HPE verdoppelt sich fast — Intuit und Carvana im freien Fall
KI-Infrastrukturwerte wie HPE und Corning legen massiv zu, während Intuit und Carvana unter Druck geraten. Der S&P 500 erreicht ein neues Rekordhoch.

- HPE-Aktie springt um 19 Prozent
- Corning profitiert von Nvidia-Partnerschaft
- Intuit nach Goldman-Abstufung im Minus
- Carvana leidet unter Insider-Verkäufen
Glasfaser, KI-Server, Insider-Verkäufe und eine Goldman-Abstufung: Der S&P 500 zeigt am Dienstag ein zweigeteiltes Bild. Während die Computex-Euphorie Infrastrukturwerte auf neue Höhen katapultiert, geraten Software- und Konsumtitel unter massiven Druck. Sechs Aktien, die den Riss im Index sichtbar machen.
S&P 500 auf Rekordhoch — aber nur dank KI
Der S&P 500 schloss gestern erstmals oberhalb der 7.600-Punkte-Marke. Ein starker JOLTS-Bericht mit 7,6 Millionen offenen Stellen — der höchste Stand seit fast zwei Jahren — unterstützte die Aufwärtsbewegung. Die Breite der Rallye täuscht allerdings.
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Ein Goldman-Sachs-Index, der KI-Profiteure herausrechnet, liegt seit Ende Februar leicht im Minus. Der Gesamtindex legte im selben Zeitraum rund 10 % zu. KI-Gewinner allein steuerten über 45 % bei. Die Konzentration auf wenige Titel nimmt damit ein Ausmaß an, das an 2023 erinnert.
| Gewinner | Kurs | Veränderung |
|---|---|---|
| Hewlett Packard Enterprise | 48,14 € | +19,0 % |
| Corning | 172,32 € | +13,5 % |
| Alexandria Real Estate Equities | 45,52 € | +8,9 % |
| Verlierer | Kurs | Veränderung |
|---|---|---|
| Carvana | 55,35 € | −9,4 % |
| The Trade Desk | 18,19 € | −8,9 % |
| Intuit | 277,15 € | −8,9 % |
Hewlett Packard Enterprise: Fundamentale Neubewertung als KI-Infrastrukturgewinner
HPE lieferte gestern den spektakulärsten Kurssprung im gesamten S&P 500. Plus 19 % an einem Tag — und das bei einem Unternehmen, das viele Anleger zuletzt abgeschrieben hatten.
Der Quartalsbericht übertraf die Erwartungen so deutlich wie seit 2018 nicht mehr. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 0,79 USD gegenüber erwarteten 0,53 USD. Der Gesamtumsatz erreichte 10,68 Milliarden USD, fast eine Milliarde über dem Konsens. Besonders beeindruckend: Das Server-Segment kam auf 5,45 Milliarden USD — weit über den geschätzten 4,66 Milliarden.
KI-Aufträge und der zugehörige Auftragsbestand haben sich im Jahresvergleich nahezu verdoppelt. Das Networking-Segment wuchs um 148 %. HPE hob die EPS-Guidance für das Geschäftsjahr 2026 auf eine Spanne von 3,35 bis 3,45 USD an — der Konsens hatte bei 2,43 USD gelegen.
Chip-Analyst Patrick Moorhead brachte es auf den Punkt: HPE erreiche seine Profitabilitätsziele für den KI-Bereich eineinhalb Jahre früher als geplant. Die Aktie hat sich seit ihrem Jahrestief im Juni 2025 mehr als verdreifacht. Allein in den letzten 30 Tagen beträgt das Plus knapp 96 %.
Corning: Die unsichtbare Schicht der KI-Revolution
Corning ist kein Chip-Unternehmen. Es stellt die Glasfaser her, über die KI-Cluster kommunizieren. Jeder Chip in einem Rechenzentrum muss mit Tausenden anderer verbunden sein — und diese Verbindungen laufen über Glasfaser. Je größer die Cluster, desto stärker skaliert die Nachfrage.
Der Kurssprung von 13,5 % folgte auf Nvidias Computex-Auftritt. Jensen Huang betonte dort die wachsenden Grenzen kupferbasierter Verbindungen und die Notwendigkeit optischer Lösungen für KI-Rechenzentren. Das unterstrich die strategische Bedeutung von Cornings Langzeit-Fertigungspartnerschaft mit Nvidia direkt.
Corning hat sich positioniert:
- Nvidia-Partnerschaft: Verzehnfachung der US-Kapazitäten für optische Konnektivität, drei neue Werke in North Carolina und Texas
- Meta-Vertrag: Mehrjahresabkommen über bis zu 6 Milliarden USD bis 2030
- Kapazitätsausbau: Steigerung der inländischen Glasfaserproduktion um mehr als 50 %
Die Aktie notiert bei 172,32 € und liegt damit rund 4 % unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresanfang hat sich der Kurs mehr als verdoppelt.
Alexandria Real Estate Equities: Dividende als Stabilitätssignal
Unter den Tagesgewinnern fällt Alexandria Real Estate Equities aus dem Rahmen. Als Life-Science-REIT hat das Unternehmen wenig mit der KI-Euphorie zu tun. Der Kursanstieg von knapp 9 % speist sich aus einer anderen Quelle: Dividendenkontinuität in einem verunsicherten Umfeld.
Am Montag verkündete Alexandria eine Quartalsdividende von 0,72 USD je Aktie — konsistent mit dem Vorquartal und zum 30. Mal in Folge. Die Dividendenrendite liegt bei rund 5,8 %. Das Unternehmen verfügt über eine Liquiditätsreserve von 4,17 Milliarden USD, und nur 9 % der Gesamtschulden werden bis 2028 fällig.
Trotz des jüngsten Anstiegs bleibt die Aktie bei 45,52 € weit unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 66,60 €. Der Markt beobachtet vor allem die Zinsentwicklung und deren Auswirkungen auf Immobilienbewertungen. Hier scheinen Anleger auf eine vorsichtige Neubewertung eines tief abgestraften REITs zu setzen.
Carvana: Insider-Verkäufe und schwache Konsumstimmung
Der größte Verlierer des Tages operiert in einem Marktumfeld, das insgesamt konstruktiv war — was den Rückgang von 9,4 % umso auffälliger macht.
Zwei SEC-Meldungen vom Montag offenbarten geplante Insider-Verkäufe von über 113.000 Aktien. Ein Block von 63.750 Stück ist über einen 10b5-1-Plan mit CFO Mark Jenkins verbunden. Ein separater Block von 50.000 Aktien hängt mit einem BHJC Trust zusammen. Solche Meldungen allein erklären selten einen Tagesverlust in dieser Größenordnung.
Der breitere Kontext verschärft die Lage: Anhaltende Margendruck-Sorgen nach einer EBITDA-Margenkompression im ersten Quartal, Vorsicht gegenüber Konsumausgaben in unteren und mittleren Einkommensschichten sowie komprimierte Fahrzeugpreismargen bilden einen toxischen Mix. Die Aktie hat in den vergangenen 30 Tagen bereits 14 % verloren.
The Trade Desk: Führungschaos und Wachstumssorgen
The Trade Desk steht stellvertretend für ein tieferliegendes Problem. Gestern fiel die Aktie um knapp 9 % und notiert bei 18,19 € — ein Minus von über 43 % seit Jahresanfang.
Der unmittelbare Auslöser waren Gewinnmitnahmen im Softwaresektor nach einer historisch starken Rallye der vergangenen Tage. Der iShares Expanded Tech-Software ETF hatte in drei Sitzungen 15 % zugelegt. Hinzu kam die Ankündigung eines neuen CFOs, die Bedenken hinsichtlich der Führungsstabilität aufwarf. Der Vorgänger hatte die Position erst fünf Monate bekleidet.
Das strukturelle Problem wiegt schwerer:
- Schwache Guidance: Die Q2-Umsatzprognose von mindestens 750 Millionen USD liegt unter dem Konsens von 771 Millionen USD
- Budgetvorsicht: Werbetreibende kürzen wegen geopolitischer Instabilität und Zöllen
- Publicis-Streit: Die Werbeagentur riet Kunden nach einem Audit über angeblich nicht autorisierte Gebühren von der Plattform ab
Das Papier notiert nur noch knapp 6 % über seinem 52-Wochen-Tief.
Intuit: Goldman stuft auf Sell — KI bedroht den Burggraben
Goldman Sachs stufte Intuit gestern von Neutral auf Sell herab und setzte ein Kursziel von 276 USD. Der Kurs fiel um 8,9 % auf 277,15 €.
Die Abstufung trifft eine bereits verwundete Aktie. Im Mai war Intuit nach schwachen Quartalszahlen und der Ankündigung, rund 17 % der Vollzeitbelegschaft zu streichen, um 20 % eingebrochen. Auf Jahressicht steht ein Minus von über 48 %. Vom 52-Wochen-Hoch bei 706,80 € hat sich der Kurs mehr als halbiert.
Das Management räumte ein, die Steuersaison sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Bei preissensitiven Privatkunden habe man „on price“ verloren. Die zentrale Befürchtung des Marktes: KI-gestützte Steuersoftware könnte genau den Teil von Intuits Geschäft erodieren, der bislang als Wettbewerbsvorteil galt.
Die Stellenstreichungen lassen den jüngsten Quartalsbericht weniger wie ein solides Ergebnis und mehr wie einen Unternehmens-Reset wirken.
KI-Konzentration als zweischneidiges Schwert
Der Handelstag macht die zunehmende Spaltung im S&P 500 greifbar. HPE und Corning reiten auf der KI-Welle und liefern Kursgewinne, die an die Frühphase eines neuen Superzyklus erinnern. Intuit und The Trade Desk dagegen zeigen, dass KI nicht nur Gewinner schafft — sie bedroht etablierte Geschäftsmodelle und verändert Werbebudgets.
Carvana und Alexandria Real Estate Equities stehen für die Teile des Marktes, die von der KI-Euphorie kaum profitieren: Konsum und Immobilien kämpfen mit ganz eigenen Problemen. Ein starker Arbeitsmarkt könnte die Fed zudem ermutigen, an ihrer restriktiven Haltung festzuhalten — ein Risiko gerade für zinssensitive Titel. Die Breite des Index täuscht. Wer genau hinsieht, erkennt einen Markt, der an wenigen Titeln hängt.
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