Gold, Baidu, Alibaba: Warum Peking gerade jetzt auf Rückkäufe setzt

Steigende US-Realzinsen belasten Gold, während Baidu, Alibaba und CATL mit Aktienkäufen Vertrauen signalisieren und Risiken abfedern.

Die Kernpunkte:
  • Gold verzeichnet dritte Verlustwoche
  • Baidu kauft eigene Aktien zurück
  • Alibaba wächst mit KI-Agenten
  • CATL startet milliardenschweres Rückkaufprogramm

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

4.349 Dollar kostet die Feinunze Gold – und trotzdem ist das der dritte Wochenverlust in Folge. Kein Krisenmetall der Welt kann sich der Rendite entziehen, die zehnjährige US-Anleihen mit Inflationsschutz derzeit abwerfen: 2,6 Prozent, das höchste Niveau seit 2008. Während der Westen auf die Fed schaut, kontern Chinas Tech-Konzerne den gleichen Zinsdruck mit einer anderen Waffe: Rückkäufen in Milliardenhöhe. Beide Geschichten gehören zusammen, denn sie beantworten dieselbe Frage – wohin fließt Kapital, wenn Realzinsen steigen?

Gold: Der Realzins schlägt die Geopolitik

Der Goldpreis legte am Freitag um 0,7 Prozent zu, verbuchte aber dennoch die dritte Verlustwoche in Serie. Bemerkenswert daran ist, was NICHT der Grund ist: Die Nahost-Lage bleibt angespannt, an der Absicherungsnachfrage hat sich nichts geändert. Der Preisdruck kommt stattdessen aus der Zinsstruktur. Mit TIPS-Renditen von 2,6 Prozent wird Gold als zinsloses Asset schlicht unattraktiver – und die Fed-Zinserhöhungswahrscheinlichkeit für die Sitzung am 16. September liegt inzwischen bei 86 bis 90 Prozent. Wer nun vermutet, Notenbanken würden das Handtuch werfen, irrt: Sie kauften im August unbeirrt weiter zu, die globalen Goldreserven kletterten auf 76,73 Millionen Unzen, ein Plus von 650.000 Unzen im Monatsvergleich. Das strukturelle Argument für Gold bleibt also intakt – nur diktiert kurzfristig der reale Zins das Tempo. Für Anleger, die auf einen Einstiegspunkt gewartet haben: Vom 52-Wochen-Hoch bei 5.598,58 Dollar ist der Preis derzeit weit entfernt, der Rücksetzer ist da.

Baidu: Das Unternehmen kauft sich selbst, Anwälte wittern etwas anderes

Baidu hat seine im August gestartete Rückkauf-Ermächtigung in Hongkong konsequent genutzt: Allein am 9. und 10. September wurden über eine Million Class-A-Aktien für zusammen rund 100 Millionen Hongkong-Dollar erworben, kumuliert unter dem Mandat vom 26. August damit 2.197.550 Aktien. Citi bestätigte die Kaufempfehlung mit einem US-Kursziel von 166 Dollar und verweist auf das GPU-Cloud-Wachstum, das Finanzchef He Haijian als gezielte Kapitaleffizienz-Strategie verkauft. Die Aktie selbst notiert bei rund 78,80 Euro, nur wenig über ihrem erst vor drei Wochen markierten 52-Wochen-Tief – auf Jahressicht steht ein Minus von 17 Prozent zu Buche. Der Gegenpol: Die Kanzlei Pomerantz ermittelt wegen möglichen Wertpapierbetrugs, ausgelöst durch Umsatzrückgänge und Verzögerungen bei der KI-Suchmonetarisierung. Das Unternehmen signalisiert mit seinem Rückkaufprogramm Zuversicht in die eigene Bewertung. Der Markt aber preist das juristische Risiko weiterhin als Abschlag ein – beides ist gleichzeitig wahr.

Alibaba: Starke Zahlen aus dem KI-Geschäft, ein Vorwurf aus San Francisco

Alibaba schlägt mit seinem E-Commerce-KI-Agenten Accio zurück gegen die US-Konkurrenz: Die Nutzerbasis ist seit dem Start vor fünf Monaten kräftig gewachsen, bei Kosten, die laut Unternehmensangaben mehr als 50 Prozent unter denen von Anthropics Claude Code liegen. Dass asiatisches Kapital daran glaubt, zeigte sich am Freitag: Southbound-Investoren aus Hongkong kauften netto für umgerechnet rund 56,5 Millionen Euro Alibaba-Aktien zu, trotz der Turbulenzen der vergangenen Monate. Die Aktie notiert bei rund 94,20 Euro, ein Jahresverlust von 29 Prozent lastet weiter auf dem Papier. Der Haken sitzt in San Francisco: Anthropic wirft Alibaba – neben Moonshot und DeepSeek – „illegale Destillation“ seiner Modelle vor, dokumentiert an über 151 Millionen Claude-Interaktionen zwischen Mai und Juli. Zusätzlich läuft am 5. Oktober die Frist für eine Sammelklage wegen mutmaßlichen Wertpapierbetrugs ab. Wer auf Alibaba setzt, kauft das ungelöste regulatorische Risiko explizit mit – die operative Stärke allein erklärt die Bewertung nicht.

Chinas Rückkaufwelle: Ein politisch gewollter Kapitalrückfluss

Auch abseits der US-notierten ADRs zieht die Rückkaufdisziplin in China an. CATL startete am Freitag die erste Tranche seines Programms mit rund 604.000 A-Aktien im Gegenwert von etwa 25,7 Millionen Euro – geplant sind bis zu umgerechnet knapp fünf Milliarden Euro zur Einziehung. Digital China legte am selben Tag mit gut 1,38 Millionen Aktien nach. Das ist kein Einzelfall, sondern Teil einer größeren Bewegung: Allein 2024 und 2025 flossen umgerechnet rund 670 Milliarden Euro in Dividenden und Rückkäufe an den Börsen STAR und ChiNext, im ersten Halbjahr 2026 kamen weitere gut 95 Milliarden Euro an Bardividenden hinzu. Für Anleger ist das mehr als Kosmetik. Es ist ein politisch gewollter Kapitalrückfluss – und einer, der chinesische Aktien ausgerechnet dann stützen könnte, wenn US-Realzinsen anderswo Kapital abziehen.

Der Rahmen der Woche: Öl runter, Zinsangst rauf

Dass die Wall Street am Freitag mit Kursgewinnen aus der Woche ging, lag am nachgebenden Ölpreis – nicht an entspannter Zinsfantasie. Die Fed-Zinserhöhungswahrscheinlichkeit für die Sitzung am kommenden Mittwoch kletterte nach den heißen August-Inflationsdaten auf rund 90 Prozent. Der DAX beendete die Woche trotz eines freundlichen Freitags mit spürbarem Wochenverlust, Immobilienwerte wie Vonovia blieben nahe ihrem 52-Wochen-Tief gefangen. Diese Gemengelage ist der eigentliche Hintergrund, vor dem sowohl der Goldrückgang als auch Chinas Rückkaufoffensive stattfinden.

Der globale Kompass

Die Fed-Entscheidung am Mittwoch wird zeigen, ob die Markterwartung von rund 90 Prozent zutrifft – und ob Gold danach neue Unterstützung findet oder weiter konsolidiert. Parallel lohnt der Blick nach China: Folgen weitere Large Caps dem Beispiel von CATL, könnte das dem gebeutelten Alibaba- und Baidu-Lager zusätzlichen Rückenwind geben, trotz aller juristischen Fragezeichen aus Washington und San Francisco. Die Lehre dieser Woche ist unbequem, aber klar: Weder Gold noch chinesische Tech-Werte entkommen dem US-Zinszyklus vollständig, sie verarbeiten ihn nur unterschiedlich – die einen über den Realzins, die anderen über Kapitalrückführung. Das Wochenende bietet die Ruhe, beide Positionen vor Mittwoch noch einmal durchzurechnen.

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