KGV 17 gegen 29: Was Rheinmetalls Bewertungsprämie wirklich rechtfertigt

Rheinmetalls hohes KGV von 29 steht operativ starken US-Rüstungswerten gegenüber. Die Berichtssaison offenbart Substanz- versus Story-Bewertungen.

Die Kernpunkte:
  • Lockheed Martin mit niedrigerem KGV
  • Rheinmetall bei 29 bewertet
  • Nestlé bricht nach Margenausblick ein
  • Bitcoin unter 65.000 Dollar gefallen

KGV 17 gegen 29: Was Rheinmetalls Bewertungsprämie wirklich rechtfertigt

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

zwei Kennzahlen sagen heute mehr über die laufende Berichtssaison als jeder Indexstand: ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17,2 bei Lockheed Martin und von 29 bei Rheinmetall. Beide Konzerne meldeten binnen weniger Tage vergleichbar kräftige Zahlen – und doch zahlt der Markt für den einen fast das Doppelte wie für den anderen. Während die EZB ihre Zinsentscheidung verkündete und der Ölpreis auf über 100 Dollar je Barrel sprang, war das die eigentliche Geschichte dieses Donnerstags: Die Berichtssaison legt gerade schonungslos offen, wo Bewertungen noch von Substanz getragen werden – und wo vor allem von Erzählung.

Rüstungsriesen liefern – und stellen Rheinmetalls Prämie infrage

RTX hob am Donnerstag die Jahresziele an und legte zum Handelsstart um 7 Prozent zu. Die Zahlen tragen das: Der Nettogewinn im zweiten Quartal stieg um 29 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar, der Umsatz um 14 Prozent auf 24,7 Milliarden Dollar, der Auftragsbestand liegt bei 289 Milliarden Dollar. Für 2026 rechnet der Konzern nun mit einem Umsatz von 95 bis 96 Milliarden Dollar und einem Gewinn je Aktie von 7,10 bis 7,25 Dollar.

Lockheed Martin hatte bereits Tage zuvor vorgelegt und die Erwartungen um 730 Millionen Dollar übertroffen: Umsatz plus 10,5 Prozent auf 20,1 Milliarden Dollar, Gewinn je Aktie 7,94 Dollar. Die Prognose für 2026 wanderte nach oben, auf einen Umsatz von 79,75 bis 81,75 Milliarden Dollar und ein Ergebnis je Aktie von 29,95 bis 30,65 Dollar, bei einem Auftragsbestand von 230 Milliarden Dollar.

Für deutsche Anleger zählt an dieser Stelle nicht das operative Momentum – das ist bei allen drei Konzernen intakt. Es zählt der Preis, den der Markt dafür verlangt. Lockheed Martin wird mit einem KGV von 17,2 gehandelt, Rheinmetall mit 29 – bei mindestens ebenbürtiger, teils sogar besserer operativer Dynamik der US-Konzerne. Wer im Rüstungssektor investiert ist, sollte sich ehrlich fragen, ob die Prämie für Rheinmetall durch die Zahlen noch gedeckt ist, oder ob die günstigeren US-Werte mit prall gefüllten Auftragsbüchern das bessere Chance-Risiko-Verhältnis bieten.

Ein strukturell verwandtes Muster geopolitisch getriebener Bewertungsverschiebungen beobachte ich derzeit in einem ganz anderen Sektor: bei Mikrochips. Auch dort ringen zwei Machtblöcke um technologische Vorherrschaft, und auch dort entscheidet sich gerade, welche Bewertungen noch von Substanz getragen werden und welche von Angst. Innerhalb weniger Wochen haben die chinesischen KI-Modelle GLM-5.2 und Kimi K3 das Silicon Valley aufgeschreckt – Nvidia verlor an einem einzigen Tag rund 197 Milliarden Dollar an Börsenwert, während Washington mit einem 100-Milliarden-Dollar-Deal zwischen Donald Trump und TSMC kontert, um die eigene Chip-Produktion unabhängiger von China zu machen. Genau zu dieser Eskalation lädt Chip- und Tech-Experte Bernd Wünsche am 26.07.2026 um 18:00 Uhr zum kostenlosen Live-Webinar „TAM Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“ ein. Er ordnet ein, wie China mit seinen neuen KI-Modellen die Karten in der globalen Chip-Industrie neu mischt, warum der jüngste Kurssturz bei Nvidia & Co. für aufmerksame Anleger eine besondere Situation schafft, und nennt konkret jene Aktie, die er aktuell für die neue Nvidia hält. Wer wie bei Rheinmetall und Lockheed Martin verstehen will, wo im Wettrüsten der Machtblöcke die Bewertung noch von Substanz getragen wird, findet hier direkten Anschluss an das Thema dieser Ausgabe. Jetzt kostenlos zum Webinar anmelden

Roche und Novartis halten die Stellung, während der Ölschock Nestlé trifft

Der Schweizer Leitindex SMI schloss am Donnerstag deutlich im Minus – doch die Verteilung dahinter ist die eigentliche Nachricht. Nestlé brach um 8,0 Prozent ein, belastet durch das geplante Joint Venture im Wassergeschäft und einen enttäuschenden Margenausblick. Givaudan verlor 6,1 Prozent. Die beiden Pharmariesen des Landes kamen dagegen mit einem blauen Auge davon: Roche gab um 0,4 Prozent nach, Novartis um 0,2 Prozent – beide damit deutlich widerstandsfähiger als der breite Markt und die schwer getroffenen Konsumgüterwerte.

Befeuert wurde die Volatilität durch den Ölpreis, der um 6,96 Prozent auf über 100 Dollar je Barrel sprang. Das Muster ist eindeutig: In dieser von Energiesorgen geprägten Woche flüchtet Kapital zu Pharma-Schwergewichten mit robusten Fundamentaldaten und meidet zyklische Konsumwerte mit Strukturproblemen. Für ein europäisches Depot ist das eine der klareren Lehren des Tages.

Deutsche Börse trotzt dem schwachen DAX-Umfeld

Während der DAX im Sog der EZB-Entscheidung unter Druck blieb, erholte sich die Aktie der Deutschen Börse vom schwachen Handelsstart deutlich – vom Tagestief bei 246,20 Euro auf zeitweise über 254 Euro. Getragen wurde das von handfesten Zahlen: Das Ebitda im zweiten Quartal lag mit 980 Millionen Euro über den Erwartungen, die Prognose für das Treasury-Ergebnis wurde auf über 700 Millionen Euro angehoben. Kritisch bleibt aus Analystensicht die IMS-Sparte rund um ISS Stoxx.

Die Deutsche Bank bestätigte ihre Kaufempfehlung mit Kursziel 300 Euro – bei zuletzt 252,30 Euro entspricht das einem Aufwärtspotenzial von 18,91 Prozent, nach einer Jahresperformance von bereits 14,8 Prozent seit Januar. Auch das ist ein Beleg für das Muster des Tages: Solide operative Substanz wird selbst in einem von Zinssorgen belasteten Marktumfeld goutiert.

Bitcoin verliert die 65.000er-Marke – die Handelsdaten erzählen eine andere Geschichte

Bitcoin rutschte am Donnerstag unter die zuletzt verteidigte Marke von 65.000 Dollar und notiert bei 64.914 Dollar, ein Tagesminus von 2,4 Prozent gegenüber dem Vortagesschluss von 66.506,89 Dollar. Bemerkenswert: Als die US-Börsen am Morgen mit teils deutlichen Abschlägen starteten, zog der Krypto-Markt nicht mit – Bitcoin und Ether blieben laut Marktbeobachtern schwächer als Aktien, ohne dass sich ein konkreter Auslöser identifizieren ließ. Auf 30-Tage-Sicht steht Bitcoin dennoch mit 1,5 Prozent im Plus, der Verlust seit Jahresbeginn beläuft sich auf 26,58 Prozent.

Interessant für Trader ist, was der WazirX-Halbjahresbericht 2026 unter der Kursoberfläche zeigt: 95 Prozent der Nutzer sind wiederkehrende Trader, das Futures-Handelsvolumen legte zwischen März und Juni um 300 Prozent zu, Einzahlungen übertrafen die Abhebungen um das Zwei- bis Sechsfache. Stablecoins machten 38,5 Prozent des Volumens aus, Bitcoin, Ether und andere Layer-1-Coins 28,4 Prozent. Das Bild ist gespalten: Der Preis schwächelt, doch Handelsinfrastruktur und Engagement aktiver Trader wachsen ungebrochen – ein Signal, das eher für strukturelle Reife als für Kapitulation spricht.

Passend dazu positioniert sich Hongkong gerade als neuer Fondsstandort: Die Stadt plant Steuerbefreiungen für alternative Investmentfonds, die Hedgefonds, Private-Credit-Vehikel und Digital-Asset-Strategien einschließen. Performance-Gebühren auf Fondsebene und Carried Interest für Manager sollen künftig von Gewinn- beziehungsweise Gehaltssteuer befreit werden. Für Anleger, die über Fondsstrukturen in Krypto oder alternative Strategien investieren, ist das ein handfestes Signal: Der Standortwettbewerb um Vermögensverwaltungskapital verschärft sich, und Hongkong positioniert sich gezielt als Alternative zu Singapur oder westlichen Fondsdomizilen – mit möglichen Folgen für die Kostenstruktur global aufgestellter Krypto- und Alternative-Investment-Produkte.

Der globale Kompass

Der rote Faden dieses Donnerstags zieht sich quer durch alle Anlageklassen: Wo Zahlen überzeugen, setzt sich Substanz gegen Marktlärm durch – bei Lockheed und RTX ebenso wie relativ betrachtet bei Roche, Novartis und der Deutschen Börse. Wer dagegen für Story statt Bilanz bezahlt, wie es bei Rheinmetalls Bewertungsprämie oder Nestlés Margenausblick sichtbar wird, gerät schneller unter Druck. Der Kryptomarkt liefert dazu eine Randnotiz mit Gewicht: Der Preis schwächelt, aber die Handelsinfrastruktur wächst – ein Auseinanderklaffen, das sich in den kommenden Wochen auflösen dürfte, so oder so. Für die Handelstage bis zum Wochenende bleibt entscheidend, ob sich das Muster aus Substanz-Prämie und Story-Abschlag in der laufenden Berichtssaison weiter verfestigt.

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