Kommentar: Brexit – Die Briten wollen raus

Die Briten haben es tatsächlich getan. Nach bisherigem Stand der Auszählung votierten 51,1% der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union. Damit ist das wahr geworden, was viele Spitzenpolitiker in Brüssel und anderen EU-Hauptstädten lange nicht wahrhaben wollten: Dass ein Land bzw. dessen Bevölkerung einen Schlussstrich unter die zunehmende Gängelung einer zentralistischen Elite ziehen will, ungeachtet der zweifellos harten ökonomischen Konsequenzen eines Austritts.

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Ob der beschlossene Brexit nun ein Fanal für den Zusammenbruch der ganzen EU bedeutet oder vielleicht doch mehr die einmalige Möglichkeit, eine in die Jahre gekommene Institution mit vielen Fehlentwicklungen auf den Prüfstand zu stellen und neu zu verhandeln, dass liegt nun in der Verantwortung der Politik, sowohl gesamteuropäisch als auch national.

EU hat eine neue Chance, doch nutzt sie diese?

Werden hier die richtigen Schlüsse gezogen, die aus meiner Sicht einer Rückabwicklung der heutigen EU in Richtung frühere EWG mit einem gemeinsamen Binnenmarkt und Freizügigkeit, gerne auch mit Schengen, bringen sollten, hat eine reformierte EU nicht nur eine Daseinsberechtigung, sondern auch eine echte Chance, den europäischen Gedanken wiederzubeleben.

Entscheidet sich die „Elite“ aber dafür, statt dessen ein noch engeres Korsett zu schnüren, würden vor allem die nationalistischen Strömungen in den Mitgliedsländern weiterhin Zulauf bekommen und die EU am Ende auf „demokratischem“ Weg zum Implodieren bringen. Etwas, was sich keiner wünschen kann, auch wenn die EU absolut kritikwürdig in ihrer jetzigen Verfassung ist.

Die „Schock“-Bekundungen, die heute von führenden Politikern im Minutentakt über die Ticker laufen, sind bislang nichts als erwartbare Reaktionen und mehr oder weniger substanzlos, Denn bislang habe ich nirgendswo etwas davon gelesen, dass der Brexit nun Anlass zum Nachdenken über die EU geben muss. Entsprechend gering sind momentan noch meine Hoffnungen, dass dieser britische Weckruf verstanden wird. Aber man wird sehen.

Crash-Kurse sind bald Kaufkurse

Die konkreten Folgen auf den Kapitalmärkten sind übrigens sowohl sehr spannend als auch am Ende wohl sehr lukrativ für mutige Anleger. Dabei ist klar, dass jetzt alles erst einmal deutlich in die Knie gehen wird. Für den deutschen Aktienmarkt weisen die Frühindikationen in den Einzeltiteln Verluste von bis zu 20% (insbesondere bei den Banken) aus. Der DAX-Future notiert derzeit bei 9.200 Punkten, was einem Tagesverlust von mehr als 10% und mehr als 1.000 Punkten im DAX gleichkäme.

Doch darauf sollten Anleger eine andere Rechnung aufmachen als nun in Panik zu verfallen. Denn tendenziell liefern solche Crashs Kaufkurse. Sicher nicht heute oder morgen, aber womöglich schon ab der nächsten Woche.

Zum Autor:

© Carsten Müller
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Seit  20 Jahren befasst sich Carsten Müller publizistisch mit den verschiedenen Aspekten der internationalen Kapitalmärkte. Dabei hat er als freier Journalist für einige der bekanntesten Börsenbriefverlage (u .a. Bernecker & Cie., Fuchsbriefe) geschrieben und ist derzeit in verschiedenen journalistischen Projekten tätig. Zu seinen Schwerpunkten gehören Standardwerte, Nebenwerte, Gold-Themen sowie Anleihen. Darüber hinaus beschäftigt er sich auch mit makroökonomischen, geldpolitischen und geopolitischen Themen.Er ist Herausgeber mehrerer Börsenbriefe und der Webseiten www.boerse-global.de und www.alphabriefe.de

 

 

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