Iran-Krieg erschüttert Weltwirtschaft
Der Iran-Krieg treibt Energiepreise in die Höhe und stellt Zentralbanken vor Herausforderungen. Europa leidet unter Gegenwind, während US-Tech-Börsen Rekorde feiern.

- Straße von Hormus weitgehend gesperrt
- Zentralbanken warnen vor Kontrollverlust
- EZB sieht Selbstgefälligkeit an Märkten
- Australische Banken als Warnsignal
Der Iran-Krieg ist drei Monate alt – und seine Folgen fressen sich tiefer in die Weltwirtschaft, als viele Märkte bisher eingepreist haben. Energiepreise auf Mehrjahreshochs, Zentralbanken im Spannungsfeld zwischen Inflation und Wachstum, Notenbanker, die offen vor Kontrollverlust warnen: Das globale Finanzsystem steht unter Druck von mehreren Seiten gleichzeitig.
Die Straße von Hormus als Zünder
Rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssigerdgashandels floss vor Kriegsbeginn durch die Straße von Hormus. Seitdem ist die Meerenge weitgehend gesperrt. Brent-Rohöl notiert aktuell bei rund 97 Dollar je Barrel – weit über dem Vorkriegsniveau, aber unter den jüngsten Hochs oberhalb von 100 Dollar. Erste Berichte über einzelne Schiffe, die den Kanal erfolgreich passiert haben, sorgten für etwas Erleichterung. Doch die Durchflussmengen bleiben ein Bruchteil des früheren Volumens.
Dallas-Fed-Präsidentin Lorie Logan brachte die Lage auf den Punkt: Wenn die Straße nicht bald wieder für normalen Schiffsverkehr geöffnet werde, müsse die Welt schlicht mit weniger Energie auskommen. Auf der Konferenz der japanischen Notenbank in Tokio erklärte sie, globale Lagerbestände glichen den Ausfall derzeit ab – doch die seien endlich. Seit Kriegsbeginn fehlen dem Markt rund 13 Millionen Barrel täglich aus dem Iran-Korridor. Die US-Ölindustrie erwartet laut einer aktuellen Fed-Umfrage, ihre eigene Produktion 2026 um lediglich 250.000 Barrel pro Tag zu steigern. Das reicht bei weitem nicht.
Zentralbanken zwischen Inflation und Unabhängigkeit
Minneapolis-Fed-Präsident Neel Kashkari, ebenfalls in Tokio, formulierte das Dilemma seiner Institution offen: Fünf Jahre erhöhte Inflation weltweit, nun ein weiterer Energieschock – das mache es schwer, aktuelle Preissteigerungen als vorübergehend abzutun. Die Märkte preisen bereits eine Fed-Zinserhöhung im Oktober ein. Kashkari hält das für verfrüht. „Wir müssen sehen, wo die Verhandlungen mit dem Iran letztlich hinführen“, sagte er. Selbst bei einem schnellen Deal werde es Monate dauern, bis Lieferketten sich normalisierten.
Hinter dieser geldpolitischen Debatte lauert ein tieferes Strukturproblem. Donald Kohn, früherer Fed-Vizechef, warnte auf der BOJ-Konferenz vor wachsendem politischen Druck auf Zentralbanken. Wenn Lieferschocks Inflation erzeugen, die Geldpolitik kaum kontrollieren kann, suchen Politiker Sündenböcke. Das stärke paradoxerweise das Argument für Notenbankunabhängigkeit – nicht schwäche es. Trumps Druck auf die Fed sei extrem, entspreche aber einem breiteren Trend in vielen Demokratien.
Die japanische Notenbank kämpft derweil mit den Kosten ihres eigenen Kurswechsels. Die BOJ zahlte im Fiskaljahr 2025 erstmals mehr Zinsen auf Überschussreserven der Geschäftsbanken (2,7 Billionen Yen), als sie aus ihren Staatsanleihebeständen einnahm (2,5 Billionen Yen). Der Nettogewinn schrumpfte auf 1,9 Billionen Yen. Ein buchhalterisches Detail mit symbolischer Sprengkraft: Es zeigt, was geldpolitische Normalisierung nach einer Dekade ultralockerer Politik kostet.
Europa im Gegenwind
Die Europäische Zentralbank schlägt in ihrem halbjährlichen Finanzstabilitätsbericht deutlich Alarm. Finanzmärkte hätten die Risiken des Iran-Kriegs bisher weitgehend ignoriert – Aktien teuer bewertet, Risikoaufschläge niedrig, Spreads zwischen Staatsanleihen im Euroraum auf gedrückten Niveaus. Das nähre die Sorge vor Selbstgefälligkeit. Ein anhaltender Energieschock könnte eine abrupte Neubewertung auslösen, die Staatsfinanzierungskosten in die Höhe treibt und über Hedgefonds und wenig regulierte Schattenbanken auf das traditionelle Bankensystem übergreift.
Besonders verwundbar: Staaten, die gleichzeitig Rüstungsausgaben hochfahren, die grüne Transformation finanzieren und Haushalte gegen Energiepreisschocks abschirmen wollen. Fiskalpuffer werden dünner, gerade wenn sie gebraucht werden.
Das spiegelt sich in den Wachstumserwartungen wider. Das Sachverständigengremium der Bundesregierung senkte seine Prognose für die deutsche Wirtschaft auf 0,5 Prozent in diesem Jahr, von zuvor 0,9 Prozent. Die Inflation dürfte 2026 auf durchschnittlich 3,0 Prozent steigen. Im Risikoszenario – Öl bei 120 Dollar je Barrel bis Oktober – könnten Wachstum auf 0,2 Prozent abstürzen und Preise weiter anziehen. Strukturelle Schwächen der deutschen Industrie und demografischer Druck verstärken den Gegenwind.
Eine Reuters-Umfrage unter 14 Analysten sieht den europäischen STOXX 600 bis Jahresende nur rund 2,6 Prozent höher als heute. Fast alle Gewinne des Jahres entstanden in den ersten beiden Monaten 2026 – bevor der Krieg begann. Europas Aktienmarkt fehlt zudem die KI-Fantasie, die US-Indizes antreibt: Technologiewerte machen lediglich rund 10 Prozent des STOXX 600 aus.
KI als Gegenpol – aber wie stabil?
Während Europa ringt, feiern US-Technologiemärkte. Micron überschritt erstmals die Marktkapitalisierungsschwelle von einer Billion Dollar, getrieben von explosiver Nachfrage nach Hochbandbreitenspeichern für KI-Rechenzentren. Der Halbleiterhersteller hat nach eigenen Angaben seine gesamte Jahresproduktion bereits verkauft. S&P 500 und Nasdaq schlossen auf Rekordniveau.
Doch auch hier warnt die EZB zur Vorsicht: KI-Unternehmen finanzieren sich zunehmend über Fremdkapital. Das verdiene besondere Aufmerksamkeit – sollte das Sentiment kippen, könnten Bewertungen schnell unter Druck geraten.
Auch bei Samsung entspannte sich die Lage vorerst: 74 Prozent der gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten stimmten einem Lohnkompromiss zu, der einen 18-tägigen Streik im Halbleiterbereich abwendete. Seoul-notierte Samsung-Aktien stiegen daraufhin um 2,7 Prozent.
Australische Banken als Warnsignal
Wie schnell sich das Umfeld drehen kann, zeigen Australiens Großbanken. Noch 2025 Lieblinge institutioneller Anleger dank solider Dividenden und einem boomenden Immobilienmarkt, sind sie seit Kriegsbeginn kollabiert: National Australia Bank verlor 23 Prozent, Westpac knapp 15 Prozent. Steigende Zinsen, neue Steuerregeln für Immobilieninvestoren und ein durch den Energieschock gebremster Konsum haben das Bild grundlegend verändert. Morgan Stanley erwartet einen Rückgang australischer Hauspreise von bis zu zehn Prozent – die stärkste Korrektur seit vier Jahrzehnten.
Das Paradoxe: US-Banken haben sich von ihrem Februareinbruch längst erholt. Der Unterschied liegt in der Diversifikation. Australische Institute erwirtschaften rund 60 Prozent ihrer Erträge aus Hypothekenkrediten – globale Peers kommen auf 40 bis 50 Prozent.
Ausblick: Alles hängt an Hormus
Die entscheidende Weichenstellung bleibt geopolitisch. Berichte über indirekte Verhandlungen zwischen Washington und Teheran über ein Waffenstillstandsrahmenwerk – einschließlich der Wiedereröffnung der Straße von Hormus – nähren Hoffnungen. Doch neue Kämpfe zwischen Israel und Hisbollah im Libanon komplizieren die Lage. Teheran besteht darauf, dass ein Deal auch den Libanonkonflikt einschließen müsse.
Bis Klarheit herrscht, bleiben Energiemärkte, Inflation und Zentralbankpolitik in einem fragilen Gleichgewicht – mit der Straße von Hormus als schmalem Nadelöhr, durch das ein großer Teil der globalen Wirtschaftsdynamik fließt.
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