Kiew kauft deutsch: Hensoldt und Diehl liefern, Rheinmetall schaut zu

Hensoldt legte nach einer Radar-Absichtserklärung zu; Rheinmetall war an den Kiewer Vereinbarungen nicht beteiligt.

Die Kernpunkte:
  • 14 Rüstungsabkommen mit zwei Volumenangaben
  • Hensoldt-Aktie stieg rund sechs Prozent
  • Rheinmetall fehlte bei den Kiewer Verträgen
  • Diehl Defence liefert IRIS-T-Flugabwehrraketen

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

zum Wochenauftakt bewegen in Europa Verträge, Gebote und Steuerpläne die Kurse, nicht die Konjunktur. In Kiew unterzeichnet eine deutsche Wirtschaftsdelegation 14 Rüstungsabkommen über 6,5 bis 8,5 Milliarden Euro, je nachdem, wer zählt.

In Mailand stockt Intesa Sanpaolo ihr Gebot für Monte dei Paschi nochmals auf, während London seinen Banken eine Sondersteuer androht. Und in Düsseldorf stellt sich die Landesregierung schützend vor Evonik. Meine These des Tages: Wer heute in europäische Industrie- und Finanzwerte investiert, handelt Politik mindestens so sehr wie Bilanzen.

Kiew: Hensoldt gewinnt, Rheinmetall bleibt außen vor

Die Kiewer Verträge haben einen klaren Börsengewinner, und es ist nicht der größte Name der Branche. Bundeskanzler Friedrich Merz hat in Kiew eine weitere Milliarde Euro Militärhilfe zugesagt, dazu 350 Millionen Euro für Energiereparaturen.

Für Anleger wichtiger sind die 14 Kooperationen deutscher Unternehmen mit der ukrainischen Seite. Selenskyj beziffert das Volumen auf 8,5 Milliarden Euro, deutsche Regierungskreise auf 6,5 Milliarden. Diehl Defence liefert IRIS-T-Flugabwehrraketen, Quantum Systems baut Jet-Abfangdrohnen vor Ort, Hensoldt stellt Radartechnik.

Hensoldt-Chef Oliver Dörre unterzeichnete eine Absichtserklärung mit dem Verteidigungsministerium in Kiew. Sie umfasst umfangreiche Radarlieferungen und die Prüfung eines gemeinsamen Betriebs von TRL-4D-LR-Weitbereichsradaren gegen ballistische Raketen.

Die Hensoldt-Aktie legte am Montag im Verlauf rund 6 Prozent auf gut 84 Euro zu. Der Sprung relativiert sich allerdings: Auf Zwölfmonatssicht liegt Hensoldt noch 26 Prozent im Minus, das Hoch von 117,70 Euro stammt vom Oktober 2025.

Rheinmetall fehlt in den Kiewer Verträgen komplett, notierte aber dennoch gut 2 Prozent fester bei rund 980 Euro. Der Düsseldorfer Konzern hat binnen zwölf Monaten 49 Prozent an Wert verloren, das Hoch lag bei 1.979,50 Euro.

An der Nachfrage liegt das nicht. Russland startete im August 2.800 strahlgetriebene Drohnen, im Juni waren es 350. Die ukrainische Abfangquote bei diesen bis zu 604 km/h schnellen Geran-5-Drohnen liegt nur bei 50 bis 70 Prozent.

Zwei Störfaktoren gehören ins Bild. Die IG Metall fordert vor der Tarifrunde 5 Prozent mehr Lohn und zusätzlich eine tarifliche Gewinnbeteiligung in Boom-Branchen wie der Verteidigung; die Friedenspflicht endet am 31. Oktober. Und der US-Anbieter Covenant eröffnet in Leipzig ein Werk für rund 250 Millionen Euro.

Dort soll ab 2027 der Marschflugkörper Anthem entstehen, mit über 1.000 Kilometern Reichweite zu einem Stückpreis unter einer Million Dollar. Für Anleger heißt das: Hensoldt ist als Sensorspezialist der klarste Profiteur der Kiewer Luftabwehr-Agenda, doch bei Rheinmetall zeigt die Abwesenheit, dass der Markt für Munition und Flugkörper gerade neue, billigere Wettbewerber bekommt.

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Europas Banken: Italien konsolidiert, London kassiert

Im europäischen Bankensektor entscheidet derzeit die Hauptstadt über den Kurs, nicht die Zinsmarge. Intesa Sanpaolo bessert ihr Bar- und Aktienangebot für Monte dei Paschi di Siena nach. Die Unterstützung des größten MPS-Investors ist gesichert. Die italienische Kartellbehörde entscheidet voraussichtlich Mitte bis Ende November, erwartet wird eine Genehmigung unter Auflagen.

Intesa will dafür 635 Filialen abgeben, Insider sprechen von bis zu 50 weiteren. Die Unipol-Tochter BPER würde durch die Übernahme dieser Filialen in die Spitzengruppe der italienischen Banken aufrücken. Die Intesa-Aktie notiert bei 6,46 Euro; die Kursziele im Analystenkonsens liegen mit 7,29 bis 7,52 Euro darüber, die Mehrheit der Analysten rät zum Kauf.

Ganz anders die Lage in London. Die britische Regierung plant Gespräche mit Bankchefs über neue Sondersteuern. Barclays, HSBC, Lloyds und NatWest verloren zeitweise 4 bis 5 Prozent, zusammen rund 18 Milliarden Pfund Börsenwert. Der Gewerkschaftsbund verweist auf 29 Milliarden Pfund Halbjahresgewinn der vier Institute. Die Branche hält dagegen, dass ihre Gesamtsteuerlast bereits bei 46,4 Prozent liegt.

In Deutschland fordert Verdi für 150.000 Beschäftigte der privaten Banken 6 Prozent mehr Gehalt; die Verhandlungen beginnen am 8. Oktober. Die Lehre aus diesem Montag: In Europas Bankensektor ist die Politik die entscheidende Variable, sie ermöglicht Größe in Italien und besteuert Gewinne in Großbritannien, und genau diese Differenz sollte die Länderauswahl im Depot bestimmen.

Evonik: Düsseldorf zieht die rote Linie, Berenberg hebt den Daumen

Die Übernahmesaga um Evonik bekommt eine politische Dimension. Das Land Nordrhein-Westfalen erklärte, Arbeitsplätze und Eigenständigkeit von Evonik dürften nicht infrage gestellt werden. Das wiegt schwer, denn Ministerpräsident Hendrik Wüst sitzt im Kuratorium der RAG-Stiftung, dem größten Evonik-Aktionär. Ohne dessen Zustimmung geht kein Verkauf. Evonik hatte das BASF-Gebot über 10,3 Milliarden Euro als zu niedrig abgelehnt.

Berenberg stuft Evonik dennoch von „Sell“ auf „Hold“ hoch und hebt das Kursziel von 15,50 auf 20 Euro. Das Übernahmeinteresse bilde in den kommenden Monaten einen Kursboden, den auch fallende Methionin-Preise nicht gefährdeten.

Die Bank hält eine Aufstockung auf 24 bis 25 Euro je Aktie für möglich, die Erstofferte soll bei 22,15 Euro gelegen haben. Evonik markierte am Montag mit 20,98 Euro ein 52-Wochen-Hoch und notiert knapp darunter bei 20,64 Euro, seit Jahresbeginn ein Plus von 54 Prozent.

BASF kauft derweil weiter eigene Aktien zurück: 805.398 Stück in der vergangenen Woche, seit dem 3. August insgesamt 5,83 Millionen. Obendrein planen die Koalitionsfraktionen eine Abgabe von 550 Euro je Tonne auf Kunststoffverpackungen ab Juli 2027, mit knapp 1,5 Milliarden Euro Jahresaufkommen ab 2028. Für Evonik-Aktionäre liegt die Rechnung offen: Der Kurs nähert sich der Erstofferte, der Aufschlag hängt an einer Nachbesserung, und das Veto-Risiko sitzt nicht in Ludwigshafen, sondern in Essen und Düsseldorf.

Nasdaq-Rekorde auf schmalem Fundament

Die Wall Street feiert Rekorde, die nur von wenigen Aktien getragen werden. Die Nasdaq-Indizes bewegen sich an ihren Höchstmarken, Nvidia markierte am Montag bei 212,50 Euro ein 52-Wochen-Hoch. Die Handelsabteilung von JPMorgan wechselt nach vorsichtigen Wochen auf taktisch bullisch. Sie setzt auf Technologie als Kern-Long-Position und auf Banken wegen einer erwarteten Versteilerung der Zinskurve.

Goldman Sachs erwartet für die mittlere S&P-500-Aktie im dritten Quartal 9 Prozent Gewinnwachstum, auf Indexebene rechnet FactSet mit fast 30 Prozent. Die Lücke zwischen beiden Zahlen ist die eigentliche Nachricht.

Denn die Breite fehlt. Fast 60 Prozent der S&P-500-Titel notieren unter ihrer 200-Tage-Linie, rund 75 Prozent unter der 50-Tage-Linie. Hedgefonds stockten im September Absicherungen und Short-Positionen auf.

Der Index für die erwartete Schwankung am US-Anleihemarkt steht bei rund 108, fast siebenmal so hoch wie der Volatilitätsindex für Aktien bei 16. Die zehnjährige US-Rendite liegt bei 5,3 Prozent, dem höchsten Stand seit 2007.

Wie konzentriert das Geld arbeitet, zeigt ein großer britischer Technologiefonds: Nvidia macht dort 10 Prozent des Portfolios aus, Apple 6,5 Prozent, TSMC 5,2 Prozent. Der nächste Magnet für diese Konzentration steht bereit.

Anthropic plant die Investoren-Roadshow ab dem 9. November, ein Handelsstart vor dem 26. November gilt als möglich. Wer einen Nasdaq-ETF im Depot hat, besitzt derzeit keine Marktbreite, sondern eine Wette auf wenige Namen, und die beginnende Berichtssaison entscheidet, ob die 9 Prozent der Mehrheit zu den 30 Prozent der Spitze aufschließen.

Euro am 17-Monats-Tief: Frankreich zahlt, Deutschland profitiert

Die Schwäche des Euro hat eine Adresse, und sie liegt in Paris. Am Montag fiel die Gemeinschaftswährung unter 1,12 Dollar, so tief wie zuletzt im Mai 2025. Auslöser ist Frankreichs Haushaltskrise.

Der Renditeaufschlag zehnjähriger französischer Anleihen gegenüber Bundesanleihen erreichte am Freitag zeitweise 160 Basispunkte, den höchsten Wert seit 2011. Frankreichs Staatsschulden liegen bei 120 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Zinslast 2026 bei 80 Milliarden Euro. Der CAC 40 fiel auf ein Sechsmonatstief, dazu kündigt Spaniens Premier Sánchez Neuwahlen für den 29. November an.

Die Commerzbank sieht im Status der Bundesanleihen als sicherer Hafen eine Bremse für weitere Euro-Verluste. ING hält trotzdem einen Rückgang auf 1,10 Dollar für möglich. BIZ-Chef Pablo Hernández de Cos warnte am Montag in Wien, Rekordverschuldung und fremdfinanzierte Hedgefonds könnten künftige Krisenreaktionen erschweren.

Für ein deutsches Depot bedeutet das: Dollar-Positionen bekommen Währungsrückenwind, französische Positionen bleiben der Schwachpunkt Europas, und Bundesanleihen mit rund 3,5 Prozent Rendite sind der Puffer, nicht der Feind.

Abseits Europas lohnt ein Blick nach Brasilien. Der iShares MSCI Brazil ETF sprang um rund 14 Prozent, nachdem Flavio Bolsonaro mit 47,3 Prozent vor Lula mit 44,8 Prozent in die Stichwahl am 25. Oktober einzog.

Der globale Kompass

Ob Kiew, Rom, London, Düsseldorf oder Paris: An diesem Montag setzten Regierungen die Preise, und die Bilanzen lieferten nur die Begründung. Die Woche hat feste Marken. Am Mittwoch tagen der Koalitionsausschuss in Berlin und die Fed veröffentlicht ihr Sitzungsprotokoll, am Donnerstag starten die Bankentarifgespräche.

Bis Ende November fallen die Entscheidungen zu Intesa und MPS, zur Stichwahl in Brasilien und zu Spaniens Parlament. Dazwischen liegt die Berichtssaison, die klären muss, ob Rüstung, Banken und KI ihre Vorschusslorbeeren mit Zahlen unterlegen.

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