Kospi minus 22, FTSE plus 3,8 Prozent: Wohin das Kapital jetzt wandert

Die Kapitalrotation weg von KI-Titeln hin zu Energie, Industrie und Rohstoffen prägt die Märkte. Geopolitische Spannungen und Inflationssorgen treiben diese Entwicklung.

Die Kernpunkte:
  • Kapitalabfluss aus KI-Aktien
  • Energie- und Rohstoffwerte gefragt
  • Alphabet trotz Umsatzplus abgestraft
  • Coinbase verzeichnet Quartalsverlust

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

das große Geld verlässt die Tech-Wette. Nicht schlagartig, sondern in einer Rotation, die sich im Juli in fast jeder Zahl zeigt, die über die Ticker lief: Amazon legte zu, Apple brach ein, und der südkoreanische Kospi feierte seinen besten Handelstag der Börsengeschichte – um den Monat trotzdem mit einem Minus von 22 Prozent zu beschließen. Die Erklärung liegt nicht in einzelnen Kursausschlägen, sondern in einer Verschiebung, die für Ihr Depot mehr zählt als jeder Tagesschluss: Kapital wandert von der reinen KI-Fantasie hinüber zu Energie, Industrie, Rohstoffen und Gesundheitswerten – getrieben von einem eskalierenden Nahost-Konflikt und wachsenden Zweifeln, ob sich die gewaltigen KI-Investitionen der Tech-Konzerne je auszahlen.

Warum Alphabet trotz 24 Prozent Umsatzplus abgestraft wurde

Es ist ein Signal, das Anleger ernst nehmen sollten: Alphabet meldete für das zweite Quartal ein Umsatzplus von 24 Prozent – und die Aktie fiel trotzdem. Der Grund liegt nicht im operativen Geschäft, sondern in der Investitionsrechnung: Rund 45 Milliarden Dollar Capex, doppelt so viel wie im Vorjahr, drückten den Konzern erstmals in ein Cashflow-Defizit. Am Freitag schloss die Aktie zwar mit einem kräftigen Plus, doch die Botschaft der Woche bleibt bestehen: Der Markt fragt zunehmend, wann sich diese Investitionen auszahlen. Bei Tesla zeigte sich dasselbe Muster, nur schärfer: Die Investitionsausgaben schossen um 140 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar, die Aktie brach in der Reaktion um 14 Prozent ein. Für Anleger heißt das: Wachstum allein genügt nicht mehr. Der Markt verlangt Kapitaldisziplin – und bestraft, wer sie nicht liefert.

Zusammen mit Amazon und Microsoft summieren sich die Cloud-Investitionen der großen Hyperscaler auf rund 140 Milliarden Dollar allein in diesem Quartal. Amazon hat seine Jahresprognose sogar auf 220 Milliarden Dollar angehoben. Diese Summen sind entweder das Fundament der nächsten Dekade – oder die Ursache der nächsten großen Enttäuschung. Wer in diese Werte investiert ist, sollte in den kommenden Quartalen genau verfolgen, ob den Ausgaben auch entsprechende Umsätze folgen.

Die jüngsten Entwicklungen im Halbleiter-Sektor zeigen, wie schnell aus dieser Kapitaldisziplin-Debatte eine geopolitische Krise werden kann.

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Genau darum geht es im Live-Webinar „Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“, zu dem Bernd Wünsche & Johannes Daut morgen um 18:00 Uhr einladen. Die beiden Experten ordnen ein, wie chinesische KI-Modelle zuletzt einen historischen Kurssturz bei US-Chip-Aktien auslösten – allein Nvidia verlor an einem einzigen Tag rund 197 Milliarden Dollar an Börsenwert – und wie Washington mit einem 100-Milliarden-Dollar-Deal mit TSMC dagegenhält, um die eigene Chip-Produktion unabhängiger von China zu machen. Sie gehen zudem auf den aktuellen Fall eines wegen Chip-Schmuggel-Verdachts festgenommenen Nvidia-Mitarbeiters ein, der Jensen Huang persönlich nach Washington führt. Wer verstehen will, welche Unternehmen von diesem Wettlauf um die technologische Vorherrschaft profitieren könnten, findet hier konkrete Einordnung statt bloßer Kursreaktionen. Jetzt zum Webinar „Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“ anmelden

Öl und Geopolitik füllen die Lücke im Depot

Während die Tech-Bewertungen ins Wanken geraten, schreibt die reale Wirtschaft ihre eigene Geschichte. Nach dem iranischen Raketenangriff auf US-Kräfte Ende Juli und den amerikanischen Gegenschlägen gegen Ziele der Revolutionsgarden zogen die Ölpreise an – WTI notiert deutlich über der 80-Dollar-Marke. Donald Trumps jüngste Drohung mit „sehr harten“ Schlägen gegen den Iran hält die Risikoprämie hoch. Für Anleger ist das die Kehrseite der Medaille: Steigende Energiepreise nähren die Inflationssorgen und belasten Wachstumswerte – zugleich machen sie Energie- und Rohstofftitel zu Gewinnern. Genau dorthin fließt das Kapital, das die Tech-Werte verlässt.

Wie tragfähig diese Rotation bereits ist, zeigt der Blick nach London: Der FTSE 100 stieg im Juli um 3,8 Prozent und steht knapp unter Rekordniveau – getragen ausgerechnet von rohstoffnahen Titeln und einer robusten Binnenwirtschaft. Das ist kein Zufall, sondern die Landkarte der neuen Marktführerschaft.

Die Konjunktur bremst, die Fed hält still

Die US-Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal nur noch mit annualisierten 1,5 Prozent, deutlich unter den erwarteten 2,1 Prozent. Der Konsum hielt sich mit plus 3,2 Prozent noch wacker, doch die 30-jährige Hypothek kletterte auf 6,66 Prozent – den höchsten Stand seit einem Jahr. Die Fed beließ den Leitzins bei 3,50 bis 3,75 Prozent, bei einer Abstimmung von 9 zu 3. Bemerkenswert: Der Markt preist trotz schwächelnder Konjunktur eine Wahrscheinlichkeit von 65 Prozent für eine weitere Zinserhöhung im September ein – die Inflation lässt der Notenbank kaum Spielraum nach unten. Für Ihr Depot bedeutet diese Gemengelage aus schwächerem Wachstum und hartnäckiger Inflation: Der Rückenwind billigen Geldes ist vorerst passé. In der kommenden Woche steht am Freitag der US-Arbeitsmarktbericht an – die nächste Bewährungsprobe für dieses fragile Gleichgewicht.

Coinbase strauchelt, während die Krypto-Infrastruktur neu vermessen wird

Bei Coinbase trafen zwei Entwicklungen aufeinander. Das zweite Quartal brachte einen Umsatzrückgang von 18,5 Prozent auf 1,22 Milliarden Dollar und einen Nettoverlust nach GAAP von 359,5 Millionen Dollar – sinkende Zinsen drückten die Erträge aus dem USDC-Stablecoin, dessen Umsatz trotz eines Marktkapitalisierungssprungs von 26 Prozent schrumpfte. Die Aktie verlor am Freitag zweistellig und schloss bei rund 127 Euro, umgerechnet knapp 147 Dollar an der US-Börse. Doch daneben steht eine strukturelle Weichenstellung: Die US-Aufsicht CFTC erlaubt amerikanischen Firmen künftig den Handel mit Krypto-Perpetuals, Coinbase erhielt bereits einen No-Action-Letter für Optionen und Perpetuals. Die Lehre daraus: Das alte, zinsabhängige Stablecoin-Modell wackelt, doch das neue Geschäft mit derivativen Handelsprodukten könnte den Verlust mehr als wettmachen. Anleger sollten Coinbase daher weniger am Quartalsverlust messen als an dieser Verschiebung des Geschäftsmodells. Bei Robinhood, wo Mizuho zuletzt sein Kursziel anhob, zeigt sich zudem: Der Wettbewerb um die neue Derivate-Infrastruktur ist eröffnet – wenngleich die SEC parallel eine Untersuchung von Robinhoods Krypto-Sparte eingeleitet hat und der Broker bereits erste als Wertpapiere eingestufte Token delistet.

Eine Erinnerung für Selbstverwahrer bleibt zudem aktuell: Nach einem Exploit, der zweistellige Millionenbeträge aus Coldcard-Hardware-Wallets abzog, warnte Binance-Gründer Changpeng Zhao (CZ), keine blinde Sicherheit anzunehmen – „nichts ist zu 100 Prozent sicher“. Selbst etablierte Wallets mit langer Historie sind offenbar nicht immun.

Der globale Kompass

Diese Woche hat die Konturen einer Verschiebung sichtbar gemacht, die sich nicht in einem Tageschart ablesen lässt: Kapital wandert von der KI-Fantasie hin zu Energie, Rohstoffen und Industrie, getrieben von Geopolitik und einer Inflation, die der Fed kaum Luft lässt. Zugleich zeigt Coinbase, dass eine ähnliche Verschiebung innerhalb der Kryptobranche selbst läuft – weg vom zinsabhängigen Altgeschäft, hin zu neuer Derivate-Infrastruktur. Für die kommende Woche zählen zwei Termine: der US-Arbeitsmarktbericht am kommenden Freitag als Test für die Fed-Erwartung, und die HSBC-Zahlen am kommenden Montag als Fieberthermometer der Bankenwelt. Wer sein Depot bislang einseitig auf Tech ausgerichtet hat, sollte diese Rotation nicht als Rauschen abtun – das ausklingende Wochenende bietet Gelegenheit, die eigene Gewichtung in Ruhe zu prüfen, bevor die neue Woche mit frischen Zahlen beginnt.

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