Merck-Milliardendeal beflügelt den DAX — SAP und Scout24 rutschen ab
Mercks 11-Milliarden-Übernahme von Bio-Techne beflügelt den DAX, während Technologiewerte wie SAP und Scout24 unter Druck geraten.

- Merck bietet 73 Dollar je Bio-Techne-Aktie
- Siemens Energy profitiert von KI-Energiebedarf
- Vonovia stabilisiert sich dank Mietwachstum
- SAP leidet unter Schweigephase vor Quartalszahlen
Ein 11-Milliarden-Dollar-Übernahmeangebot katapultierte Merck KGaA gestern an die DAX-Spitze und überstrahlte die anhaltende Schwäche im Technologiesektor. Während Siemens Energy und Vonovia ebenfalls Gewinne verbuchten, gerieten SAP, Scout24 und Fresenius Medical Care deutlich unter Druck. Der Leitindex kämpfte um die 25.000-Punkte-Marke — ohne sie dauerhaft zurückzuerobern.
| Asset | Kurs | Veränderung |
|---|---|---|
| Merck | 147,70 EUR | +5,8 % |
| Siemens Energy | 165,04 EUR | +3,8 % |
| Vonovia | 21,39 EUR | +3,1 % |
| SAP | 130,80 EUR | −3,0 % |
| Scout24 | 72,10 EUR | −2,9 % |
| Fresenius Medical Care | 40,96 EUR | −2,9 % |
Merck KGaA: Bio-Techne-Übernahme als strategischer Paukenschlag
Merck KGaA lieferte den Tagesimpuls schlechthin. Der Darmstädter Konzern schloss gestern eine verbindliche Vereinbarung zur Übernahme von Bio-Techne und bietet 73 US-Dollar je Aktie — vollständig in bar. Der Unternehmenswert beläuft sich auf rund 11,3 Milliarden US-Dollar.
Mit diesem Zukauf greift Merck nicht nach einem neuen Medikament, sondern nach den Werkzeugen der Arzneimittelforschung. Bio-Techne aus Minneapolis stellt Reagenzien, Proteine, Antikörper und Analysegeräte her, die in Forschungslaboren zum täglichen Standard gehören. Anders als das volatile Pharmageschäft liefern solche Laborprodukte planbare, wiederkehrende Erträge.
Für Merck ist es die größte Akquisition im Life-Science-Sektor seit über einem Jahrzehnt. Der Konzern beziffert die jährlichen Kostensynergien auf rund 140 Millionen Euro. Ab dem dritten Jahr nach Vollzug soll die Übernahme einen positiven Beitrag zum bereinigten Ergebnis je Aktie leisten. Der Abschluss wird Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet.
Nicht alle Analysten teilen die Markteuphorie. Jefferies beließ die Einstufung bei „Hold“ mit einem Kursziel von 129 Euro — deutlich unter dem aktuellen Kurs. Der Markt gewichtete die strategische Logik dennoch höher. Ein Kurssprung von fast sechs Prozent spricht eine klare Sprache.
Siemens Energy: Energiehunger der KI-Welt als Kurstreiber
Wer beim Thema Künstliche Intelligenz nur an Software und Halbleiter denkt, übersieht einen entscheidenden Faktor: den gigantischen Energiebedarf neuer Rechenzentren. Genau diese Erkenntnis treibt aktuell den Kurs von Siemens Energy.
Ausgelöst wurde der jüngste Schub durch starke Prognosen großer Chip-Hersteller, die eine breitere Rallye im Technologiesektor entfachten. In der Wahrnehmung vieler Marktteilnehmer wandelt sich Siemens Energy vom Restrukturierungsfall zum Infrastruktur-Profiteur im KI-Megatrend.
Das operative Fundament untermauert diese Fantasie:
- Umsatzprognose angehoben: Für das Geschäftsjahr 2026 erwartet der Konzern ein vergleichbares Wachstum von 14 bis 16 Prozent.
- Aktienrückkauf läuft: Seit Anfang Juni kauft Siemens Energy eigene Aktien im Wert von bis zu einer Milliarde Euro zurück.
- Analystenunterstützung: Die Deutsche Bank hält an ihrer Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 200 Euro fest.
Am 29. Juni — also am Sonntag — findet ein Pre-Close-Call mit Analysten statt. Der Markt erhofft sich dort Details zur Margenentwicklung und zu möglichen Umstrukturierungen. Dieser Termin könnte den nächsten Kursimpuls liefern.
Vonovia: Stabile Mieten und Zinshoffnung als Stütze
Deutschlands größter privater Wohnungsvermieter setzte seinen Erholungskurs fort. Nach einem schwachen Mai und dem Druck durch eine Wandelanleiheemission zu Wochenbeginn drehte die Stimmung spürbar.
Die operativen Zahlen aus dem ersten Quartal 2026 liefern gute Argumente für die Erholung: Das organische Mietwachstum lag bei 4,0 Prozent, die Auslastung bei 97,7 Prozent. Die durchschnittliche Miete kletterte auf 8,46 Euro je Quadratmeter und Monat. Gleichzeitig wuchs das Adjusted EBITDA im Vermietungsgeschäft um 6,3 Prozent — obwohl der Bestand um rund 4.000 Wohnungen schrumpfte.
Für den gesamten Immobiliensektor bleibt das Zinsumfeld der entscheidende Hebel. Die EZB-Einlagefazilität liegt aktuell bei 2,00 Prozent. Stabile oder weiter sinkende Zinsen wirken für kapitalintensive Wohnimmobilienunternehmen als struktureller Rückenwind. Goldman Sachs zählt Vonovia zu den überzeugendsten Kaufideen im DAX — ein Sentiment, das zuletzt wieder mehr Anleger teilen.
SAP: Schweigephase verschärft den Abwärtstrend
SAP bleibt das Sorgenkind im DAX-Technologiesektor. Seit dem 22. Juni befindet sich der Walldorfer Konzern in der offiziellen Schweigephase vor den Q2-Zahlen. Bis zur Ergebnispräsentation am 23. Juli gibt das Management keine Kommentare zur Geschäftsentwicklung ab. Knapp vier Wochen ohne unternehmenseigene Impulse — und das in einer Phase technischer Schwäche. Der RSI liegt bei 35,4, nahe am überverkauften Bereich.
Die Belastungsfaktoren reichen tiefer. Eine US-Investmentbank senkte ihre Prognose für die Bruttomarge in der zweiten Jahreshälfte 2026. Als Hauptgrund nannten die Analysten steigende Hardware- und Betriebskosten im Cloud-Geschäft. Gleichzeitig mehren sich Sorgen, dass die Kundenmigration in die Cloud langsamer voranschreitet als erhofft.
Zusätzlichen Gegenwind lieferte Oracle mit der Ankündigung milliardenschwerer Investitionen in KI-Infrastruktur. Das weckte Befürchtungen vor einem branchenweiten Margendruck. Der seit Anfang Juni bestehende Abwärtstrend setzt sich fort. Der eigentliche Stresstest kommt am 23. Juli mit den Quartalszahlen.
Scout24: Langfristige Schwäche trifft auf Dividendeneffekt
Der Betreiber von ImmoScout24 gehörte gestern zu den schwächsten Werten im DAX. Ein Blick auf den Chartverlauf verdeutlicht die Dimension der Schwächephase: Vom Jahreshoch 2025 bei stolzen 122,70 Euro hat sich der Kurs fast halbiert.
Die psychologisch wichtige 70-Euro-Marke muss einmal mehr verteidigt werden. Erst ein bestätigter Tagesschluss oberhalb des offenen Abwärts-Gaps bei 74,95 Euro würde das technische Bild aufhellen. Belastend wirkt zudem der Nachklang des Dividendenabschlags — die Ausschüttung von 1,50 Euro je Aktie erfolgte am 22. Juni, der Ex-Tag lag am 18. Juni.
Trotz der anhaltenden Kursschwäche bleibt die Analystengemeinde konstruktiv. JPMorgan hob das Kursziel auf 92 Euro an und beließ die Einstufung auf „Overweight“. Die Diskrepanz zwischen Analystensicht und Kursrealität bleibt auffällig.
Fresenius Medical Care: Regulierungsdruck bremst die Erholung
Fresenius Medical Care gab einen Teil des jüngsten Anstiegs wieder ab. Erst am Tag zuvor hatte die Aktie mit 42,16 Euro noch ein neues Sechsmonatshoch erreicht — der Rücksetzer trägt damit Züge einer klassischen Gewinnmitnahme nach steilem Kurzfristanstieg.
Die strukturellen Belastungen wiegen schwerer. Die US-Regulierungsbehörde schlug vor, Phosphatbinder ab 2027 in die Dialyse-Pauschale aufzunehmen. Damit würde ein Vergütungsmechanismus entfallen, der bisher die Nachfrage nach dem Fresenius-Medikament Velphoro gestützt hatte. Für das Kerngeschäft wäre das ein spürbarer Einschnitt.
Das Analystenumfeld bleibt schwierig. Die UBS bestätigte ihre Verkaufsempfehlung mit einem Kursziel von 32 Euro — mehr als 20 Prozent unter dem aktuellen Kurs. Das Bankhaus Metzler sprach kürzlich ebenfalls eine Herabstufung aus. Für das laufende Geschäftsjahr rechnen Analysten mit einem Gewinnrückgang von 6,3 Prozent. Ein Umfeld, das wenig Spielraum für Kursphantasie lässt.
Substanz gegen Wachstumsfantasie — der DAX am Scheideweg
Der gestrige Handelstag sendet ein klares Signal: Substanzielle Unternehmensaktionen wie Mercks Milliarden-Übernahme können den Gesamtmarkt überstrahlen, selbst wenn das makroökonomische Umfeld angespannt bleibt. Die Trennlinie zwischen Gewinnern und Verlierern verlief gestern entlang einer einfachen Logik — greifbare Substanz schlug reine Wachstumshoffnung.
Für DAX-Anleger rücken nun zwei Termine in den Vordergrund: der Siemens Energy Pre-Close-Call am 29. Juni und die SAP-Quartalszahlen am 23. Juli. Beide Ereignisse dürften maßgeblich bestimmen, ob der Technologie- und Industriesektor wieder Tritt fasst. Vonovia und der Immobiliensektor bleiben eng an das Zinsumfeld der EZB geknüpft. Merck hat mit dem Bio-Techne-Deal eine klare strategische Weichenstellung vorgenommen — deren Bewährungsprobe mit den regulatorischen Genehmigungen aber erst noch bevorsteht.
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