Lenzing: CEO kauft 18.180 Aktien zu 27,63 Euro

Lenzing verdoppelt den Halbjahresgewinn, plant aber einen radikalen Konzernumbau mit Stellenabbau und einer Kapitalerhöhung über 600 Millionen Euro.

Die Kernpunkte:
  • Halbjahresgewinn auf 35,6 Millionen Euro verdoppelt
  • Umbau: 2.000 Stellenstreichungen bis Ende 2027
  • Kapitalerhöhung über 600 Millionen Euro geplant
  • CEO investiert über 500.000 Euro in Aktien

Die Textilindustrie steckt seit Jahren in einem stillen Strukturwandel: Überkapazitäten, wechselnde Konsumtrends, der Ruf nach nachhaltigeren Fasern. Lenzing steht mitten in diesem Umbruch – und liefert derzeit ein Paradebeispiel dafür, wie schwer es ist, Zukunftsfähigkeit und Gegenwartsdruck unter einen Hut zu bringen. Am Freitag verlor die Aktie 2,85 Prozent und schloss bei 23,85 Euro. Wer allein auf die Gewinnzahlen schaut, würde das nicht erwarten.

Ein Gewinn, der die halbe Wahrheit erzählt

Im ersten Halbjahr 2026 verdoppelte Lenzing das Ergebnis nach Steuern von 15,2 auf 35,6 Millionen Euro – und das, obwohl die Umsatzerlöse von 1,34 auf 1,27 Milliarden Euro zurückgingen. Das EBITDA lag bei 239,2 Millionen Euro, der freie Cashflow verbesserte sich auf 45,8 Millionen Euro. Im zweiten Quartal zog der Umsatz gegenüber dem ersten Quartal von 615,7 auf 651,7 Millionen Euro an, getragen von gezielten Preiserhöhungen. Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Doch die Zahlen sind auch das Ergebnis eines Konzerns, der sich gerade radikal neu sortiert – und diese Neusortierung kostet zunächst mehr, als sie einbringt.

Der Preis der Transformation

Ende Juli beschloss der Vorstand, Faserproduktionsstandorte zu konsolidieren. Das Werk in Heiligenkreuz in Österreich soll bis Ende 2026 aus der Faserproduktion ausscheiden, für den Standort läuft bereits die Käufersuche. Auch der britische Standort Grimsby wird abgebaut. Parallel läuft seit September 2025 ein Verkaufsprozess für den Produktionsstandort in Indonesien, wo im dritten Quartal ebenfalls Stellen gestrichen werden. Für 2026 rechnet Lenzing mit Wertminderungen von bis zu 150 Millionen Euro und Rückstellungen von bis zu 40 Millionen Euro für Personalmaßnahmen. Von den weltweit zuletzt rund 8.100 Beschäftigten sollen bis Ende 2027 etwa 2.000 Stellen wegfallen, davon 600 in der Verwaltung. Ein Sparprogramm soll gegenüber den Ist-Werten von 2025 Einsparungen von 120 Millionen Euro bringen, voll wirksam erst Ende 2027.

Dahinter steckt eine neue strategische Ausrichtung namens „Grow Nonwovens, Reset Textiles“. Der Umsatzanteil des klassischen Textilgeschäfts soll mittelfristig von 45 auf rund 30 Prozent sinken, während Vliesstoffe und Zellstoff jeweils auf etwa 30 Prozent zulegen sollen. Lenzing verschiebt damit sein Gewicht Richtung Hygieneprodukte und Fasern der nächsten Generation – ein Schritt, der die Frage aufwirft, ob ein traditionsreicher Textilfaserhersteller sich tatsächlich zum Nonwovens-Spezialisten wandeln kann, ohne dabei seine Identität zu verlieren.

Die Kapitalprobe am 25. August

Solche Umbauten sind teuer, und Lenzing braucht dafür frisches Geld. Ein Refinanzierungspaket bringt bis zu 600 Millionen Euro über neue Kredite, bestehende Verbindlichkeiten wurden bis 2030 verlängert. Zusätzlich hat Lenzing eine außerordentliche Hauptversammlung für den 25. August einberufen, auf der eine Kapitalspritze von insgesamt 600 Millionen Euro beschlossen werden soll – bis zu 300 Millionen Euro davon sollen Aktionäre über eine Kapitalerhöhung unter Wahrung des gesetzlichen Bezugsrechts beisteuern. Die Großaktionäre, das Syndikat aus B&C Gruppe und dem brasilianischen Zellstoffkonzern Suzano sowie die Oberbank, wollen sich entsprechend ihren Anteilen beteiligen. Das ist ein starkes Signal der Kernaktionäre – zugleich aber auch eine Belastung für alle übrigen Anteilseigner, die ihre Position halten wollen.

Vertrauen der eigenen Reihen

Bemerkenswert ist, dass der amtierende Konzernchef Georg Kasperkovitz, der im Juni vom operativen Chef an die Konzernspitze aufrückte und dabei auf Rohit Aggarwal folgte, Medienberichten zufolge 18.180 Lenzing-Aktien zu 27,63 Euro pro Stück kaufte – ein Einsatz von etwas mehr als einer halben Million Euro. Ein CEO, der kurz vor einer milliardenschweren Kapitalspritze eigenes Geld in die Aktie steckt, sendet ein Signal, das schwerer wiegt als jede Investorenpräsentation. Mitte Juni hatte zudem Berenberg die Aktie von Hold auf Buy hochgestuft und das Kursziel von 24 auf 29,50 Euro angehoben – damals, deutlich vor der jetzigen Kapitalerhöhung, ein optimistischer Blick auf die Wende.

Der Kurs bewegt sich derzeit rund 20 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch. Ob die Kapitalerhöhung am 25. August die Wende tatsächlich finanziert oder nur den nächsten Belastungspunkt setzt, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen.

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