IBM Aktie: 12,5 Milliarden Dollar KI-Buchungen intakt

Trotz gesenkter Kursziele halten die meisten Analysten an positiven Bewertungen für IBM fest. Der Ausverkauf scheint übertrieben.

Die Kernpunkte:
  • Mainframe-Absatz bricht ein
  • Jahresprognose wurde gesenkt
  • Analystenratings bleiben positiv
  • RSI zeigt überverkauften Bereich

IBM notiert aktuell bei 183,00 Euro, ein Plus von 0,69 Prozent. Erst am Vortag markierte die Aktie ein frisches Jahrestief. Für mich überwiegen inzwischen die Argumente für eine Übertreibung des Ausverkaufs. Eindeutig bullisch ist die Lage trotzdem nicht.

Woher der Ausverkauf kommt

Der Auslöser ist klar: Der Absatz von Mainframe-Hardware ist eingebrochen. Das hat die Infrastruktur-Umsätze belastet und IBM zur Senkung der Jahresprognose gezwungen. Das Management erklärt einen Teil der Schwäche mit einer Verschiebung: Kunden verlagerten Investitionen in Server, Speicher und Arbeitsspeicher vor, um steigenden Preisen zuvorzukommen.

Diese Erklärung verdient eine kritische Prüfung, keine blinde Zustimmung. Wedbush-Analyst Dan Ives widerspricht am deutlichsten. Für ihn war der Fehltritt im zweiten Quartal ein Problem beim Abschluss von Deals, kein grundlegender Wandel der Nachfrage nach IBMs KI-Strategie. Er verweist auf 12,5 Milliarden US-Dollar an Gesamtbuchungen im Generative-KI-Geschäft und ein Mainframe-Wachstum von 51 Prozent im ersten Quartal beim z17-System. Beides spricht laut Ives dafür, dass das Kerngeschäft intakt bleibt.

Kursziele sinken, Ratings halten

Hier braucht es Differenzierung. Die Wall Street ist keineswegs ungebrochen optimistisch. Fast jede große Bank hat ihr Kursziel nach den enttäuschenden vorläufigen Zahlen gekappt:

  • JPMorgan senkt das Ziel von 291 auf 250 US-Dollar, das Rating bleibt Overweight. Analyst Brian Essex nennt die Mainframe-Vorwarnung enttäuschend, verweist aber auf den Abschlag zur Sum-of-the-Parts-Bewertung.
  • Argus reduziert von 360 auf 280 US-Dollar, Buy bleibt bestehen.
  • BofA Securities senkt von 330 auf 280 US-Dollar, ebenfalls bei Buy.
  • Citi geht am weitesten: Analystin Fatima Boolani kürzt von 375 auf 255 US-Dollar, Rating weiterhin Buy.
  • Jefferies schneidet von 320 auf 260 US-Dollar, ein Abschlag von 18,75 Prozent, Buy bleibt.

Selbst ein vorsichtiger Bulle wie Oppenheimer knickt ein: Das Haus stuft IBM von Outperform auf Perform herab, wegen der schwachen Prognose.

Der rote Faden: Die Ratings bleiben mehrheitlich positiv, die Kursziele fallen aber deutlich und einheitlich. Das liest sich für mich als „weniger schlimm als befürchtet, aber schlechter als erwartet“ – nicht als unveränderte Überzeugung.

Charttechnik zeigt Kapitulation, nicht Überzeugung

Die technische Lage stützt die These der Übertreibung. Der RSI(14) liegt bei 31,8 und damit tief im überverkauften Bereich. Ein Wert, der selten allein durch einen schwachen Quartalsabschluss gerechtfertigt ist. Die annualisierte Volatilität ist förmlich explodiert – ein Zeichen dafür, dass der Markt den Schock noch verdaut, statt ihn nüchtern einzupreisen.

Der Konsens sieht mehr Wert, aber die Messlatte sank

Trotz der Kürzungswelle impliziert das Analysten-Konsensziel von 238,58 Euro noch immer ein Potenzial von rund 30,4 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs. Diese Lücke lässt sich schwer ignorieren, selbst wenn der Konsens seit Wochen sinkt.

JPMorgans Begründung für das Festhalten am Overweight-Rating ist bemerkenswert. Die Bank argumentiert, IBM notiere inzwischen mit einem Abschlag zur Sum-of-the-Parts-Bewertung. Der Markt habe die zusätzlichen Risiken damit größtenteils eingepreist. JPMorgan verweist zudem auf Flexibilität: mögliche Kostensenkungen und eine bestehende Rückkauf-Ermächtigung über 2 Milliarden US-Dollar, die IBM in den vergangenen Jahren kaum genutzt hat.

Die Skeptiker haben allerdings echte Argumente. JPMorgan selbst warnt, die Prognoseänderung spiegle ein reales strukturelles Risiko wider. Die Bank erwartet, dass IBM bei künftigen Prognosen konservativer auftritt – mit niedrigeren Wachstumserwartungen für 2026 in Software, Beratung und Mainframe-Geschäft.

Mein Fazit: überverkauft, aber nicht unbeschädigt

Den Ausschlag zugunsten von „übertrieben“ statt „kaputt“ gibt für mich, dass praktisch kein großer Analyst sein positives Rating komplett aufgegeben hat. Overweight- und Buy-Einstufungen dominieren weiterhin, nur auf niedrigerem Kursniveau. Diese Kombination spricht für mich klar: überverkaufte Charttechnik, gekürzte aber weiterhin konstruktive Kursziele und ein Konsens mit deutlichem Erholungspotenzial. Der Ausverkauf ist über das fundamental gerechtfertigte Maß hinausgegangen.

Das Ausmaß der Kürzungen bei JPMorgan und Citi sowie bei BofA, Argus und Jefferies zeigt aber: Das ist kein reines Störgeräusch. Der Mainframe-bedingte Fehltritt hat das mittelfristige Ertragsbild real angeschlagen. Rutschen im dritten Quartal weitere Deal-Abschlüsse ab, würde das eine tiefere Erosion in IBMs margenstärkstem Kerngeschäft bestätigen. Meine Überzeugung bleibt daher verhalten, nicht triumphierend. Statistisch ist die Aktie günstig, technisch überdehnt nach unten. Die Warnung bleibt trotzdem real: Die Messlatte für eine dauerhafte Erholung ist gesunken.

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