Hormuz-Frieden drückt Öl unter 74 Dollar — Gold, Silber und Kaffee im Kreuzfeuer
Goldman Sachs senkt Goldprognose, Silber verliert massiv. Brent fällt auf Viermonatstief, nur Kaffee zeigt Stärke.

- Goldman kappt Goldziel auf 4.900 Dollar
- Silber verliert seit Januar die Hälfte
- Brent fällt unter 74 Dollar je Barrel
- Arabica-Kaffee trotzt dem Abwärtstrend
Goldman Sachs kappt sein Goldziel um 500 Dollar, Silber verliert seit Januar die Hälfte seines Wertes, und Brent stürzt auf ein Viermonatstief. Während die Entspannung in der Straße von Hormus den Ölmarkt regelrecht umkrempelt, setzt die Fed mit ihrem hawkishen Kurs Edelmetalle zusätzlich unter Druck. Einzig Arabica-Kaffee stemmt sich gegen den Abwärtstrend — mit einer Wettergeschichte aus Brasilien als Rückendeckung.
Gold: Goldman kappt Prognose, die 4.000er-Marke wackelt
Die Woche brachte für Goldanleger gleich zwei Hiobsbotschaften. Goldman Sachs senkte am 20. Juni sein Jahresendziel von 5.400 auf 4.900 Dollar je Unze. Die Analysten Daan Struyven und Lina Thomas begründeten den Schritt mit nachlassenden ETF-Zuflüssen — darunter der erste monatliche Abfluss aus asiatischen Gold-ETFs seit August 2025 — und strichen sämtliche erwarteten Zinssenkungen für 2026 aus ihrem Modell.
Der Goldpreis schloss am Freitag bei 4.103,70 Dollar und notiert damit rund 8 % unter seinem 50-Tage-Durchschnitt. Ein RSI von 37,3 signalisiert eine Annäherung an überverkauftes Terrain.
Fed-Chef Kevin Warsh hatte zuvor die Zinsen zwar unverändert gelassen, gleichzeitig aber zunehmende Unterstützung für eine restriktivere Geldpolitik signalisiert. Die Terminmärkte preisen mittlerweile eine mögliche Zinserhöhung im September ein. Für ein zinsloses Asset wie Gold ist das Gift.
Goldman betont dennoch: Das strukturelle Rahmenwerk aus Zentralbankkäufen und De-Dollarisierung bleibe intakt. Das mittelfristige Risiko sei weiterhin asymmetrisch nach oben gerichtet. Andere Häuser sind deutlich optimistischer — J.P. Morgan sieht Gold zum Jahresende bei rund 6.000 Dollar, Wells Fargo sogar bei bis zu 6.300 Dollar. Die Spannbreite der Prognosen war selten größer.
Silber: Halbierung seit Januar — industrielles Fundament hält
Silber hat es noch härter getroffen. Seit dem Rekordhoch bei 121,78 Dollar Ende Januar hat das Metall rund die Hälfte seines Wertes eingebüßt. Am Freitag schloss es bei 59,69 Dollar — immerhin ein Tagesplus von 3,15 %, das den Wochenverlust aber kaum kaschiert.
Die Volatilität ist enorm. Mit einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von über 51 % schlägt Silber alle anderen Rohstoffe in diesem Vergleichsfeld deutlich. Nach einer kurzen Erholung Mitte Juni auf 71,65 Dollar folgte der nächste scharfe Rücksetzer.
Die Fed erhöhte ihre PCE-Inflationsprognose für 2026, und die Gesamtinflation beschleunigte im Mai auf 4,1 %. Drei Zinserhöhungen in diesem Jahr — das preisen die Märkte inzwischen ein. Für Silber bedeutet das doppelten Gegenwind: als zinsloses Asset leidet es unter dem Zinsumfeld, und ein stärkerer Dollar verteuert es für internationale Käufer.
Ein Lichtblick bleibt die strukturelle Nachfrageseite:
- Rund 50 % der globalen Silbernachfrage entfallen auf industrielle Anwendungen
- Solarmodule, Elektronik und Medizintechnik treiben den Verbrauch
- Die Energiewende sorgt für langfristig steigende Industrienachfrage
Dieses Fundament verhindert bislang einen noch tieferen Fall. Kurzfristig dominiert allerdings die monetäre Seite das Geschehen.
Brent Crude: Hormuz-Öffnung drückt Preis auf Viermonatstief
Die Entspannung in der Straße von Hormus hat den Ölmarkt in dieser Woche regelrecht durchgeschüttelt. Brent Crude fiel auf 73,57 Dollar je Barrel — den niedrigsten Stand seit Ende Februar — und verbuchte einen Wochenverlust von über 10 %.
Saudi-Arabien begann mit der Beladung von Tankern am Ras-Tanura-Terminal. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und Katar steigern ebenfalls ihr Angebot, obwohl ausreichend Tanker schwer zu beschaffen sind. Die Golfexporte wurden auf rund 75 % der Vorkriegsniveaus wiederhergestellt.
Ein kurzer Schreckmoment am Donnerstag — das Containerschiff Ever Lovely wurde südöstlich von Oman von einem Projektil getroffen — sorgte für eine Erholung von 2 %. US-Präsident Trump bestätigte jedoch, dass die Meerenge offen bleibt. Der Markt nahm das als Entwarnung.
Goldman Sachs senkte seine Brent-Prognose für das vierte Quartal auf 80 Dollar, von zuvor 90 Dollar. Die Analysten erwarten, dass die Golfexporte bis Ende Juli auf Vorkriegsniveaus zurückkehren — einen Monat früher als bisher angenommen. Vandana Hari von Vanda Insights warnte allerdings: Der Rückgang sei „vollständig stimmungsgetrieben“. Der Markt preise das bestmögliche Szenario ein, ohne potenzielle Störungen durch Logistik oder erneute geopolitische Spannungen angemessen zu berücksichtigen. Ein RSI von 28,9 deutet auf eine stark überverkaufte Lage hin.
WTI: Unter 71 Dollar — das Pendel schwingt zum Überangebot
WTI folgt dem Brent-Trend und fiel am Freitag unter 71 Dollar. Die geopolitische Risikoprämie, die den Preis einst auf ein 52-Wochen-Hoch von 117,63 Dollar getrieben hatte, verdampft in beschleunigendem Tempo. Vier Verlusttage in Folge machten nahezu alle seit Ausbruch des Nahostkonflikts aufgebauten Gewinne zunichte.
Der Markt richtet den Blick jetzt nach vorn — und sieht einen globalen Angebotsüberschuss 2026. Ein temporärer US-Dispens für Käufe bereits beladener iranischer Ölmengen soll das verfügbare Angebot zusätzlich erhöhen.
Ein Gegengewicht liefern die US-Lagerbestände. In Cushing fielen sie unter das betriebliche Minimum auf 19 Millionen Barrel. Diese physische Knappheit stützt WTI kurzfristig, während der übergeordnete Trend klar abwärts gerichtet ist. Es war die dritte Verlustwoche in Folge.
Kaffeepreis: Brasiliens Regen treibt Arabica auf Sechswochenhoch
Während fast alle Rohstoffe unter Druck stehen, schreibt Arabica-Kaffee seine eigene Geschichte. Der Preis stieg auf 278,40 US-Cent pro Pfund — den höchsten Stand seit Mai. Am Freitag folgte dann ein scharfer Rücksetzer um 5,14 % auf 273,95 Cent, der die Wochenbilanz ins Minus drückte.
Der Auslöser für die Rallye: Erneute Regenfälle in Brasilien verzögern die Kaffeeernte erheblich. Meteorologe Climatempo meldete eine neue Kaltfront über Südbrasiliens Anbauregionen. Zum 17. Juni waren erst 39 % der bepflanzten Fläche abgeerntet — unter dem Vorjahreswert von 43 % und leicht unter dem Fünfjahresdurchschnitt.
Auf der Angebotsseite stehen sich zwei Erzählungen gegenüber:
- Das USDA prognostiziert Brasiliens Ernte 2026/27 auf einen Rekordwert von 71,9 Millionen Säcken — 14 % mehr als in der Vorsaison
- Brasiliens eigene Behörde Conab schätzt deutlich konservativer mit 66,7 Millionen Säcken
- El Niño könnte die Blütezeit im September und Oktober stören und das Produktionspotenzial für das Folgejahr beeinträchtigen
Die Hormuz-Entspannung wirkt bei Kaffee gegenläufig zum Ölmarkt. Die Wiedereröffnung der Meerenge sollte globale Schifffahrtsraten und Versicherungskosten senken — was Kaffeeimporteure entlastet und den Preis mittelfristig drückt. In Deutschland hatte ALDI bereits im März als erster großer Händler Kaffeepreise dauerhaft um bis zu 1,50 Euro gesenkt.
Zwei Schocks, fünf Märkte — Rohstoffe am Scheideweg
Die Wochenbilanz lässt sich auf zwei dominante Kräfte verdichten: der Rückgang der geopolitischen Risikoprämie durch die Hormuz-Öffnung und der Anstieg der monetären Risikoprämie durch die hawkishe Fed. Beide drücken in dieselbe Richtung — nach unten.
Bemerkenswert: Sinkende Ölpreise reduzieren eigentlich den Inflationsdruck und sollten Gold stützen. Stattdessen überlagerte der Zinserhöhungsdruck diesen Effekt vollständig. Nur Arabica-Kaffee folgte einer eigenen, wettergetriebenen Logik.
Für die kommenden Wochen entscheidet bei Gold und Silber, ob die Fed ihren hawkishen Kurs tatsächlich in Zinserhöhungen ummünzt. Die Märkte preisen eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit einer Anhebung im Dezember ein. Bei Öl kommt es auf die Geschwindigkeit der Angebotsrückkehr an — Trumps Vorwurf, Iran verletze den Waffenstillstand durch Drohnenangriffe auf Schiffe, zeigt, wie fragil der Frieden bleibt. Und beim Kaffee richtet sich der Blick auf das El-Niño-Fenster: Ein stärkeres Ereignis könnte die kritische Blütezeit verzögern und die optimistischen Ernteprognosen des USDA in Frage stellen.
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