Interview mit Jochen Moll, Vorstandssprecher Intershop Communications AG

Nach den heute vorgelegten Halbjahreszahlen des Software-Anbieters Intershop-Communications haben wir uns mit dem Vorstandssprecher Jochen Moll darüber unterhalten, wo er die Stärken und Schwächen seines Unternehmens in den ersten sechs Monaten gesehen hat und welche Erwartungen er an das zukünftige Geschäft stellt. Dazu gehörten auch Auskünfte über die neue Marktpositionierung sowie über den erfolgreichen Ausbau der Kundenbasis.

 

Börse Global: Intershop hat heute Zahlen für das erste Halbjahr 2015 veröffentlicht. Darin zeigt eine deutlich verbesserte Geschäftsentwicklung gegenüber dem Vorjahr. Was waren die wesentlichen Treiber?
© Intershop Communications
© Intershop Communications

Jochen Moll: Die Halbjahreszahlen zeigen, dass wir mit unserem Umbau vom Serviceunternehmen zum ganzheitlichen Lösungsanbieter für Omni-Channel-Commerce gut vorankommen. Wesentliche Treiber sind unser deutlich erweitertes internationales Partnernetzwerk, über das wir viel Neugeschäft generieren, und die stärkere Ausrichtung unseres Vertriebs auf das Produktgeschäft. So haben wir unsere Produktumsätze (Lizenzen, Wartung) in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 21 % auf 7,3 Mio. Euro gesteigert, wovon 3,4 Mio. Euro (+43 %) auf Lizenzerlöse entfallen. Zudem haben wir durch Kostenoptimierungen und Steigerung der Bruttomarge den Verlust im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurückgefahren und lagen im zweiten Quartal bereits nahe dem Break-even.

 

Börse Global: Trotzdem haben Sie insgesamt weiter sinkende Umsätze zu verzeichnen. Und das, wo doch Ihre Kunden Unternehmen aus der Wachstumsbranche E-Commerce sind. Wieso konnte Intershop davon zuletzt nicht stärker profitieren?

Jochen Moll: Zum einen haben wir im letzten Jahr unser nicht-strategisches Online-Marketing-Geschäft verkauft. Bereinigt man den letztjährigen Umsatz um diesen Effekt, lag unser Umsatzrückgang nur bei 3 %. Zum anderen hatten wir in der Vergangenheit einen starken Fokus auf Großkunden. Und in diesem Kundensegment führten ausgelaufene Projekte im Verlauf des Jahres 2014 zu erheblichen Umsatzeinbußen. Nicht zuletzt um diese Abhängigkeit zu verringern und die Attraktivität für Partnerunternehmen sowie mittelständische Kunden zu erhöhen, haben wir die bereits erwähnte strategische Neuausrichtung eingeschlagen.

Heute bieten wir auch verstärkt mittelständischen Kunden, die zunächst weniger Umsatz generieren, jedoch erhebliches Wachstumspotential für die Zukunft bieten, optimale Lösungen an und konnten in diesem Segment in den vergangenen Monaten erfreuliche Neukundenzahlen verbuchen. Wir erhoffen uns von diesem Umbau, in Zukunft deutlich stärker von der Dynamik des E-Commerce-Markts zu profitieren als bisher.

 

Börse Global: Welche Neukunden sind im ersten Halbjahr dazu gekommen? Können Sie Namen nennen?

Jochen Moll: Wir verzeichnen insgesamt seit Jahreswechsel einen erheblichen Zuwachs an neuen Kunden und Projekten und unsere Pipeline für Neugeschäft ist gut gefüllt. Leider dürfen wir viele Kunden grundsätzlich nicht respektive erst dann nennen, wenn das Go-Live der Shops erfolgt ist.

Bereits bekannt gegeben haben wir beispielsweise die Realisierung der europäischen Ländershops für Produkte der Kaffeemarke Tassimo, des indischen Online-Shops des renommierten US- Büroartikelherstellers Staples, oder der Shops des niederländischen Unternehmens Daily Fresh Foods, das Lebensmittel über das Internet vertreibt. Ein weiterer bekannter Kunde ist der Online-Optiker Mister Spex, der mit neuen Ländershops auf Basis der Intershop-Plattform seine Expansion in Europa weiter vorantreibt.

 

Börse Global: Sie haben im ersten Halbjahr einen Bankkredit über 6 Mio. Euro aufgenommen und mit einer Bürgschaft des Landes Thüringen besichert. Wozu dient das Darlehen?

Jochen Moll: Für Intershop als Wachstumsunternehmen ist es wichtig, über eine gesunde finanzielle Basis zu verfügen. Das Darlehen sichert uns die nötige Flexibilität im Tagesgeschäft z.B. zum Ausgleich saisonaler Schwankungen. Gleichzeitig verfügen wir im Vergleich zu unseren Wettbewerbern weiterhin über eine sehr moderate Verschuldungsrate.

Für die weitere Produktentwicklung wollen wir auf der Eigenkapitalseite ebenfalls unseren Spielraum erhöhen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Dazu bitten wir unsere Aktionäre auf der nächsten Hauptversammlung um die Zustimmung zur Schaffung eines neuen Genehmigten Kapitals.

 

Börse Global: Was macht Sie so optimistisch, dass Intershop nach wechselhaften Jahren dieses Mal auf dem richtigen Kurs ist?

Jochen Moll: Die Maßnahmen, die wir letztes Jahr für die Neuausrichtung getroffen haben, waren keine kosmetischen Korrekturen, sondern haben strategischen Charakter. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber wir wissen auch, dass wir noch nicht am Ziel sind.

 

Börse Global: Warum kommt der Intershop Aktienkurs nach wie vor nicht richtig von der Stelle?

Jochen Moll: Wir haben in 2014 eine sehr schwierige Phase durchlaufen und das Geschäftsjahr mit deutlichen Umsatz- und Ergebniseinbußen abgeschlossen. Die strategische Neuausrichtung war dringend notwendig, um Intershop für die Zukunft fit zu machen. Die ersten Früchte ernten wir jetzt und wir arbeiten daran, dass sich der Aufwärtstrend fortsetzt. Davon sollten auch die Investoren mittelfristig profitieren. Von unserem Jahrestief Ende März (20. März: 0,83 Euro) haben wir uns bereits deutlich entfernt (+49 %; Stand Ende Juli).

Herr Moll, vielen Dank für das Gespräch.

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