Gewinnmitnahmen nach Rekorden — Micron, Infineon und Broadcom im Korrekturmodus
Trotz Rekordzahlen bei Broadcom und Micron belasten Gewinnmitnahmen den KI-Sektor. Infineon und Tesla verlieren ebenfalls.

- Broadcom stürzt nach Prognose ab
- Micron startet HBM4-Produktion
- Infineon fällt vom Allzeithoch
- SoftBank investiert Milliarden in Frankreich
Rekordquartal geliefert, Kurs eingebrochen: Broadcom hat der gesamten KI-Branche in dieser Woche vorgeführt, wie dünn das Eis zwischen Euphorie und Enttäuschung geworden ist. Ein Kursrutsch von 15 Prozent an einem einzigen Handelstag zog Schockwellen durch den Sektor. Von Micron über Infineon bis SoftBank — kaum ein KI-Wert blieb verschont. Die Botschaft ist klar: Selbst starke Zahlen reichen nicht mehr, wenn die Erwartungen noch stärker sind.
Broadcom: Rekordquartal trifft auf überhitzte Erwartungen
Die Zahlen zum zweiten Geschäftsquartal hätten unter normalen Umständen für Applaus gesorgt. Der Umsatz stieg um 48 Prozent auf 22,2 Milliarden US-Dollar im Jahresvergleich. Allein das KI-Segment steuerte 10,8 Milliarden Dollar bei — eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Der Nettogewinn kletterte um 88 Prozent auf 9,31 Milliarden Dollar.
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Die Quittung kam trotzdem. Am 4. Juni sackte die Aktie um rund 15 Prozent ab. Der Auslöser: Die Prognose für das dritte Quartal enttäuschte. CEO Hock Tan stellte KI-Chipumsätze von 16 Milliarden Dollar in Aussicht — Analysten hatten mit 17,2 Milliarden gerechnet. Schwerer wog, dass Tan das vielbeachtete Jahresziel von 100 Milliarden Dollar KI-Umsatz für das Geschäftsjahr 2027 lediglich bestätigte, statt es anzuheben.
Der Abverkauf setzte sich am Folgetag fort. Broadcom schloss am Freitag bei 336,75 Euro und liegt damit gut 21 Prozent unter dem erst wenige Tage alten 52-Wochen-Hoch. Vor den Quartalszahlen war die Aktie seit Jahresbeginn bereits 38 Prozent gelaufen — der Markt hatte eine Erhöhung der Guidance praktisch eingepreist. Bank of America reagierte dennoch konstruktiv und hob das Kursziel auf 530 Dollar an, warnte aber vor anhaltendem Margendruck in Richtung 72 bis 73 Prozent Bruttomarge.
Micron: HBM4-Ausverkauf trifft auf volle Auftragsbücher
Micron ist der heimliche Star des KI-Sektors in diesem Jahr. Die Aktie hat seit Jahresbeginn rund 181 Prozent zugelegt. Am Freitag traf sie die sektorweite Korrektur dennoch hart: minus 12,16 Prozent auf 755,00 Euro.
Die fundamentale Story bleibt intakt. Micron hat die Volumenproduktion des HBM4-Speicherchips mit 36 Gigabyte und 12 Lagen gestartet, entwickelt für Nvidias Vera-Rubin-Plattform. Das Besondere: Die gesamte HBM4-Produktion für 2026 ist bereits über mehrjährige Verträge vergeben. Was normalerweise ein kurzfristiges Speichergeschäft ist, hat sich in kontrahierte Infrastruktur verwandelt.
Ein potenzieller Stolperstein zeichnet sich ab. Branchenberichte deuten auf Qualitätsprobleme beim Basischip von Nvidias Vera-Rubin-Plattform hin, die sowohl Micron als auch den Rivalen SK Hynix betreffen könnten. Sollte sich das bestätigen, könnte der Produktionsanlauf vorübergehend ins Stocken geraten.
Die Analysten bleiben überwiegend bullisch:
- UBS hob das Kursziel Ende Mai auf 1.625 Dollar — ein Signal, dass der Titel wie ein High-Growth-Chipwert bewertet werden sollte
- Morgan Stanley erhöhte Anfang Juni auf 1.050 Dollar
- Goldman Sachs bleibt als Ausreißer bei rund 400 Dollar und warnt vor der zyklischen Natur des Speichermarkts
- Der Konsens von 44 Analysten lautet „Strong Buy“ bei einem durchschnittlichen Kursziel von 739,48 Dollar
Am 24. Juni stehen die Quartalszahlen an. Die Erwartungen sind hoch: Für das Geschäftsjahr 2026 rechnen Analysten mit einem Gewinn von 58,79 Dollar je Aktie — ein Anstieg um 665 Prozent.
Infineon: Vom Allzeithoch in die Gewinnmitnahmen
Am 2. Juni markierte Infineon bei 88,46 Euro ein neues Allzeithoch. Seitdem hat sich das Bild gedreht. Allein am Freitag verlor die Aktie 12,81 Prozent und schloss bei 74,51 Euro. Der Broadcom-Schock erfasste auch den Münchner Halbleiterkonzern, obwohl dessen Geschäftsmodell sich deutlich von reinen KI-Chipanbietern unterscheidet.
Die jüngsten Quartalszahlen fielen gemischt aus. Der Gewinn je Aktie lag mit 0,34 Euro unter den erwarteten 0,38 Euro. Auch der Umsatz von 3,81 Milliarden Euro verfehlte die Prognose knapp. Das Management hielt trotzdem an der Jahresprognose fest: Umsatz oberhalb von 16 Milliarden Euro, freier Cashflow bei rund 1,65 Milliarden Euro.
Was Infineon für KI-Investoren interessant macht, ist die Positionierung bei Leistungshalbleitern. Rechenzentren für künstliche Intelligenz verschlingen enorme Mengen an Strom — und genau hier spielen Infineons Produkte eine Schlüsselrolle. Deutsche Bank und Morgan Stanley haben ihre Kursziele Ende Mai auf 90 beziehungsweise 91 Euro angehoben. Der breite Analystenkonsens liegt allerdings noch bei 70,04 Euro, was nach dem Rücksetzer fast dem aktuellen Kurs entspricht. Nächster Termin: Quartalszahlen am 5. August.
Tesla: JPMorgans Kehrtwende trifft auf FSD-Vertrauenskrise
Die vielleicht überraschendste Nachricht der Woche kam nicht aus einem Chipkonzern, sondern von einer Investmentbank. JPMorgan — seit fast einem Jahrzehnt einer der prominentesten Tesla-Bären an der Wall Street — stufte die Aktie von „Underweight“ auf „Neutral“ hoch und katapultierte das Kursziel von 145 auf 475 Dollar. Ein Sprung um 227,6 Prozent.
Der bisherige Analyst Ryan Brinkman hatte Tesla seit 2015 begleitet und durch Rekordquartale hindurch zum Verkauf geraten. Sein Nachfolger Rajat Gupta argumentiert, dass Anleger Teslas Bewertung längst an Zukunftsthemen wie autonomes Fahren, Robotik und KI-Chipentwicklung festmachen — und nicht mehr an den aktuellen Gewinnen. Die Bank sieht den Umsatz bis 2030 bei rund 203 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie die geschätzten 95 Milliarden in diesem Jahr.
Die Aktie honorierte das nicht. Am Freitag schloss Tesla bei 339,20 Euro, ein Minus von 5,88 Prozent. Seit Jahresbeginn steht ein Verlust von rund 9 Prozent.
Ein Grund für die Zurückhaltung: Die Glaubwürdigkeit von Teslas Full Self-Driving (FSD) steht unter Beschuss. Eine Untersuchung ergab, dass sieben von neun ehemaligen Datenlabelern dem System nicht als Fahrer vertrauen würden. Zehn von elf unabhängigen Verkehrssicherheitsforschern stuften Teslas eigene Sicherheitsstatistiken als irreführend ein — sie würden eher nach Marketing klingen als nach seriöser Analyse. Für einen Titel mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 384 ist das eine heikle Gemengelage.
SoftBank: 75 Milliarden Euro für Frankreichs KI-Infrastruktur
Während der Chipsektor korrigierte, lieferte SoftBank die größte Einzelinvestition in der Geschichte ausländischer Direktinvestitionen in Frankreich. Der japanische Technologiekonzern kündigte an, bis zu 75 Milliarden Euro in KI-Rechenzentren mit einer Kapazität von 5 Gigawatt zu investieren. Die erste Phase umfasst 45 Milliarden Euro für 3,1 Gigawatt in der Region Hauts-de-France — Fertigstellung bis 2031.
Am Tag der Ankündigung sprang die Aktie um 14 Prozent nach oben und markierte bei 8.626 Yen ein neues Allzeithoch. Inzwischen hat der Kurs einen Teil der Gewinne wieder abgegeben. Am Freitag schloss SoftBank bei 37,50 Euro, ein Wochenminus von gut 8 Prozent.
Das Frankreich-Engagement reiht sich ein in eine globale Infrastrukturstrategie. SoftBank hat über 30 Milliarden Dollar in OpenAI investiert und hält eine bedeutende Beteiligung an Arm Holdings, dessen Chiparchitekturen einen Großteil der KI-Serverinfrastruktur antreiben. Deutsche Bank stufte die Aktie nach der jüngsten Rallye allerdings auf „Hold“ herab und setzte das Kursziel bei 8.700 Yen — ein Signal, dass der kurzfristige Kursanstieg bereits viel der guten Nachricht vorweggenommen hat.
KI-Sektor zwischen Bewertungsrealität und strukturellem Wachstum
Die vergangene Woche hat ein Muster offengelegt, das sich quer durch den Sektor zieht:
- Erwartungen überholen die Realität: Broadcom lieferte Rekordzahlen und wurde trotzdem abgestraft, weil die Guidance nicht über das ohnehin starke Niveau hinausging
- Gewinnmitnahmen nach Rekordläufen: Infineon und Micron korrigierten zweistellig von ihren Allzeithochs, obwohl die fundamentale Basis intakt bleibt
- Bewertungsrisiko bei Tesla: Ein KGV nahe 384 lässt keinen Raum für Rückschläge bei der Autonomie-Story
- Infrastruktur-Investments als langfristiger Anker: SoftBanks Milliardenwetten in Frankreich, den USA und Japan unterstreichen, dass die physische Grundlage für KI erst aufgebaut wird
Die nächsten Wochen bringen entscheidende Datenpunkte. Microns Quartalsbericht am 24. Juni wird zeigen, ob die HBM4-Euphorie die hohe Bewertung rechtfertigt. Für Broadcom rückt die September-Berichtssaison in den Fokus — dann muss sich zeigen, ob die KI-Chipumsätze tatsächlich in Richtung 16 Milliarden Dollar pro Quartal marschieren. Tesla steht vor der doppelten Herausforderung, die FSD-Debatte zu entschärfen und den Robotaxi-Ausbau über Austin hinaus voranzutreiben. SoftBanks Frankreich-Projekt ist auf Jahre angelegt; kurzfristig wird die Aktie von der Stimmung rund um Arm und OpenAI getrieben.
Struktureller Aufwärtstrend, neues Preisbewusstsein
Am grundlegenden Wachstumspfad der KI-Industrie hat sich nichts geändert. Die Auftragsbücher sind voll, die Investitionen steigen, die Anwendungsfelder verbreitern sich. Was sich verändert hat, ist die Bereitschaft des Marktes, unbegrenzt für Zukunftsversprechen zu zahlen. Nach Monaten der Kursrallye fordert der Markt jetzt Belege — und bestraft selbst solide Ergebnisse, wenn sie hinter den eingepreisten Bestszenarien zurückbleiben.
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