KI-Aktien vor Nvidia-Zahlen: Fünf Titel, fünf Geschichten
Die KI-Branche zeigt vor Nvidias Quartalszahlen ein gespaltenes Bild: Rekorde bei Infineon, geopolitische Risiken bei ASML und regulatorische Fortschritte bei Apple.

- Nvidia-Zahlen am 26. August erwartet
- ASML drohen neue US-Sanktionen
- Infineon meldet Rekordumsatz, Kurs fällt
- BlackRock erhöht Adobe-Anteil auf 10 Prozent
Während die gesamte Tech-Branche auf den 26. August blickt, zeigt sich unter den großen KI-Namen ein Bild voller Gegensätze. Infineon meldet Rekordzahlen und wird trotzdem abgestraft. ASML gerät erneut zwischen die Fronten von Washington und Peking. Apple räumt einen jahrelangen Streit mit Brüssel aus dem Weg, während Adobe nach einem harten Jahr plötzlich prominente Käufer anzieht.
Nvidia: Die Zahlen am 26. August entscheiden über die Richtung
Kaum ein Termin bewegt die gesamte KI-Branche derzeit so stark wie der kommende Quartalsbericht von Nvidia. Am 26. August, nach US-Börsenschluss, legt der Chipkonzern seine Zahlen für das zweite Geschäftsquartal vor. Analysten erwarten im Schnitt einen Umsatz von 91,8 Milliarden Dollar und einen Gewinn je Aktie von 2,06 Dollar nach GAAP— fast doppelt so viel wie vor einem Jahr.
Die Stimmung ist überwiegend optimistisch, aber nicht ohne Warnsignale. Fast jeder Analyst, der die Aktie beobachtet, stuft sie als Kauf ein. Der bekannte Short-Seller Michael Burry hat dagegen auf ein Nachfragerisiko hingewiesen, das mit Nvidias Finanzierungskonstruktionen für Kunden zusammenhängt— der Konzern soll rund 250 Milliarden Dollar an Schulden abgesichert haben, die mit OpenAIs Rechenzentren verknüpft sind. Das Unternehmen finanziert damit indirekt die eigene Nachfrage.
Bei der Bewertung zeigt sich dennoch Spielraum nach unten. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der vergangenen zwölf Monate liegt bei 34,3— ein Abschlag von 44 Prozent gegenüber dem Zehn-Jahres-Durchschnitt von 61,6. Rückenwind liefern die Investitionspläne der großen Cloud-Anbieter: Alphabet hat seine Kapitalausgaben für 2026 von 180 Milliarden auf eine neue Spanne von 195 bis 205 Milliarden Dollar angehoben, Amazon von geschätzten 200 auf 220 Milliarden Dollar. Auf der geopolitischen Seite mehren sich zudem Hinweise, dass kleinere Chip-Chargen wieder nach China gelangen dürfen— allerdings hängt dort weiterhin ein Umsatzvolumen von bis zu 5 Milliarden Dollar an einer möglichen politischen Kehrtwende.
Nvidia selbst notiert aktuell bei 185,50 Euro, nach einem Rückgang von 5 Prozent binnen einer Woche. Der Titel bewegt sich damit rund 8 Prozent unter seinem Jahreshoch von 202,50 Euro, das im Mai erreicht wurde.
ASML Holding: Zwischen Washington und Peking eingeklemmt
Der niederländische Lithografie-Spezialist steht wieder im Zentrum des amerikanisch-chinesischen Techstreits. Berichten zufolge bereitet Washington Druck auf die niederländische Regierung vor, ASML den Verkauf nach China vollständig zu untersagen. Sollte Den Haag sich weigern, ein solches Verbot durchzusetzen, drohen den USA zufolge Sanktionen— ASML ist für die eigene Produktion auf amerikanische Zulieferer angewiesen. Das bestehende Exportverbot für DUV-Maschinen nach China aus dem Jahr 2024 gilt unverändert fort.
Der Druck trifft ein Geschäft, das ohnehin schon empfindlich auf China reagiert. Im vergangenen Jahr stammten 33 Prozent des Konzernumsatzes aus China, ein Anteil, der unter den geplanten Verschärfungen weiter schrumpfen dürfte. Für das laufende Jahr rechnet ASML nur noch mit rund einem Fünftel des Nettoumsatzes aus dem Land.
Operativ läuft das Geschäft trotz der politischen Unsicherheit rund. Im zweiten Quartal erzielte ASML einen Umsatz von 9,33 Milliarden Euro und hob die Prognose für 2026 erneut an— auf eine Spanne von 43 bis 45 Milliarden Euro. Für 2027 und 2028 kündigte das Management zudem eine Kapazitätserweiterung um etwa 30 Prozent an, um die anhaltend hohe Kundennachfrage zu bedienen. Die Aktie selbst notiert bei 1.502,20 Euro und liegt damit 14 Prozent unter ihrem Jahreshoch. 44 von Analysten befragte Experten sehen im Schnitt ein Kursziel von 2.117 Dollar— rund 34 Prozent über dem aktuellen Niveau, bei einem klaren „Strong Buy“-Konsens.
Infineon: Rekordumsatz trifft auf skeptische Anleger
Selten klafften Geschäftszahlen und Kursverlauf so weit auseinander wie bei Infineon in den vergangenen Wochen. Im dritten Geschäftsquartal knackte der Umsatz erstmals die Marke von 4 Milliarden Euro und erreichte einen Rekordwert von 4,172 Milliarden Euro, getrieben von der KI-Nachfrage nach Leistungshalbleitern. Der Konzern hob daraufhin seine Prognosen für Umsatz und bereinigten Free Cashflow für das Gesamtjahr an.
Parallel dazu läuft ein neues Aktienrückkaufprogramm: Seit dem 10. August kann Infineon bis zu 3 Millionen eigene Aktien im Wert von bis zu 300 Millionen Euro erwerben. Analysten ordnen den Schritt allerdings eher defensiv ein. Die Aktien sind für bestehende Mitarbeiterbeteiligungsprogramme vorgesehen— es geht also primär um die Vermeidung von Verwässerung, nicht um ein Signal zur Unterbewertung.
Der Kurs spiegelt diese Zurückhaltung wider. Aktuell notiert Infineon bei 55,48 Euro, nach einem Minus von 19 Prozent innerhalb eines Monats und einem Abstand von 38 Prozent zum 52-Wochen-Hoch von 89,67 Euro. Der RSI von 35 deutet auf eine bereits überverkaufte Situation hin. Trotzdem bleibt das Analystenlager optimistisch: 19 Experten empfehlen den Kauf, keiner rät zum Verkauf, das durchschnittliche Zwölfmonatsziel liegt bei 85,79 Euro— deutlich über dem aktuellen Niveau.
Apple: Regulatorischer Befreiungsschlag in Europa
Einer der langwierigsten Streitpunkte zwischen Apple und der EU findet ein Ende. Ab dem 1. Oktober ersetzt der Konzern die umstrittene Core Technology Fee durch eine 5-prozentige Provision auf digitale Transaktionen außerhalb des App Store, senkt die Standardprovision für europäische In-App-Käufe auf 26 Prozent und erlaubt Entwicklern alternative Zahlungsoptionen. Zusätzlich vereinheitlicht Apple die Geschäftsbedingungen für alle EU-Entwickler und streicht im Gegenzug die bisherige Erstinstallationsgebühr sowie die Store-Services-Gebühr.
Die Marktreaktion fiel positiv, aber verhalten aus. Die Aktie legte im Umfeld der Ankündigung um fast 3 Prozent zu, während der breitere Technologiesektor schwächelte. Seit dem Rekordhoch vom 28. Juli hat der Titel dennoch rund 10 Prozent verloren, da Kapital verstärkt in reine Infrastruktur-Werte rund um KI-Rechenzentren umgeschichtet wurde.
Aktuell notiert Apple bei 271,60 Euro, nahezu exakt auf Höhe des 50-Tage-Durchschnitts. Das Analystenlager bleibt gespalten: Die Konsensbewertung liegt bei „Moderate Buy“, basierend auf 16 Kauf-, 11 Halte- und vier Verkaufsempfehlungen der vergangenen drei Monate.
Adobe: Institutionelles Kapital setzt auf die KI-Wende
Kaum ein Name unter den fünf Werten hat 2026 eine so wechselhafte Entwicklung durchgemacht wie Adobe. Ein deutlicher Stimmungsumschwung kam auf, als BlackRock seinen Anteil auf über 10 Prozent aufstockte— nach Berechnungen von TipRanks ein Investment von umgerechnet rund 8,4 Milliarden Dollar. Der Schritt fällt in eine Phase, in der Adobe seine KI-Werkzeuge auf ein Freemium-Modell umstellt und zweistelliges Wachstum bei den wiederkehrenden Erlösen anstrebt.
Der Kurs hat sich in den vergangenen Wochen kräftig erholt, getragen von stetigen Käufen statt spekulativen Ausschlägen. Die Meinungen der Analysten gehen dabei deutlich auseinander: Morgan Stanley stufte die Aktie von „Equal-Weight“ auf „Underweight“ herab und senkte das Kursziel von 365 auf 240 Dollar— als Begründung nannte die Bank die kombinierten Risiken aus Freemium-Expansion, steigenden KI-Investitionen und Führungswechseln. CLSA hingegen startete die Coverage mit „Outperform“ und einem Kursziel von 300 Dollar und verweist auf starke Wettbewerbsvorteile im Unternehmenssoftware-Geschäft.
Operativ bleibt das Fundament intakt. Im zweiten Geschäftsquartal, gemeldet am 11. Juni, wuchs der Umsatz um 13 Prozent auf 6,62 Milliarden Dollar, der Gewinn je Aktie (non-GAAP) lag bei 5,96 Dollar. Die auf KI-Produkte entfallenden wiederkehrenden Erlöse verdreifachten sich im Jahresvergleich auf über 500 Millionen Dollar, woraufhin das Management die Jahresprognose auf 26,50 bis 26,60 Milliarden Dollar anhob. Aktuell notiert Adobe bei 233,20 Euro— nach einem Jahresverlust von 22 Prozent liegt der Konsens der Analysten weiterhin bei „Hold“.
Sektordynamik im Überblick
Die fünf Werte zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich der Markt einzelne Facetten des KI-Themas bewertet:
- Nvidia und ASML stehen für die reine Infrastruktur-Seite des Trends— beide profitieren von struktureller Nachfrage nach Rechenleistung beziehungsweise Lithografie-Technologie, tragen aber unterschiedliche geopolitische Risiken.
- Infineon liefert reale, rekordverdächtige Nachfragezahlen im Bereich KI-Leistungshalbleiter, ohne dass sich das bislang im Aktienkurs niederschlägt.
- Apple profitiert von regulatorischer Entlastung, verliert aber relativ an Attraktivität, da Kapital in direktere KI-Infrastrukturwetten fließt.
- Adobe steckt in einem Tauziehen zwischen Sorgen vor KI-Kannibalisierung des Kerngeschäfts und der Zuversicht großer institutioneller Investoren.
Gemeinsam ist allen fünf Titeln, dass reine Wachstumszahlen längst nicht mehr automatisch zu steigenden Kursen führen. Regulierung, Geopolitik und Kapitalrotation wiegen zunehmend schwerer.
Ausblick: Worauf Anleger jetzt achten sollten
Der Quartalsbericht von Nvidia am 26. August dürfte richtungsweisend für den gesamten Sektor werden— insbesondere Aussagen zu den Vera-Rubin-Auslieferungen könnten die Erwartungen an KI-Infrastrukturausgaben für den Rest des Jahres prägen. Bei ASML entscheidet der weitere Verlauf des amerikanischen Drucks auf die niederländische Regierung darüber, ob das China-Geschäft kontrolliert schrumpft oder abrupt wegbricht. Infineon muss zeigen, dass sich die KI-getriebene Nachfrage nach Leistungshalbleitern irgendwann auch im Aktienkurs statt nur in der Gewinn- und Verlustrechnung niederschlägt. Bei Apple wird sich erst in den kommenden Quartalen zeigen, wie stark sich die neuen App-Store-Regeln auf die Erlöse im Servicegeschäft auswirken. Und bei Adobe bleibt die Freemium-Wette rund um die KI-Werkzeuge der entscheidende Faktor dafür, ob sich die jüngste Erholung fortsetzt oder der Titel zurück in Richtung seiner Jahrestiefs rutscht.
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