Merck trotzt dem DAX-Ausverkauf — Adidas und Deutsche Bank im Sog der Zollangst

Merck trotzt mit angehobenen Zielen dem DAX-Rückgang, während Adidas und Deutsche Bank unter Zoll- und Kreditrisiken leiden.

Die Kernpunkte:
  • Merck mit Kursplus von 2,3 Prozent
  • Deutsche Telekom fällt trotz operativer Stärke
  • Adidas leidet unter neuen Zolldrohungen
  • Qiagen stabilisiert sich mit Dividendenerhöhung

Iran-Krieg, neue Zolldrohungen, steigende Kreditrisiken: Der DAX sackte gestern unter die 25.000-Punkte-Marke und verlor 0,9 Prozent auf 24.889 Zähler. Während Anleger aus zyklischen Werten und Finanztiteln flüchteten, hielten sich Healthcare-Aktien als defensive Anker. Die Sektordivergenz im deutschen Leitindex könnte kaum deutlicher ausfallen.

Zwei Belastungsfaktoren bestimmten den Handelstag. Die Lage im Iran-Konflikt bleibt unübersichtlich: US-Präsident Trump sprach zwar von laufenden Verhandlungen mit Teheran, doch aus dem Iran hieß es, seit Tagen fänden keine Gespräche mehr statt. In der Nacht auf Mittwoch kam es zu den schwersten Feuergefechten seit Beginn der Waffenruhe. Parallel drohten die USA rund 60 Volkswirtschaften mit neuen Zöllen — die EU, Großbritannien, Kanada und China müssen mit Aufschlägen zwischen 10 und 12,5 Prozent rechnen.

GewinnerKursVeränderung
Merck133,05 EUR+2,3 %
Qiagen30,75 EUR+0,8 %
VerliererKursVeränderung
Deutsche Telekom28,09 EUR−2,9 %
Deutsche Bank26,99 EUR−2,8 %
Adidas161,40 EUR−2,8 %

Merck: Angehobene Jahresziele als Kursturbo

Mit einem Plus von 2,3 Prozent auf 133,05 Euro war Merck gestern der klare Tagesgewinner im DAX. Die Aufwärtsbewegung hat Substanz. Mitte Mai hatte der Konzern nach einem unerwartet starken Jahresstart die Jahresziele angehoben.

Das Management erwartet nun einen Umsatz zwischen 20,4 und 21,4 Milliarden Euro. Beim bereinigten EBITDA liegt die neue Zielspanne bei 5,7 bis 6,1 Milliarden Euro. Alle drei Sparten zeigen nach oben — ein Signal, das Analysten positiv aufnehmen.

Im gestrigen Marktumfeld kam ein weiterer Faktor hinzu: Anleger suchten Schutz vor geopolitischen Risiken. Merck als breit aufgestellter Pharma- und Spezialchemiekonzern erfüllt dieses defensive Profil. Der aktuelle Kurs liegt bereits über dem bisherigen 52-Wochen-Hoch von 131,45 Euro. Damit bewegt sich die Aktie in neue Kursbereiche — angetrieben von einer Kombination aus operativer Stärke und der Flucht in sichere Häfen.

Qiagen: Dividendensignal gegen den Abwärtstrend

Qiagen gewann 0,8 Prozent auf 30,75 Euro und setzte damit seinen kurzfristigen Erholungskurs fort. Das moderate Plus ist bemerkenswert, denn der Diagnostikspezialist kämpft mit erheblichem Gegenwind.

Die Wachstumsprognose musste deutlich gestutzt werden: Statt mindestens fünf Prozent erwartet das Unternehmen währungsbereinigt nur noch ein bis zwei Prozent Umsatzplus. Hauptursache ist die schwache Nachfrage nach QuantiFERON-Tests im US-Einwanderungsbereich.

Gezielte Kapitalmarkt-Signale stützen die Aktie trotzdem:

  • Die Dividende soll um 40 Prozent auf 0,35 US-Dollar je Aktie steigen — die Hauptversammlung im Juni entscheidet darüber
  • Synthetische Aktienrückkäufe wurden bereits eingeleitet
  • Der CEO-Nachfolgeprozess läuft planmäßig; ein neuer Konzernchef soll in der zweiten Jahreshälfte antreten

Der Kurs hält sich deutlich über dem 20-Tage-Durchschnitt von 29,44 Euro. In den mittel- und langfristigen Abwärtstrends hat sich zumindest kurzfristig eine Stabilisierung abgezeichnet. Ob die Dividendenerhöhung reicht, um das strukturelle Wachstumsproblem zu überdecken, wird sich erst mit den nächsten Quartalszahlen zeigen.

Deutsche Telekom: Operative Stärke, technische Schwäche

Den größten Rückschlag im DAX musste gestern die Deutsche Telekom hinnehmen. Minus 2,9 Prozent auf 28,09 Euro — und das trotz hervorragender operativer Kennzahlen.

Im ersten Quartal stieg der Konzernumsatz organisch um 4,7 Prozent auf 29,9 Milliarden Euro. Das bereinigte EBITDA AL legte sogar um 7,5 Prozent zu. Die Jahresprognose wurde angehoben. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte.

Warum dann der Kursverfall? Ein Bündel an Faktoren drückt. Charttechnisch hat die Aktie bereits Ende Mai die 200-Tage-Linie nach unten durchbrochen — ein klassisches Warnsignal. Der Iran-Krieg treibt Inflations- und Zinserwartungen nach oben. Für die fremdkapitalintensive Telekommunikationsbranche ist das Gift. Hinzu kommt ein Branchenphänomen: In einer Phase, in der Wachstums- und Tech-Titel von Hoch zu Hoch eilen, bleiben defensive Basiswerte links liegen. Der Risikohunger der Anleger lässt kaum Platz für konservative Titel.

Bei der Deutschen Telekom klafft eine auffällige Lücke zwischen operativer Stärke und Kursentwicklung. Die nächsten Quartalszahlen am 6. August könnten als Katalysator wirken — vorausgesetzt, das geopolitische Umfeld beruhigt sich bis dahin.

Deutsche Bank: Kreditrisikowarnung belastet

Mit minus 2,8 Prozent auf 26,99 Euro gehörte die Deutsche Bank zu den schwächsten DAX-Werten. Der Auslöser war konkret und frisch. Finanzchefin Raja Akram deutete auf einer Investorenveranstaltung an, dass die Risikovorsorge für faule Kredite im zweiten Quartal über den Markterwartungen liegen dürfte.

Diese Aussage wirkt wie ein Warnsignal für die Ergebnisqualität im laufenden Quartal. Anleger reagierten sofort — die Aktie fiel zurück an die 50-Tage-Linie. Über die vergangenen drei Monate summiert sich das Minus bereits auf gut fünf Prozent. Der Dividendenabschlag vom 29. Mai hat den Kurs zusätzlich belastet.

Strukturell lastet noch mehr auf der Aktie. Die ambitionierten Ziele der Strategie 2028 — unter anderem fünf Prozent jährliches Ertragswachstum — wirken im aktuellen Umfeld zunehmend ambitioniert. Parallel streikt Verdi bei der Postbank und fordert acht Prozent mehr Lohn für rund 9.000 Beschäftigte. Ob die erhöhte Kreditrisikovorsorge ein Einmaleffekt bleibt oder ein Vorbote für ein schwächeres Quartal ist, wird sich erst mit den Halbjahreszahlen klären.

Adidas: Zölle fressen operative Fortschritte auf

Adidas verlor ebenfalls 2,8 Prozent auf 161,40 Euro. Die neuen Zolldrohungen treffen den Sportartikelkonzern strukturell besonders hart. Da der Großteil der Produktion in Asien stattfindet und in westliche Märkte importiert wird, trifft jede Zollrunde das Geschäftsmodell ins Mark.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Für 2026 erwartet Adidas ein operatives Ergebnis von rund 2,3 Milliarden Euro — Analysten hatten 2,72 Milliarden Euro auf dem Zettel. Zölle und ungünstige Währungseffekte radieren rund 400 Millionen Euro aus, die operativ eigentlich als Verbesserungen erzielt wurden.

Dabei ist die operative Ausgangslage alles andere als schlecht:

  • Die Running-Kategorie wächst mit 30 Prozent
  • Die operative Marge hat die 10-Prozent-Marke überschritten
  • Die Fußball-WM verspricht milliardenschweres Umsatzpotenzial

CEO Gulden hat Adidas in zwei Jahren vom Krisenkandidaten zum Wachstumskonzern umgebaut. Ende Mai hatte die Aktie die 200-Tage-Linie nach oben gekreuzt — der gestrige Rückgang auf 161,40 Euro testet diese wichtige Marke nun von oben. Solange die Zollunsicherheit anhält, dürfte Adidas trotz operativer Fortschritte unter Druck bleiben.

DAX im Spannungsfeld zwischen Geopolitik und Quartalssaison

Der gestrige Handelstag zeichnet ein klares Bild: Makroökonomische Schocks überlagern derzeit die Einzeltitel-Dynamik im DAX. Healthcare-Werte wie Merck und Qiagen profitieren als defensive Anker, während kapitalintensive Sektoren und zollexponierte Konsumgüter überproportional leiden.

Für den DAX wird der Weg zurück zu neuen Rekordhöhen zunehmend beschwerlich. Statt Friedenssignale liefert der Iran-Konflikt Eskalationsmeldungen. Die frischen US-Zolldrohungen gegen 60 Volkswirtschaften schaffen zusätzliche Unsicherheit. Solange diese Gemengelage anhält, dürfte die Kluft zwischen defensiven und zyklischen Werten bestehen bleiben. Der nächste Impuls kommt entweder aus einer Entspannung im Iran-Konflikt — oder ab August aus den Quartalsergebnissen von Deutsche Bank und Deutscher Telekom.

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