Mercedes und VW nahe Jahrestiefs — Deutz und Daimler Truck setzen auf Rüstung
Während Mercedes und VW neue Jahrestiefs markieren, positionieren sich Deutz und Daimler Truck im Verteidigungsgeschäft. Geely steigert Exporte massiv.

- Mercedes-Benz fällt auf Fünf-Jahres-Tief
- VW-Aktie verliert nach Dividendenabschlag
- Deutz präsentiert Militärantriebe auf Messe
- Daimler Truck bündelt Rüstungsaktivitäten
Während die großen deutschen Premiumhersteller unter Margendruck ächzen und frische Mehrjahrestiefs markieren, entdecken zwei Sektorbegleiter ein lukratives Zweitgeschäft: Verteidigung. Auf der Eurosatory in Paris zeigten diese Woche Daimler Truck und Deutz, wie sich Lkw-Plattformen und Industriemotoren in militärische Ökosysteme einfügen lassen. Geely wiederum liefert aus China heraus Exportrekorde und drängt mit neuen Marken nach Europa. Fünf Auto-Aktien, drei grundverschiedene Strategien — und ein Sektor, der seine Bewertungslogik neu sortiert.
Mercedes-Benz: Neuer Elektro-Van trifft auf ein Fünf-Jahres-Tief
Mitte der Woche fiel die Mercedes-Aktie auf ein neues Fünf-Jahres-Tief. Der Kurs schloss am Freitag bei 45,09 Euro — fast 28 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Ein KGV von knapp unter 10 signalisiert, wie wenig Vertrauen der Markt derzeit in die Ertragskraft europäischer Premiumhersteller setzt.
Auf der Produktseite liefert der Konzern frische Impulse. Der vollelektrische Van VLE ist ab sofort bestellbar. Die Auslieferungen sollen im Sommer beginnen. Mit 800-Volt-Architektur, bis zu 300 kW Ladeleistung und einer WLTP-Reichweite von bis zu 713 Kilometern positioniert Mercedes das Fahrzeug klar im Premiumsegment. Der Einstiegspreis liegt bei 82.260 Euro.
Parallel hat Mercedes sein Vorstandsvergütungssystem reformiert. Stärker leistungsbezogene Komponenten und klarere Messkriterien sollen das Management enger an die Unternehmensziele binden. Analysten sehen das durchschnittliche Kursziel bei rund 60 Euro — ein rechnerisches Aufwärtspotenzial von über 25 Prozent. Die Kluft zwischen Bewertung und Analystenkonsens zeigt: Der Markt gewichtet strukturelle Risiken derzeit deutlich stärker als die Produktpipeline.
Volkswagen: Blume verteidigt den Sparkurs, Aktie rutscht weiter ab
Die VW-Vorzugsaktie schloss am Freitag bei 80,54 Euro — ein Minus von 4,7 Prozent an einem einzigen Tag. Der Dividendenabschlag am Freitag verstärkte den optischen Druck zusätzlich. Seit Jahresanfang hat das Papier rund ein Viertel seines Werts verloren.
Auf der Hauptversammlung verteidigte VW-Chef Oliver Blume seinen Restrukturierungskurs mit klaren Worten. Die Rahmenbedingungen hätten sich nochmals verschärft, die Lage sei angespannt. Konkret nannte er folgende Eckdaten:
- 28.000 freiwillige Austritte bereits fest vereinbart
- Fabrikkosten an deutschen Standorten 2025 um mehr als 20 Prozent gesenkt
- Bis 2028 Kapazitätsabbau um eine Million Fahrzeuge geplant, bis 2030 weitere 500.000
Das strategische Ziel: Bis 2030 soll die Umsatzrendite bei 8 bis 10 Prozent liegen. VW will sich zum „weltweit attraktivsten Automobilhersteller“ entwickeln. Gemessen am aktuellen Kursniveau klingt das ambitioniert. Das KGV von 7,09 und eine Dividendenrendite von gut 6 Prozent machen die Aktie optisch günstig. Die Mehrheit der Analysten stuft das Papier mit „Kaufen“ ein und sieht ein durchschnittliches Kursziel von 111 Euro — fast 40 Prozent über dem aktuellen Niveau. Zwischen dieser Einschätzung und der Realität am Kurszettel klafft ein bemerkenswerter Graben.
Deutz AG: Der Motorenbauer entdeckt die Verteidigung
Deutz sticht im Branchenvergleich heraus. Während die großen OEMs unter Druck stehen, legte die Aktie auf Wochensicht 7,3 Prozent zu und notiert seit Jahresanfang 15 Prozent im Plus. Der Kurs liegt knapp über dem 200-Tage-Durchschnitt — ein technisches Signal, das auf relative Stärke hindeutet.
Der Auftritt auf der Eurosatory markierte eine strategische Zäsur. Erstmals zeigte der Kölner Motorenbauer auf Europas wichtigster Verteidigungsmesse ein Portfolio für militärische Antriebe und dezentrale Energieversorgung. Die Aktivitäten im Sicherheitsbereich sind bereits in einer eigenen Business Unit gebündelt. Defence ist kein Randthema mehr — es ist eine bewusste Diversifikationsentscheidung.
Für 2026 rechnet Deutz mit einem Umsatz zwischen 2,3 und 2,5 Milliarden Euro bei einer bereinigten EBIT-Rendite von 6,5 bis 8,0 Prozent. Das Forward-KGV von 10,2 wirkt moderat. Die eigentliche Frage für eine Neubewertung: Werden nach dem Messeauftritt tatsächlich steigende Auftragseingänge im Defence-Segment folgen — und den wachsenden Anteil am Konzernmix untermauern?
Geely: Exportrekorde und der Sprung in die Schweiz
Der chinesische Konzern setzt seine aggressive Internationalisierung fort. Im Mai stiegen die Exporte im Jahresvergleich um 184 Prozent auf 85.000 Einheiten. Das Gesamtabsatzziel für 2026 liegt bei 3,45 Millionen Fahrzeugen — ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
In Europa öffnet sich ein neuer Markt: Über den Importeur Emil Frey bringt Geely ab dem dritten Quartal zwei elektrifizierte SUV-Modelle in die Schweiz — den vollelektrischen E5 und den Plug-in-Hybrid Starray EM-i. Die Premium-Submarke Zeekr hatte bereits 2025 in neun europäischen Ländern gleichzeitig den Markteintritt vollzogen, darunter Deutschland, die Schweiz und Belgien.
An der Börse notiert Geely am Frankfurter Handelsplatz bei 2,06 Euro — gut 11 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt. Der RSI von knapp 39 signalisiert eine annähernd überverkaufte Lage. Analysten sehen das deutlich anders als der Markt: 29 von 29 Empfehlungen lauten „Kaufen“. Citi stellte die Aktie zuletzt unter positive Beobachtung und verwies auf positive Erkenntnisse vom ADAS-Investorentag. Die Bewährungsprobe liegt in den Verkaufszahlen von Zeekr und Lynk & Co — zusammen sollen sie 2026 insgesamt 700.000 Neuwagen auf die Straße bringen.
Daimler Truck: Drohnen auf dem Zetros, Milliardenziel im Visier
Kein anderer Wert im Sektor hat den Defence-Schwenk so konsequent inszeniert wie Daimler Truck. Auf der Eurosatory präsentierte der Konzern gemeinsam mit Partnern wie Helsing und Quantum Systems eine Lkw-gestützte Einsatzplattform für Strike-Drohnen auf dem 4×4-Zetros. Die Bundeswehr vergab zudem einen Auftrag zur Entwicklung einer unbemannten Konvoilösung.
Alle weltweiten Verteidigungsaktivitäten werden künftig unter der neuen Dachmarke „Daimler Truck Defence“ gebündelt. Das Umsatzziel für das Segment: eine Milliarde Euro bis 2028. Die Strategie folgt einem klaren Muster — eigene Fahrzeugplattformen mit den Systemen spezialisierter Partner kombinieren, von geschützten Kabinen über Drohnen bis hin zu Luftabwehrtechnik.
Die Aktie schloss am Freitag bei 41,36 Euro, auf Jahressicht steht ein Plus von gut 10 Prozent. JPMorgan bestätigt das Rating „Overweight“ mit einem Kursziel von 50 Euro. Die Dividendenrendite von 4,5 Prozent macht das Papier auch für Einkommensinvestoren attraktiv. Der nächste Quartalsbericht am 7. August wird zeigen, ob die Defence-Offensive bereits messbare Umsatzeffekte liefert.
Autobranche zwischen Sparzwang, Rüstung und Exportoffensive
Die fünf Werte verdichten sich zu drei grundlegend verschiedenen Strategien:
- Klassische OEMs unter Druck: Mercedes und VW kämpfen mit Margenerosion, Überkapazitäten und einem Markt, der ihre Transformationsfähigkeit anzweifelt. Niedrige KGVs und hohe Dividendenrenditen locken Value-Investoren — aber die Kursverläufe signalisieren, dass der Boden noch nicht gefunden ist.
- Defence-Diversifizierer: Deutz und Daimler Truck schaffen mit dem Einstieg ins Rüstungsgeschäft eine Bewertungsfantasie, die reine Automobil-Peers nicht bieten können. Die Eurosatory war die Bühne — jetzt müssen Aufträge folgen.
- Chinesischer Expansionskurs: Geely setzt auf Volumen, Markenvielfalt und rasante Internationalisierung. Die Exportzahlen sind beeindruckend, die Analystenzuversicht nahezu einhellig.
Für die kommenden Wochen richten sich die Blicke auf die Quartalsberichte. Daimler Truck legt am 7. August vor, Geely folgt am 13. August. Bei VW und Mercedes wird sich zeigen, ob die angekündigten Sparmaßnahmen erste Margeneffekte liefern. Und für Deutz zählt nach dem Messeglanz vor allem eines: steigende Auftragseingänge, die den Defence-Aufbruch untermauern.
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