KI-Aktien gespalten: Infineon auf Jahreshoch, Adobe kämpft um Vertrauen
Infineon und Nvidia profitieren vom KI-Ausbau, während Adobe und Alphabet unter regulatorischem und Marktdruck leiden.

- Nvidia übertrifft Erwartungen trotz Kursrückgang
- Infineon-Aktie verdoppelt sich fast seit Jahresbeginn
- EU-Bußgeldverfahren belastet Alphabet
- SoftBank profitiert von Nvidia und OpenAI-IPO
Fünf Milliarden Euro für eine einzige Fabrik, ein drohender EU-Rekord-Bußgeldbescheid und ein Software-Konzern, der trotz Umsatzwachstum fast die Hälfte seines Börsenwerts verloren hat — der KI-Sektor liefert Ende Mai 2026 ein Bild maximaler Spreizung. Während Chipbauer und Infrastruktur-Investoren von der physischen KI-Aufrüstung profitieren, stehen Software-Unternehmen unter Rechtfertigungsdruck. Ein Rundblick über fünf Schlüsselwerte.
Nvidia: Rekordumsatz trifft auf Gewinnmitnahmen
81,6 Milliarden US-Dollar Quartalsumsatz, 85 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr — Nvidias Zahlen zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 haben die Erwartungen der Wall Street erneut deutlich übertroffen. Das bereinigte Ergebnis je Aktie lag bei 1,87 US-Dollar, die Analystenschätzungen hatten bei 1,76 US-Dollar gelegen. Das Rechenzentrumsgeschäft allein steuerte 75,2 Milliarden bei, ein Plus von 92 Prozent.
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Trotzdem gibt der Kurs nach. Heute notiert die Aktie bei 186,88 Euro, ein Minus von gut einem Prozent gegenüber dem Vortag. Seit dem Allzeithoch Mitte Mai hat Nvidia rund sieben Prozent abgegeben. Gewinnmitnahmen nach einer fulminanten Rally — kein ungewöhnliches Muster.
Die Guidance für das zweite Quartal liegt bei 91 Milliarden US-Dollar, begleitet von einer Ververfünfundzwanzigfachung der Quartalsdividende auf 0,25 US-Dollar je Aktie. Institutionelle Investoren, die rund 65 Prozent der Aktien halten, haben zuletzt im Verhältnis drei zu eins zugekauft.
Ein strukturelles Risiko bleibt bestehen: Die Umsatzprognose schließt sämtliche Rechenzentrumserlöse aus China aus. CEO Jensen Huang beziffert den dortigen Markt auf etwa 50 Milliarden US-Dollar — ein Umsatzstrom, der auf absehbare Zeit wegfällt. 62 Analysten vergeben im Schnitt ein „Strong Buy“, mahnen aber angesichts des rund 30-fachen Forward-KGV zur Vorsicht bei der Bewertung.
Infineon: Dresdens teuerste Fabrik und ein strategischer Neustart
Kein europäischer Halbleiterwert hat 2026 eine vergleichbare Kursrally hingelegt. Seit Jahresbeginn hat sich die Infineon-Aktie nahezu verdoppelt — ein Plus von über 97 Prozent. Allein in den vergangenen sieben Tagen kamen weitere 16 Prozent hinzu, der Kurs kratzt bei 75,63 Euro am 52-Wochen-Hoch.
Der Treiber ist konkret: Am 2. Juli eröffnet Infineon seine „Smart Power Fab“ in Dresden, die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte. Fünf Milliarden Euro fließen in eine hochmoderne 300-Millimeter-Fertigung für Leistungs- und Steuerungshalbleiter. Die Chips sollen in Elektroautos, erneuerbaren Energien und KI-Rechenzentren zum Einsatz kommen.
Das Management hat zugleich klargemacht: Nach Dresden ist Schluss mit milliardenschweren Neubau-Projekten. Ab dem 1. Juli strukturiert CEO Jochen Hanebeck den Konzern in drei Geschäftsbereiche um — Automotive, Power Systems und Edge Systems. Der Fokus verschiebt sich von Expansion auf Effizienz.
Die jüngsten Quartalszahlen untermauern den Optimismus:
- Umsatz im zweiten Fiskalquartal 2026: 3,81 Milliarden Euro, sechs Prozent über Vorjahr
- Bereinigter Free-Cashflow-Ausblick auf rund 1,65 Milliarden Euro angehoben
- Umsatzerwartung für Q3: circa 4,1 Milliarden Euro
Von 24 Analysten empfehlen 20 den Kauf, kein einziger rät zum Verkauf. JPMorgan hat das Kursziel zuletzt auf 74 Euro angehoben — ein Niveau, das der Kurs inzwischen überschritten hat.
Alphabet: KI-Offensive unter regulatorischem Dauerbeschuss
Die EU-Kommission bereitet einen Bußgeldbescheid im hohen dreistelligen Millionenbereich gegen Google vor. Es geht um den Vorwurf der Selbstbevorzugung in den Suchergebnissen — und die Entscheidung soll noch vor der Sommerpause fallen. Es wäre die bislang höchste Strafe unter dem Digital Markets Act.
Für Alphabet ist das kein Neuland. Bereits früher hatte die Kommission eine Strafe von 2,95 Milliarden Euro verhängt und Google zur Änderung seiner Suchpraktiken aufgefordert. Die Bereitschaft zur Kooperation scheint vorhanden — Google hat zusätzliche Zeit erhalten, um die Bedenken der Kommission auszuräumen. Die Kommission betont, dass es weniger um Bestrafung als um Verhaltensänderung gehe.
Die operative Stärke des Konzerns steht indes außer Frage. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Alphabet einen Umsatz von 402,8 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 15 Prozent. Der Gewinn kletterte um 32 Prozent auf 132,2 Milliarden US-Dollar. KI-gestützte Werbeformate gelten als wichtiger Wachstumstreiber innerhalb des Kerngeschäfts.
Die Aktie notiert bei 331,45 Euro, knapp vier Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. 58 Analysten vergeben ein Kaufvotum bei einem durchschnittlichen Kursziel von 420 US-Dollar — keiner empfiehlt den Verkauf. Die regulatorische Belastung wird offensichtlich als beherrschbar eingestuft. Ob das auch nach dem formellen Bußgeldbescheid so bleibt, wird sich zeigen.
SoftBank: Rausch an der Tokioter Börse
Die Aktie von SoftBank hat seit dem 20. Mai rund 40 Prozent zugelegt. Am Montag stieg der Kurs um weitere 4,6 Prozent, die Marktkapitalisierung durchbrach die Marke von 40 Billionen Yen — umgerechnet rund 252 Milliarden US-Dollar.
Zwei Katalysatoren treiben die Rally. Erstens: Nvidias Rekordzahlen, die als Bestätigung für SoftBanks massive KI-Wetten gelesen werden. Zweitens: Berichte, wonach OpenAI in den kommenden Wochen eine vertrauliche IPO-Anmeldung einreichen will, begleitet von Goldman Sachs und Morgan Stanley. SoftBank hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 32,4 Milliarden US-Dollar in OpenAI investiert. Die kumulierten Buchgewinne aus dieser Position belaufen sich auf 45 Milliarden US-Dollar.
Der Jahresgewinn zum Stichtag 31. März erreichte fünf Billionen Yen — der höchste Nettogewinn, den ein japanisches Unternehmen jemals ausgewiesen hat. Mit einem Nettovermögenswert von rund 300 Milliarden US-Dollar und einem Beleihungswert von nur 15 Prozent verfügt SoftBank über erheblichen finanziellen Spielraum.
Skeptische Stimmen bleiben. UBP-Berater Vey Sern Ling warnt, dass Holding-Gesellschaften typischerweise mit einem Abschlag zum inneren Wert gehandelt werden, weil Aktionäre nicht immer voll von den Vermögenswerten profitieren. Von zwölf Analysten empfehlen acht „Strong Buy“, einer rät klar zum Verkauf.
Adobe: Wachstum gegen den Stimmungstrend
Keine der fünf Aktien steht so stark unter Druck wie Adobe. Seit Jahresbeginn hat der Kurs ein Viertel eingebüßt, auf Zwölfmonatssicht beträgt das Minus über 41 Prozent. Bei 210,65 Euro notiert die Aktie nur knapp über ihrem 52-Wochen-Tief — und das, obwohl die operative Entwicklung ein anderes Bild zeichnet.
Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 lieferte Adobe 6,40 Milliarden US-Dollar Umsatz, zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Das bereinigte Ergebnis je Aktie lag mit 6,06 US-Dollar deutlich über dem Konsens von 5,87 US-Dollar. Die jährlich wiederkehrenden Erlöse aus KI-Produkten verdreifachten sich, Firefly allein erreichte einen ARR von über 250 Millionen US-Dollar.
Der Markt honorierten nichts davon. Die Aktie fiel am Berichtstag um 7,6 Prozent — verstärkt durch die Ankündigung von CEO Shantanu Narayen, nach 18 Jahren an der Spitze den Übergang einzuleiten. Die Kombination aus Führungswechsel und der Angst, generative KI könnte Adobes kreative Software-Suite kannibalisieren, lastet schwer.
Mizuho-Analyst Gregg Moskowitz stufte Adobe Ende April auf „Neutral“ herab und senkte das Kursziel auf 270 US-Dollar. Sein Kommentar war ungewöhnlich direkt: Man habe die Abstufung angesichts der scheinbar attraktiven Bewertung zu lange hinausgezögert. D.A. Davidson hält dagegen mit einem Kaufrating und einem Ziel von 300 US-Dollar an einer konstruktiveren Lesart fest. Adobe selbst hat ein milliardenschweres Rückkaufprogramm über 25 Milliarden US-Dollar aufgelegt. Am 11. Juni folgen die nächsten Quartalszahlen — ein entscheidender Termin.
Infrastruktur gegen Software — die Bruchlinie im KI-Sektor
Die Trennlinie ist scharf. Nvidia, SoftBank und Infineon profitieren unmittelbar vom physischen Ausbau der KI-Infrastruktur: GPUs, Leistungshalbleiter, Rechenzentren, Kapitalbeteiligungen. Ihre Gewinne wachsen schneller als die Modelle der Analysten.
Alphabet und Adobe stehen vor einer komplexeren Aufgabe. Beide integrieren KI aggressiv in ihre Kernprodukte — Alphabet über KI-gestützte Werbeformate, Adobe über Firefly in der Creative Cloud. Beide kämpfen aber mit externem Gegenwind, den Infrastruktur-Werte nicht kennen: Alphabet mit Regulierern, Adobe mit einem Markt, der Disruption schneller einpreist als Monetarisierung nachweisbar ist.
Der globale Chipumsatz erreichte im Februar 2026 mit 88,8 Milliarden US-Dollar ein neues Rekordniveau — ein Plus von knapp 62 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dieser Rückenwind hebt alle Halbleiterwerte, Infineon eingeschlossen, das seine gesamte Organisation auf KI- und Effizienz-Nachfrage ausrichtet.
Wendepunkte im Sommer
Die nächsten Monate bringen für jeden der fünf Werte einen konkreten Prüfstein:
- Nvidia: Erreicht das zweite Quartal die 91-Milliarden-Dollar-Guidance? Der Bericht kommt im August.
- Infineon: Läuft der Produktionsstart in Dresden am 2. Juli planmäßig, gewinnt die angehobene Prognose an Substanz.
- Alphabet: Die formelle EU-Entscheidung vor der Sommerpause wird zeigen, ob der DMA-Bußgeldbescheid ein beherrschbarer Kostenfaktor bleibt — oder Googles Suchgeschäftsmodell strukturell verändert.
- SoftBank: Der Zeitplan für den OpenAI-Börsengang, der für den Herbst anvisiert wird, ist der mit Abstand wichtigste Kurstreiber.
- Adobe: Am 11. Juni müssen die Zahlen beweisen, dass die Firefly-Monetarisierung schnell genug voranschreitet, um die Skepsis des Marktes zu entkräften.
Der KI-Sektor belohnt Ende Mai 2026 die Erbauer der Infrastruktur mit Premiumwertungen. Software-Unternehmen müssen erst beweisen, dass KI kein Risiko, sondern ein Hebel ist. Dieses Urteil steht noch aus.
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