Lufthansa vor der Schlichtung: Reicht die Ruhe an der Tariffront für eine Kurswende?

Die Cockpit-Schlichtung verhindert vorerst Streiks, doch Analysten warnen vor weiterem Gewinnrückgang. Der Konzern steht unter Druck.

Die Kernpunkte:
  • Schlichtungsverfahren mit Piloten vereinbart
  • Barclays senkt Kursziel und warnt
  • Gewinnprognose für 2026 gekappt
  • Barcelona-Streik belastet weiterhin

Ausgangslage

Die Lufthansa-Aktie kämpft mit den Nachwirkungen der Gewinnwarnung von Anfang August, die den Kurs seither um rund 10 Prozent gedrückt hat. Nun rückt ein anderer Faktor in den Vordergrund: die Tarifverhandlungen.

Die Vereinigung Cockpit und Lufthansa haben sich vor gut einer Woche auf ein umfassendes Schlichtungsverfahren mit Mediation geeinigt – für offene Tariffragen bei Lufthansa, Lufthansa Cargo, Lufthansa CityLine und Eurowings.

Weitere Pilotenstreiks gelten dadurch vorerst als unwahrscheinlich. Das ist eine Atempause, keine Lösung. Für Anleger zählt jetzt, ob diese Ruhe hält, während das Unternehmen parallel an mehreren Kostenfronten kämpft – vom Streik des Bodenpersonals in Barcelona bis zur eigenen, bereits gesenkten Ergebnisprognose.

Die entscheidende Frage

Der eine Faktor, der über die kommenden Monate entscheidet, ist simpel: Hält die Schlichtung, oder bricht sie? Die Streikbelastung schlug im zweiten Quartal bereits mit mindestens 150 Millionen Euro zu Buche, neben rund 750 Millionen Euro höheren Treibstoffkosten der Haupttreiber für den Einbruch des bereinigten operativen Ergebnisses um 56 Prozent auf 383 Millionen Euro.

Jeder neue Arbeitskampf würde die ohnehin auf 1,7 bis 2,2 Milliarden Euro gekappte Jahres-Guidance zusätzlich belasten. Der Barcelona-Streik des Bodenpersonals läuft bereits seit dem 4. August ohne Enddatum, mit Mindestserviceregeln zwischen 35 und 80 Prozent Normalauslastung – ein Warnsignal, dass Arbeitskämpfe im Konzern trotz der Cockpit-Einigung nicht ausgeräumt sind.

Bullisches Szenario

Hält die Schlichtung mit der Vereinigung Cockpit tatsächlich bis zum Herbst, gewinnt das Management Planungssicherheit zurück. Lufthansa Technik und Lufthansa Cargo liefern bereits operative Stabilität: Technik steigerte den Umsatz im zweiten Quartal um 11 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro, Cargo verbesserte das bereinigte EBIT auf 160 Millionen Euro bei einer Marge von 11 Prozent, gestützt von Lieferkettenstörungen und Nachfrage nach Technologie-Fracht.

Bleiben Treibstoffkosten stabil und der Kapazitätspfad wie angekündigt „broadly flat“, könnte die Passage-Sparte im zweiten Halbjahr Boden gutmachen. Der RSI von 27,8 signalisiert zudem eine überverkaufte Aktie – ein Umfeld, in dem schon moderat positive Nachrichten zu Gegenbewegungen führen können.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt tiefer als im Streikkalender. Barclays senkte am 19. August das Kursziel von 7,75 auf 7,50 Euro und bestätigte die Einstufung „Underweight“. Analyst Andrew Lobbenberg hält selbst das bereits gekürzte operative Ergebnisziel für optimistisch und rechnet mit einer weiteren Gewinnwarnung. Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, wäre die aktuelle Schwäche erst der Anfang. Hinzu kommt: Eine Schlichtung ist ein Verfahren, kein Ergebnis.

Scheitert die Mediation oder werden die Kernforderungen der Piloten nicht erfüllbar, drohen neue Streiks in einem Umfeld, das bereits mit sinkenden Margen kämpft – die Adjusted-EBIT-Marge fiel im zweiten Quartal von 8,4 auf 3,4 Prozent, der Konzernnettogewinn brach um 88 Prozent auf 123 Millionen Euro ein. Der Kurs notiert derzeit rund 15 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 8,95 Euro, ein Zeichen, dass der kurzfristige Trend klar abwärts zeigt.

Ausblick

Solange die Schlichtung mit der Vereinigung Cockpit hält und keine neuen Streikwellen bei Lufthansa Cargo, CityLine oder Eurowings entstehen, bleibt der Kapazitätspfad kalkulierbar und die Sparteneinnahmen aus Technik und Cargo können die Passage-Schwäche zumindest teilweise ausgleichen. Kippt die Schlichtung jedoch, oder bestätigt sich die von Barclays befürchtete weitere Gewinnwarnung, dürfte der Abwärtsdruck auf den Kurs anhalten.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der Fortgang des Barcelona-Streiks ohne festgelegtes Enddatum sowie der weitere Verlauf der Cockpit-Mediation – beide Termine ohne festen Kalendertag, aber mit unmittelbarem Einfluss auf die nächste Kostenrechnung des Konzerns. Bis dahin bleibt die Lufthansa-Aktie ein Wert, bei dem operative Stabilität in Nebensparten gegen strukturellen Druck im Kerngeschäft antritt.

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