Micron und Marvell im KI-Rausch — Charter und Workday am Abgrund
KI-Infrastruktur-Titel treiben den Nasdaq-100, während klassische Geschäftsmodelle von Charter und Workday unter Druck geraten.

- Micron-Aktie steigt nach massiven Kurszielerhöhungen
- Marvell profitiert von S&P-500-Aufnahme und KI-Partnerschaft
- Charter Communications fällt nach Nasdaq-100-Ausschluss
- Workday leidet unter KI-Disruptionsängsten
Drei Chip-Aktien dominieren die Nasdaq-Gewinnerliste, während ein Kabelriese und ein Software-Konzern auf Jahrestiefs zusteuern. Die Kluft im Index war selten so groß wie an diesem Donnerstag.
Die vorläufige US-Iran-Einigung, sinkende Ölpreise und eine abwartende Fed bilden den Rahmen. Für Anleger entscheidend: Wer vom KI-Superzyklus profitiert, wird belohnt. Wer nicht, wird abgestraft — ohne Rücksicht auf solide Cashflows oder operative Substanz.
Micron: Analysten entdecken den Wachstumswert
Der Speicherchiphersteller liefert mit einem Plus von 9,0 % den stärksten Tagesgewinn im Nasdaq-100. Bei 988,80 Euro notiert die Aktie nur noch knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch.
Auslöser war eine Serie aggressiver Kurszielerhöhungen. TD Cowen schraubte sein Ziel von 660 auf 1.500 US-Dollar — mehr als eine Verdoppelung. RBC Capital Markets folgte mit einer Anhebung auf 1.200 US-Dollar. Beide Häuser begründeten den Schritt mit einem fundamentalen Umdenken: Micron sei kein zyklischer Rohstofflieferant mehr, sondern ein zentraler Baustein der KI-Infrastruktur.
Zusätzlich befeuert Aletheia Capital die Fantasie mit der Prognose, dass Speicherpreise im dritten Kalenderquartal 2026 um 30 bis 40 Prozent gegenüber dem Vorquartal steigen werden. SK Hynix lieferte am Mittwoch erste Muster seines 12-lagigen HBM4E-Speichers an Großkunden — ein Signal, dass die gesamte KI-Speicher-Lieferkette Fahrt aufnimmt.
Am 24. Juni veröffentlicht Micron seine Quartalszahlen. Die Erwartungen sind nach der Rallye entsprechend hoch. Ein deutliches Übertreffen könnte die nächste Aufwärtswelle auslösen — eine Enttäuschung dagegen würde empfindlich treffen.
Monolithic Power: Comeback nach dem Broadcom-Schock
Mit einem Plus von 7,8 % holt Monolithic Power Systems einen Großteil des Kursverlusts vom 16. Juni wieder auf. Damals hatte die Aktie 9,29 Prozent verloren — nicht wegen eigener Probleme, sondern als Spätfolge einer Sell-the-News-Reaktion nach Broadcoms schwacher KI-Prognose Anfang Juni.
Die fundamentale Stärke des Power-Management-Spezialisten ist ungebrochen. Im ersten Quartal 2026 wuchs der Enterprise-Data-Umsatz um knapp 98 Prozent im Jahresvergleich auf 262,8 Millionen US-Dollar. Der Gesamtumsatz erreichte mit gut 804 Millionen US-Dollar einen Rekordwert und übertraf den Konsens deutlich.
Für das zweite Quartal stellte das Management rund 900 Millionen US-Dollar in Aussicht. Niedrigere Treasury-Renditen und die stabilisierte geopolitische Lage stützten am Donnerstag zusätzlich die Bewertung. Bei 1.358,50 Euro liegt der Kurs allerdings noch rund zwölf Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch — ein Zeichen, dass der Markt trotz starker Zahlen vorsichtig bleibt.
Marvell Technology: S&P-500-Aufnahme als Kursturbo
Marvell legt den dritten Tag in Folge kräftig zu. Das Plus von 7,4 % auf 271,15 Euro speist sich aus einem seltenen Zusammenspiel:
- Indexaufnahme am 22. Juni: Passive Fonds, die den S&P 500 abbilden, werden zu Zwangskäufern. Aktive Manager greifen voraus.
- Technologie-Partnerschaft: Marvell plant, TSMCs 1,4-Nanometer-Fertigungsprozess für künftige KI-Chips zu nutzen — ein Bekenntnis zur technologischen Spitzenposition.
- Analysten-Upgrade: B. Riley hob das Kursziel von 240 auf 345 US-Dollar an und verknüpfte die Story direkt mit dem KI-Momentum.
Die Kursexplosion der vergangenen Wochen ist bemerkenswert: Innerhalb von 30 Tagen hat die Aktie fast 69 Prozent zugelegt. Die annualisierte Volatilität von über 130 Prozent zeigt, dass der Titel nichts für schwache Nerven ist. Ab Montag wird sich zeigen, ob die Indexaufnahme tatsächlich als nachhaltiger Katalysator wirkt oder ob nach dem Stichtag Gewinnmitnahmen einsetzen.
Charter Communications: Indexausschluss verschärft die Abwärtsspirale
Am anderen Ende des Spektrums steht Charter Communications mit einem Minus von 3,9 %. Bei 110,34 Euro notiert die Aktie nur noch knapp über ihrem 52-Wochen-Tief — und das hat strukturelle Gründe.
Am 22. Juni wird Charter aus dem Nasdaq-100 entfernt. Index-Tracker-Fonds müssen ihre Positionen bis dahin auflösen, was systematischen Verkaufsdruck erzeugt. Seit der Ankündigung am 11. Juni hat sich dieser Druck spürbar verstärkt.
Die operativen Probleme reichen tiefer. Im ersten Quartal verlor Charter 120.000 Breitbandkunden — mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Das verwässerte Ergebnis je Aktie von 9,17 US-Dollar verfehlte die Erwartungen von 10,63 US-Dollar deutlich. Besonders alarmierend: Der monatliche Wohn-ARPU stagniert bei 70,72 US-Dollar, und das Management erwartet keine Verbesserung bis Jahresende.
Seit Jahresbeginn hat die Aktie über 38 Prozent an Wert eingebüßt. Die Kombination aus Kundenschwund, flachem Preisausblick und erzwungenem Indexabschied macht Charter zum Sinnbild für den Bedeutungsverlust klassischer Kabelunternehmen.
Workday: KI-Disruption als existenzielle Bedrohung
Workday verliert ebenfalls 3,9 % — und zwar an einem Tag, an dem der Technologiesektor insgesamt kräftig zulegt. Der Tech-ETF XLK stieg gleichzeitig um gut drei Prozent. Diese Divergenz ist kein Zufall.
Der Markt stuft Enterprise-Software-Anbieter wie Workday zunehmend als Verlierer der KI-Revolution ein. Das Geschäftsmodell — Personalmanagement- und Abrechnungssoftware auf Abonnementbasis — gerät unter Druck, wenn KI-gestützte Lösungen ähnliche Funktionen günstiger und schneller liefern können.
Den schärfsten Einschnitt erlebte die Aktie bereits im Februar. Workday lieferte für das Geschäftsjahr 2027 einen Subscription-Revenue-Ausblick unterhalb der Analystenerwartungen von rund 10 Milliarden US-Dollar. Große Enterprise-Deals, besonders in den Bereichen Bundesbehörden, Bildung und Gesundheitswesen, brauchten länger zum Abschluss als erhofft.
Bei 101,90 Euro hat die Aktie seit Jahresbeginn über 40 Prozent verloren. Der freie Cashflow stieg im Geschäftsjahr 2026 zwar um 27 Prozent auf 2,78 Milliarden US-Dollar — ein Beweis operativer Stärke. Das Marktsentiment ignoriert solche Zahlen derzeit konsequent.
Baker Hughes: Iran-Deal drückt den Ölpreis — und die Aktie
Baker Hughes gibt 2,4 % ab auf 51,03 Euro. Der Auslöser liegt nicht beim Unternehmen selbst, sondern im geopolitischen Umfeld.
Die vorläufige Einigung zwischen den USA und dem Iran über eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus hat einen der wichtigsten Risikofaktoren am Ölmarkt entschärft. Rohölpreise fielen am Donnerstag um weitere rund drei Prozent auf ein Mehrmonatstief. Seit den Jahreshochs 2026 summiert sich der Rückgang auf etwa 20 Prozent.
Für Oilfield-Services-Unternehmen wie Baker Hughes bedeuten niedrigere Ölpreise perspektivisch weniger Investitionen der Produzenten — und damit schwächere Auftragseingänge. Die jüngsten Quartalsergebnisse zeigten bereits erste Risse: Stabile Umsätze, aber durch höhere Inputkosten und verzögerte internationale Aufträge gedrückte Margen.
Über den vergangenen Monat hat die Aktie gut elf Prozent verloren. Das wachsende Standbein in der Energietransition bietet langfristig Stabilität. Kurzfristig dominiert die Ölpreis-Mechanik.
Nasdaq-100 zwischen Rekordjagd und Rotation
Der heutige Handelstag verdichtet ein Muster, das den Nasdaq-100 seit Wochen prägt: Eine schmale Gruppe von KI-Infrastruktur-Titeln treibt den Index, während breite Teile des Marktes zurückbleiben oder fallen.
Das anstehende Nasdaq-100-Rebalancing am 22. Juni wird diesen Trend institutionell zementieren. Fünf neue Unternehmen mit KI- und Raumfahrt-Fokus — darunter Astera Labs, CoreWeave und Rocket Lab — ersetzen Titel wie Charter Communications. Der Index verschiebt sich strukturell in Richtung der Wachstumsthemen der nächsten Dekade.
Microns Quartalszahlen am 24. Juni werden zum nächsten Stimmungstest. Ein starkes Ergebnis könnte die gesamte Halbleiter-Rallye weiter befeuern. Ein Fehlschlag würde bei den aktuellen Bewertungsniveaus empfindliche Korrekturen auslösen — nicht nur bei Micron, sondern in der gesamten KI-Lieferkette.
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