüngeren Geschichte, dem Verkauf von Centor und dem globalen Plastics-Geschäft an den Finanzinvestor Apax Partners für rund 1,5 Milliarden Euro. Wer diesen Umbau zu Ende führt und anschließend die schlankere Gerresheimer strategisch ausrichtet, ist offen.
Die entscheidende Frage
Für Anleger reduziert sich die Lage auf eine Frage: Gelingt die Fokussierung auf hochwertige Drug-Delivery-Systeme, Medizinprodukte und Primärverpackungen für injizierbare Arzneimittel operativ schneller, als die Führungslücke Schaden anrichtet?
Die Zahlen aus der jüngsten Quartalsmitteilung liefern dafür nur bedingt Zuversicht: Der Umsatz stieg leicht, doch das bereinigte EBITDA fiel deutlich, die Marge sackte auf 12,6 Prozent. Das Unternehmen selbst verweist auf ein erwartet stärkeres zweites Halbjahr 2026 – eine Aussage, die Anleger als Prognose und nicht als gesicherte Kennzahl lesen sollten.
Bullisches Szenario
Wird der Centor-Verkauf wie geplant bis zum Ende des Geschäftsjahres im November vollzogen und folgt der Verkauf des Plastics-Geschäfts bis zur ersten Hälfte 2027 wie angekündigt, entsteht ein deutlich schlankeres Unternehmen mit klarerem Margenprofil.
Der Jahresabschluss 2025 zeigte bereits eine Adjusted-EBITDA-Marge von 16,8 Prozent auf Konzernebene; für 2026 stellt das Management eine Marge von rund 17 bis 18 Prozent in Aussicht, sofern das zweite Halbjahr die Schwäche des ersten Quartals ausgleicht.
Läuft die geplante Refinanzierung mit Lazard als Berater plangemäß, verbessert sich zudem die Bilanzstruktur nach dem Verkaufserlös von rund 1,5 Milliarden Euro.
Der Kurs hat diese Perspektive zuletzt teilweise vorweggenommen: Er liegt aktuell bei 27,94 Euro und damit 13 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt – ein Zeichen, dass der Markt die Konsolidierungsphase seit dem Frühjahrstief bereits als Bodenbildung interpretiert.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Kombination aus Führungsvakuum und operativer Schwäche. Ohne benannten CEO fehlt eine Instanz, die die Fokussierung auf das Kerngeschäft mit einer klaren Kapitalallokations- und Wachstumsstrategie verbindet – Lehmann und Schalk führen das Haus interimistisch, nicht strategisch.
Sollte sich die Margenschwäche aus dem ersten Quartal ins zweite Halbjahr fortsetzen, würde die für 2026 in Aussicht gestellte Marge von 17 bis 18 Prozent verfehlt, was die ohnehin für dieses Jahr erwartete negative Free-Cash-Flow-Spanne von minus 50 bis minus 100 Millionen Euro zusätzlich belasten könnte.
Auch die Transaktionen selbst sind noch nicht vollständig abgeschlossen: Der PPP-Verkauf zieht sich bis in die erste Jahreshälfte 2027, in dieser Zeit bleibt Vollzugsrisiko bestehen. Die hohe Volatilität von 46 Prozent auf 30-Tage-Basis signalisiert, dass der Markt diese Unsicherheit einpreist.
Ausblick
Solange die Zerlegung des Konzerns nach Plan verläuft und der Vorstand trotz fehlender dauerhafter CEO-Besetzung operativ funktionsfähig bleibt, dürfte der jüngste Kursanstieg – die Aktie legte über sieben Tage um 5,4 Prozent zu – tragfähig sein.
Kippt dagegen die Erwartung an ein stärkeres zweites Halbjahr, oder zieht sich die Suche nach einem dauerhaften CEO über Monate hin, dürfte der Markt die Bewertung neu diskutieren.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Abschluss des Centor-Verkaufs, der laut Unternehmensangabe bis zum Ende des Geschäftsjahres im November erfolgen soll. Bis dahin bleibt die Personalfrage an der Spitze das größte offene Risiko für die Umbaustory.
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