Gold: Realzinsen verlieren ihre Bindekraft

Trotz höherer US-Realrenditen bleibt Gold auf hohem Niveau. Staatsschulden und Währungszweifel stärken seine Rolle als Wertspeicher.

Die Kernpunkte:
  • Gold beendet Handelstag mit Verlust
  • US-Realrendite erreicht höchsten Stand
  • Amerikanische Staatsschulden übersteigen 40 Billionen
  • Edelmetall liegt zwölf Monate im Plus

Klassische Bewertungsmodelle am Edelmetallmarkt verlieren spürbar an Bindekraft. Jahrelang drückten steigende Realzinsen verlässlich auf die Notierung des zinslosen Edelmetalls. Am Montag ging die Feinunze Gold mit einem Tagesminus von 1,0 Prozent bei 4.340,72 US-Dollar aus dem Handel. Der übergeordnete Trend zeigt sich davon jedoch weitgehend unbeeindruckt.

Bruch mit historischen Renditemustern

Die reale Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte am vergangenen Freitag auf 2,63 Prozent. Das markiert den höchsten Stand seit mehr als zwanzig Jahren. Seit Jahresbeginn entspricht dies einem Zuwachs um 76 Basispunkte. Unter gewöhnlichen Vorzeichen hätte ein solcher Renditeschub deutliche Kursverluste bei Edelmetallen ausgelöst.

Stattdessen behauptet sich Gold auf einem historisch hohen Kursniveau. Charles-Henry Monchau, CIO der Bank Syz, bezeichnet den traditionellen Realrendite-Kompass daher als funktionsunfähig.

Nach seiner Einschätzung spricht mittlerweile jeder Basispunkt, der früher gegen das Edelmetall gewertet wurde, eher für ein Engagement. Monchau sieht die strukturelle Nachfrage weiterhin intakt und stuft zwischenzeitliche Kursrückgänge als Kaufgelegenheiten ein.

Schuldenberge verändern das Anlageverhalten

Hinter der Entkopplung stehen fundamentale Verschiebungen im globalen Finanzsystem. Als wesentlicher Katalysator gilt das Einfrieren russischer Notenbankgelder im Februar 2022. Dieser Schritt verstärkte die Skepsis gegenüber westlichen Reservewährungen nachhaltig.

Gleichzeitig wächst am Anleihemarkt die Unruhe über die Tragfähigkeit der amerikanischen Staatsfinanzen. Die US-Verschuldung übersteigt mittlerweile die Marke von 40 Billionen Dollar. Allein für den jährlichen Schuldendienst fällt inzwischen mehr als eine Billion Dollar an. Diese Dimensionen nähren Zweifel an der langfristigen Stabilität des Papiergeldsystems und stärken Gold als neutralen Wertspeicher.

Zusätzliche Zinsschritte der Währungshüter könnten diesen Aufwärtsdruck mittelfristig sogar stützen. Sollten höhere Leitzinsen die Zinslast der Staaten weiter in die Höhe treiben, gerät das Vertrauen in traditionelle Staatsanleihen weiter unter Druck.

Für Anleger verschiebt sich der Fokus dadurch weg von reinen Zinsdifferenzen hin zu Absicherungen gegen systemische Haushaltsrisiken. Auf Sicht von zwölf Monaten liegt das Edelmetall trotz jüngster Schwankungen 16 Prozent im Plus.

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