Infineon am Allzeithoch, Micron im Billionen-Club — ServiceNow und Nvidia liefern ab
Infineon erreicht neues Allzeithoch, Micron knackt Billionen-Marke. Nvidia investiert massiv in Taiwan, während ServiceNow und Microsoft KI-Umsätze steigern.

- Infineon mit neuem 52-Wochen-Hoch
- Micron durchbricht Billionen-Dollar-Schwelle
- Nvidia investiert 150 Milliarden in Taiwan
- ServiceNow verdoppelt KI-Vertragswert
150 Milliarden Dollar pro Jahr für Taiwan, ein neuer Rekord bei Speicherchips und ein europäischer Halbleiterwert, der seit Jahresanfang mehr als 100 Prozent zugelegt hat. Die KI-Investitionswelle erfasst in dieser Woche gleich mehrere Etagen der Wertschöpfungskette — von der Chipfertigung über Leistungselektronik bis zur Enterprise-Software. Fünf Aktien stehen im Zentrum.
Nvidia: 150 Milliarden Dollar jährlich für Taiwans Chip-Ökosystem
CEO Jensen Huang hat das Ausmaß von Nvidias Taiwan-Engagement auf eine neue Stufe gehoben. Auf einer Feier zum geplanten Hauptquartier in Taipeh bezifferte er die jährlichen Ausgaben auf dem Inselstaat auf rund 150 Milliarden Dollar. Vor vier bis fünf Jahren lag diese Summe noch bei 10 bis 15 Milliarden — inzwischen sind es bereits etwa 100 Milliarden, Tendenz weiter steigend.
Der Spatenstich für das neue Hauptquartier soll noch in diesem Jahr erfolgen, die Inbetriebnahme ist für 2030 geplant. Der Standort wird Nvidias Zusammenarbeit mit Schlüsselpartnern wie Foxconn, Wistron und Quanta Computer vertiefen — Unternehmen, die das Rückgrat der KI-Serverfertigung bilden. Huang bezeichnete Taiwan als „Epizentrum“ der globalen KI-Revolution und erwartet, dass die Insel über Jahrzehnte hinweg der wichtigste Technologie-Fertigungshub bleibt.
Die Quartalszahlen untermauern diesen Optimismus. Im ersten Quartal stieg der Umsatz um 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Nettogewinn verdreifachte sich auf 58,3 Milliarden Dollar. Mit einer Marktkapitalisierung von 5,23 Billionen Dollar ist Nvidia das wertvollste Unternehmen der Welt. An der Börse notiert die Aktie aktuell bei 182,10 Euro — rund 9 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von Mitte Mai.
Micron: UBS verdreifacht Kursziel, Billionen-Marke geknackt
Kein anderer KI-Wert hat in den vergangenen Wochen eine derart explosive Neubewertung erfahren wie Micron. Am Dienstag hob UBS-Analyst Timothy Arcuri sein Kursziel von 535 auf 1.625 Dollar an — ein Sprung um 204 Prozent und damit das neue Straßen-Hoch.
Die Begründung geht über kurzfristige Nachfrage hinaus. Arcuri argumentiert, dass langfristige Lieferverträge mit teilweise fixierten Preisen die berüchtigte Zyklik des Speichermarkts strukturell dämpfen. Statt quartalsweiser Preisschwankungen auf dem Spotmarkt sichern Großkunden wie Hyperscaler ihren Bedarf an High-Bandwidth-Memory über mehrjährige Vereinbarungen ab. Micron ist einer von nur drei Herstellern weltweit, die HBM in großem Maßstab fertigen können.
Die Marktreaktion war entsprechend heftig: Am Tag der UBS-Anhebung schloss die Aktie fast 20 Prozent im Plus und durchbrach erstmals die Billionen-Schwelle bei der Marktkapitalisierung. Im nachbörslichen Handel legte der Kurs weitere 2 Prozent zu. Der Umsatz im zweiten Fiskalquartal lag bei rund 23,9 Milliarden Dollar — ein Anstieg um 196 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der vierte Quartalsrekord in Folge.
Aktuell notiert Micron bei 789,60 Euro, nach einem Wochenplus von über 20 Prozent. Seit Jahresanfang hat sich der Kurs nahezu verdreifacht. Der Konsens der Analysten liegt mit rund 570 Dollar allerdings weit unter dem UBS-Ziel — die Wall Street ist hier gespalten.
Infineon: Europas KI-Gewinner markiert frisches Allzeithoch
Infineon schreibt gerade eine der bemerkenswertesten europäischen Kursgeschichten des Jahres. Die Aktie erreichte heute mit 78,55 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch und liegt damit mehr als 105 Prozent über ihrem Jahresstartwert. Ein Tagesplus von 2,21 Prozent unterstrich die anhaltende Dynamik.
Der Münchner Halbleiterkonzern profitiert von einer Nische, die oft übersehen wird: Er baut keine KI-Beschleuniger, sondern liefert die Leistungselektronik, die energiehungrige Rechenzentren am Laufen hält. Für das Geschäftsjahr 2026 rechnet Infineon mit KI-Rechenzentrumsumsätzen von etwa 1,5 Milliarden Euro, im Folgejahr sollen es rund 2,5 Milliarden werden.
Parallel treibt CEO Jochen Hanebeck den Konzernumbau voran:
- Neue Struktur ab Juli 2026: Drei statt bisher vier Divisionen — Automotive (ca. 50 % des Umsatzes), Power Systems (ca. 30 %) und Edge Systems (ca. 20 %)
- Übernahme: Teile des Sensorgeschäfts von ams OSRAM für 570 Millionen Euro, mit Fokus auf Medizintechnik, Gebäudeautomation und humanoide Robotik
- Analystenoptimismus: Citi erhöhte das Kursziel auf 80 Euro, Goldman Sachs auf 75 Euro, JPMorgan bestätigte „Overweight“ bei 74 Euro
Deutsche Bank erwartet für das Geschäftsjahr 2026/27 ein Umsatzwachstum von rund 15 Prozent und einen Gewinnanstieg je Aktie von etwa 40 Prozent. Die Bewertung mit einem KGV von rund 54 ist ambitioniert, dürfte aber mit steigender Auslastung der Dresdner Fab ab 2027 sinken.
Microsoft: Agenten statt Chatbots — der nächste Plattformwechsel
Während die Chipwerte mit Investitionsrekorden glänzen, vollzieht Microsoft einen leisen, aber tiefgreifenden Umbau seines gesamten Produktstapels. Seit Mitte Mai sind sogenannte Computer-Using-Agents in Copilot Studio allgemein verfügbar. Diese Agenten bedienen beliebige Anwendungen — ohne spezielle Schnittstellen, ganz wie ein menschlicher Nutzer.
Das Konzept geht weit über einfache Chatbots hinaus. Microsoft verwandelt seine Copilot-Plattform in einen umfassenden Automatisierungshub für Unternehmen, mit tiefer Integration in Dynamics 365 und das gesamte Microsoft-365-Ökosystem. Auf der Windows-Seite liefert das Unternehmen mittlerweile KI-Modell-Updates als fortlaufende Komponente des Betriebssystems aus — lokale KI wird zur Dauerinfrastruktur.
Die Zahlen untermauern diese Strategie. Im dritten Quartal erreichte der Umsatz 82,9 Milliarden Dollar bei einem operativen Gewinn von 38,4 Milliarden. Die KI-Sparte allein kommt auf eine annualisierte Run-Rate von 37 Milliarden Dollar, ein Plus von 123 Prozent im Jahresvergleich. Microsofts Work Trend Index zeigt zudem, dass 78 Prozent der Wissensarbeiter weltweit mindestens wöchentlich KI-Agenten nutzen — 2024 waren es noch 12 Prozent.
Am Kurszettel spiegelt sich das noch nicht vollständig wider. Die Aktie notiert bei 358,70 Euro, ein Minus von gut 11 Prozent seit Jahresanfang und fast ein Viertel unter dem 52-Wochen-Hoch. Der Analystkonsens von 55 Experten sieht im Schnitt ein Kursziel von rund 561 Dollar und bewertet den Titel mit „Strong Buy“. Microsofts rund 27-prozentige Beteiligung an OpenAI, bewertet auf etwa 135 Milliarden Dollar, bleibt ein zusätzlicher Werttreiber.
ServiceNow: Now Assist verdoppelt Vertragswert
ServiceNow liefert den Beweis, dass sich KI-Investitionen auch auf der Software-Ebene in harte Umsätze übersetzen. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Abo-Erlöse auf 3,67 Milliarden Dollar — ein Plus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Der eigentliche Paukenschlag kam aus der generativen KI-Suite Now Assist. Der Netto-Neuvertragswert hat sich im Jahresvergleich mehr als verdoppelt. 244 Transaktionen überschritten die Millionengrenze beim Netto-Neuvertragswert, ein Zuwachs von fast 40 Prozent. Das Management hob die Jahresprognose für den Abo-Umsatz auf 15,74 bis 15,78 Milliarden Dollar an, was einem Wachstum von 22 bis 22,5 Prozent entspricht.
Auf dem Analystenday Anfang Mai präsentierte ServiceNow langfristige Ziele bis 2030: Der Abo-Umsatz soll auf 30 Milliarden Dollar steigen, rund 30 Prozent davon über Now Assist generiert. Bernstein-Analyst Peter Weed hob sein Kursziel auf 236 Dollar an und verwies auf die „Rule of 40″-Ambition von über 60 als bullisches Signal. Bank of America nahm die Aktie im Mai mit einem Buy-Rating wieder auf.
KI-Sektor zwischen Hardware-Überzeugung und Software-Monetarisierung
Die Ereignisse der vergangenen Tage zeichnen ein zweigeteiltes Bild. Auf der Hardware-Seite erreichen die Kapitalzusagen historische Dimensionen. Nvidias Taiwan-Wette ist auf eine Dekade angelegt, Microns strukturelle Neubewertung durch langfristige Lieferverträge stellt das zyklische Geschäftsmodell der Speicherbranche grundlegend in Frage. Infineon besetzt als Leistungselektronik-Zulieferer eine Schlüsselposition, die mit jedem neuen Rechenzentrum an Bedeutung gewinnt.
Auf der Software-Seite verschieben Microsoft und ServiceNow die Debatte von „ob KI Umsatz bringt“ zu „wie schnell“. Die Kombination aus Microsofts agentischem Plattformwechsel und ServiceNows verdoppeltem KI-Vertragswert zeigt: Enterprise-Kunden investieren nicht mehr testweise, sondern systemisch.
Nächste Wegmarken für KI-Anleger
Der Kalender bleibt dicht getaktet. Infineon legt am 5. August Quartalszahlen vor — Analysten erwarten einen Umsatz von mehr als 4,1 Milliarden Euro. Microsofts Build-2026-Konferenz im Juni wird zeigen, ob der Übergang von angekündigten zu produktionsreifen KI-Agenten gelingt.
Für Micron steht die Frage im Raum, ob künftige Quartale die UBS-These validieren, dass langfristige Lieferverträge die Volatilität im Speichermarkt dauerhaft senken. Die Kluft zwischen dem UBS-Kursziel und dem Konsens ist beträchtlich — die kommenden Ergebnisse werden hier Klarheit schaffen.
Nvidia wiederum hat mit dem Taiwan-Engagement einen physischen Anker gesetzt, der über kurzfristige Quartalsschwankungen hinausweist. 4.000 Ingenieure im neuen Hauptquartier sollen die Zusammenarbeit mit dem kritischsten Halbleiter-Ökosystem der Welt vertiefen. Über alle fünf Titel hinweg zeigt der KI-Investitionszyklus keine Anzeichen einer Verlangsamung. Die entscheidende Frage lautet nun: Welche Schicht der Wertschöpfungskette fängt den größten dauerhaften Wert ein — Chips, Leistungselektronik oder Software?
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