Interview mit Thomas Schierack, CEO Bastei Lübbe AG

Mit „oolipo“ bringt die Bastei Lübbe AG im kommenden Jahr ein neues Entertain-Portal an den Start. Die weltweit erste Streaming-Plattform, die speziell für kurze und Serieninhalte konzipiert ist, ist „eine echte Innovation“ und keineswegs ein weiteres eBook-Portal, wie Bastei-Lübbe-CEO Thomas Schierack im Gespräch mit Börse Global klarstellt. Bis Ende 2017 will oolipo 1,5 Mio. Kunden erreichen, langfristiges Ziel ist – inklusive dem chinesischen Markt – die Zahl von über 20 Mio. Usern. Aber auch im Kerngeschäft hat Bastei Lübbe einiges zu bieten: Im laufenden Weihnachtsgeschäft wollen die Kölner mit zahlreichen Spitzentiteln punkten – gute Aussichten also auf eine erneut „attraktive Dividende“.

 

Thomas Schierack © OlivierFavre
Thomas Schierack © Olivier Favre

Börse Global: Herr Schierack, Sie haben den Namen Ihrer neuen Streaming-Plattform bekannt gegeben, die im April 2016 an den Start gehen soll: Was verbirgt sich hinter „oolipo“?

Thomas Schierack: „oolipo“ wird die weltweit erste Streaming-Plattform werden, die speziell für kurze und Serieninhalte konzipiert ist. Unserer Ansicht nach ist das eine echte Innovation, denn damit adressieren wir erstmals die riesige Zielgruppe der Smartphones- und Tablets-Nutzer/User mit einem speziellen und genau darauf zugeschnittenen neuen Entertainment-Angebot. Unser Ziel ist es, zum einen die Leser durch Serieninhalte, die teilweise exklusiv bei „oolipo“ erscheinen, zu begeistern, zum anderen aber auch mit einer neuen Art des Lesens und neuer Technik, die bisher in dieser Form noch keine Plattform geboten hat.

 

Demnach ist oolipo deutlich mehr als ein reines eBook-Portal?

Thomas Schierack: oolipo ist nicht nur deutlich mehr-, es ist überhaupt kein eBook-Portal, sondern eine Plattform für eine völlig neue Art von Inhalten. Wir verstehen uns als Entertain-Portal und bieten weit mehr an, als klassische eBooks, also digitale Versionen von Print-Büchern. Das beginnt schon bei der Optik: Auf oolipo sind zum Beispiel die digitalen Leseinhalte nahezu alle mit Hintergrundbildern belegt. Zudem sind alle Inhalte in kurze Stücke aufgeteilt (Slice), damit sie auf Smartphones optimal gelesen werden können. Wir werden auch – soweit vorhanden – Filmmaterial in die Inhalte einbinden und es finden Verlinkungen dort statt, wo es Sinn macht. Zudem bieten wir die Möglichkeit, dass sich Nutzer via Facebook, Twitter etc. mit anderen Usern austauschen. Es gibt eine Vielzahl von Funktionen, die das Portal so einzigartig machen. Klassische eBooks bieten wir im Übrigen auf oolipo auch gar nicht an.

 

Der Anspruch ist hoch: Ebenso wie Netflix im Bereich Film oder Spotify bei der Musik soll oolipo das Streaming-Portal für moderne digitale Leser werden. Mit welcher Strategie und welchen Inhalten wollen Sie dies erreichen?

Thomas Schierack: Wir wollen sowohl inhaltlich wie auch technisch etwas darstellen, was es bisher noch nicht gibt. Inhaltlich sind wir überzeugt, dass wir mit eigens für oolipo entwickelten exklusiven Serien die Leser begeistern werden. Dass gerade Serieninhalte über lange Zeit ihre Fans begeistern, zeigen TV-Formate immer wieder. Unser Ziel ist es, in Deutschland, England und den USA im Juli 2016 mit je 25 innovativen und teilweise exklusiven Serien, zu starten. Für Abonnenten werden dann täglich neue Serienfolgen und neue Formate hinzukommen. Die besondere Technik der Plattform habe ich schon beschrieben. Wir gehen mit diesen Inhalten und dieser Form des Lesens exakt auf die Bedürfnisse ein, die Leser oder besser Nutzer haben, die ihr Smartphone als zentrale Entertain-Hardware verstehen – und das sind weltweit immer mehr Menschen.

 

Könnten Sie uns auch schon verraten, welches Umsatz- und Ergebnispotenzial Sie mittelfristig bei oolipo sehen?

Thomas Schierack: Unsere Planungen sind recht vorsichtig. Wir wollen Ende 2017 etwa 1,5 Mio. Kunden erreichen, Ende 2018 dann 4,3 Mio. und Ende 2019 7,5 Mio. Kunden – diese Zahlen sind ohne den chinesischen Markt gerechnet. Hinzu kommen dann in 2019 und 2020 noch die Kunden, die wir in China und auch in den spanisch- und französischsprechenden Ländern erreichen wollen. Langfristig ist es unser erklärtes Ziel, im Jahr 2020 die Marke von 20 Mio. Kunden zu knacken.

 

Kommen wir auf das laufende Geschäftsjahr zu sprechen: Bastei Lübbe hat im ersten Halbjahr 2015/2016 eine deutliche Gewinnsteigerung ausgewiesen. Wie viel davon ist operativ verdient, welcher Teil Sondereffekten geschuldet?

Thomas Schierack: Unser EBITDA im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2015/2016 beträgt 7,9 Mio. Euro. Etwas mehr als 6,0 Mio. Euro stammen hier aus dem Verkauf der 3 %igen Beteiligung an der Daedalic Entertainment GmbH, sind also ein Sondereffekt. Auf der anderen Seite stehen dem positiven Sondereffekt durch den Verkauf unserer Beteiligung an der Präsenta Promotion International GmbH, durch eine Rückstellung, die wir für das Ausscheiden von Herrn Plathner gebildet haben und durch weitere Effekte mehrere außerordentliche Aufwendungen in einer Größenordnung von insgesamt rund zwei Mio. Euro gegenüber. Verrechnet man dies alles miteinander, liegt unser Halbjahresergebnis über dem Halbjahresergebnis des letzten Jahres.

 

Was hat Sie dazu veranlasst, stille Reserven bei Ihrer Spieletochter Daedalic zu heben?

Thomas Schierack: Der Verkauf der 3%igen Beteiligung an der Daedalic GmbH hatte einen anderen Hintergrund. Wir haben vor einigen Wochen einen neuen Vertrag mit unseren Hausbanken über eine Konsortialfinanzierung in Höhe von 33 Mio. Euro zuzüglich einer Option von 10 Mio. Euro abgeschlossen. Damit soll insbesondere die Ablösung der Anleihe im kommenden Jahr sichergestellt werden. Die Vereinbarung mit den Banken regelt zum einen die Gelder, die wir in Tochtergesellschaften zu Finanzierungszwecken etc. investieren können, zum anderen auch Verschuldensobergrenzen. Zudem ist der Zinssatz vom Nettoverschuldungsgrad abhängig. Unser Game-Publisher Daedalic plant in den kommenden Jahren ein ambitioniertes Wachstumsprogramm mit erheblicher Ausweitung seines Geschäftes. Das macht natürlich auch eine Finanzierung notwendig. Diese Finanzierung soll von Daedalic eigenständig betrieben werden. Bei einer Konsolidierung würden dennoch die Schulden von Daedalic mit in die Bilanz der Bastei Lübbe AG fließen, was dann wieder Einfluss auf die Zinsmarge hätte. Diesen Effekt wollen wir durch Entkonsolidierung verhindern.

 

Mit den neuen Bestsellern von Sebastian Fitzek, Rebecca Gablé und Jeff Kinney sowie der Taschenbuchausgabe von „Er ist wieder da“ haben Sie gleich 4 heiße Eisen für das Weihnachtsgeschäft im Feuer. Welche Erwartungen haben Sie an das laufende Quartal?

Thomas Schierack: Wir sind im Weihnachtsgeschäft wirklich sehr gut aufgestellt. Noch vor zwei Jahren, als wir an die Börse gingen, war eine der häufigsten Fragen von Journalisten und Investoren, wie wir in einem Jahr ohne einen Blockbuster von Dan Brown oder Ken Follett abschneiden. Jetzt können sie sich die Zahlen ansehen, sie sind stabil, wir wachsen und erzielen stattliche Erträge. Wir haben keinen neuen Brown- oder Follett-Blockbuster im Programm, dafür aber Bestseller von Top-Autoren wie Sebastian Fitzek, Rebecca Gablé und Jeff Kinney! Mit anderen Worten: Wir sind heute sehr viel breiter aufgestellt als noch vor ein paar Jahren und verlegen eine Vielzahl toller Autoren. Hinzu kommt natürlich, dass wir an dem gigantischen Erfolg des Kinofilms „Er ist wieder da“ profitieren. Seit dem Start des Kinofilms, der sich mehrere Wochen auf Platz 1 der Kinocharts gehalten hat, haben wir mehr als 100.000 Bücher verkauft. Insofern sind wir mit dem Weihnachtsgeschäft, so wie es bisher angelaufen ist, sehr zufrieden.

 

Wie sieht Ihre weitere Dividendenstrategie aus? Steht bei Ihnen die Dividendenkontinuität im Vordergrund oder kollidiert dieses Ziel mit den notwendigen Investitionen im Rahmen der Umsetzung Ihrer Digitalstrategie?

Thomas Schierack: Wir haben immer wieder betont, dass wir unseren Aktionären regelmäßig eine attraktive Dividende zahlen wollen. Wir bleiben bei der Aussage, dass wir grundsätzlich 40 % bis 50 % des ausschüttungsfähigen Gewinnes ausschütten wollen und werden. Dies haben wir auch in den beiden letzten Jahren so gehalten. Nach unserer eigenen Liquiditätsplanung soll das auch in den nächsten Jahren beibehalten werden.

 

Trotz positiver Analystenkommentare bewegt sich die Bastei-Lübbe-Aktie nach wie vor auf Emissionsniveau. Inwiefern könnte der Launch von oolipo auch den Startschuss geben für eine Neubewertung des gesamten Konzerns?

Thomas Schierack: Natürlich ist das jetzige Kursniveau für uns nicht befriedigend. Aber wir sind entspannt, weil wir überzeugt sind, dass es in den nächsten Monaten in die richtige Richtung gehen wird. Ich bin mir sicher, dass gerade ein erfolgreicher Launch von oolipo dem Kurs kräftige neue Impulse geben kann. Wahrscheinlich wird schon die Aufmerksamkeit, die wir mit oolipo vor dem eigentlichen Startschuss haben, den Kurs deutlich nach oben bewegen. Alle Research-Berichte sehen ein Potential auf 10,50 Euro bis 11,00 Euro für unsere Bastei-Lübbe-Aktie. Dabei ist oolipo aus meiner Sicht aber ehrlich gesagt nur ansatzweise eingepreist. Hinzu kommt: Wir haben neben oolipo weitere Plattform-Ideen, die wir auch noch in den nächsten Wochen und Monaten vorstellen werden. Wir werden dann auch zeigen, dass Bastei Lübbe weit mehr als ein Verlagshaus ist. Wir sind vielmehr ein breit aufgestelltes international tätiges Medienunternehmen.

 

Herr Schierack, vielen Dank für das Interview.

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