Micron verliert Kurs, aber keine Aufträge: Verträge bis 2030 gegen China
JPMorgan beziffert Microns vertraglich gesicherten Umsatzanteil auf über 35 Prozent; zugleich belasten China-Sorgen und Tech-Abstufungen die Chipwerte.

- 26 Verträge reichen bis 2030
- 150 Milliarden Dollar Auftragsbestand
- Mehr als 75 Prozent der Produktion 2027 reserviert
- RBC stuft US-Technologiesektor auf Market Weight ab
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
der Speicherchip-Sektor verkauft heute Angst, nicht Zahlen. Micron hat an der Wall Street die fünfte schwache Sitzung in Folge hinter sich, SK Hynix hat in Seoul binnen 30 Tagen rund 16 Prozent abgegeben.
Auslöser sind Fortschritte chinesischer Hersteller und zwei Banken, die ihren Kunden den Ausstieg aus Tech nahelegen. Dagegen stehen Lieferverträge, die bis zum Ende des Jahrzehnts reichen, und ein Ausrüster, der für dieses Jahr 75 Prozent mehr Umsatz mit Speicherkunden erwartet.
Speicherchips: Der Ausverkauf trifft den Kurs, nicht die Auftragsbücher
Bei Micron zeigt sich der Widerspruch am deutlichsten. Micron notiert im europäischen Handel aktuell bei rund 830 Euro, gut 2 Prozent unter dem Vortag.
Am Dienstag hatte die Aktie in New York bei 953,19 Dollar geschlossen, minus 3,6 Prozent und minus 11,5 Prozent über fünf Sitzungen. Seit Jahresbeginn steht trotzdem ein Plus von 229 Prozent, das Juni-Hoch von rund 1.100 Euro liegt allerdings weit entfernt.
Der Rückgang folgt Berichten über DRAM-Fortschritte beim chinesischen Hersteller CXMT. Eine erste Gegenstimme nennt CXMT bereits einen Papiertiger, und Elon Musk lobte Micron am Dienstag auf X für faire Preise bei Speicherchips.
Schwerer wiegt eine Analyse von JPMorgan: 26 langfristige Verträge sichern über 35 Prozent von Microns Umsatz bis 2030. Der vertragliche Auftragsbestand liegt bei 150 Milliarden Dollar, davon 32 Milliarden als Anzahlungen. Über 75 Prozent der Produktion für 2027 sind bereits reserviert, die DRAM-Knappheit dürfte bis 2028 anhalten. Die Kursziele der Wall Street liegen um 1.500 Dollar.
Wer hinter dem Chip-Ausverkauf ausgebuchte Fabriken und langfristige Verträge sieht, schaut bei der Datenflut selten nur auf einen einzelnen Titel. Der kostenlose Report „Megatrend KI“ stellt die Top 10 der Big-Data-Unternehmen vor und zeigt, wie sich gezielt in Künstliche Intelligenz investieren lässt. Report zu den Big-Data-Werten herunterladen
Die zweite Front ist NAND. Nach Daten von Counterpoint Research erreichte YMTC im zweiten Quartal 2026 weltweit 16,5 Prozent der NAND-Lieferungen, Rang drei hinter Samsung und SK Hynix. Der Umsatzanteil von YMTC stieg binnen eines Jahres von 9 auf 14 Prozent, das langfristige Ziel lautet 20 Prozent.
Im August beantragte YMTC ein Börsenlisting in Shanghai über rund 33 Milliarden Yuan, umgerechnet etwa 4,4 Milliarden Euro. Das Geld soll vor allem ins Servergeschäft fließen, dessen Umsatzanteil bis 2028 auf rund 39 Prozent steigen soll. Für Sandisk, deren Aktie aktuell 4,5 Prozent tiefer bei 1.270 Euro liegt, ist das der relevantere Konkurrent.
Dazu kommt der Gegenwind der Strategen. RBC stufte den US-Techsektor heute von Overweight auf Market Weight ab und bevorzugt Gesundheitswerte, weil die Gewinnrevisionen bei Halbleitern nachlassen. Die Deutsche Bank hatte am Freitag ähnlich gewarnt. Der Halbleiter-ETF SOXX verlor am Mittwoch fast 3 Prozent und rund 5 Prozent in dieser Woche.
Das Gegenbild liefern Anbieter und Ausrüster. Global X legte heute einen neuen Asien-Halbleiter-ETF mit TSMC, SK Hynix und Samsung als Kernpositionen auf. ASML erwartet für 2026 ein Umsatzplus von 75 Prozent mit Speicherkunden gegenüber nur 10 Prozent bei Logikchips.
Die These lautet daher: Der Ausverkauf handelt die Bewertung, nicht das Geschäft, denn wer bis 2028 ausgebuchte Fabriken und Anzahlungen in der Bilanz hat, verliert Kurs, aber keine Aufträge. Wer die Korrektur nutzen will, bekommt mit den TSMC-Zahlen am Donnerstag den nächsten Prüfstein.
Kion: Eine Gewinnwarnung, die der Markt kauft
Kion zeigt, wie eine Gewinnwarnung gekauft wird. Der Staplerhersteller senkte heute die Jahresziele: Umsatz 11,45 bis 11,75 Milliarden Euro statt bis zu 12,025 Milliarden, bereinigtes EBIT 815 bis 875 Millionen Euro statt 880 bis 980 Millionen. Das Ziel einer zweistelligen operativen Marge rückt von 2027 auf die Zeit danach. Grund ist ein schwacher Auftragseingang bei Staplern.
Die vorläufigen Quartalszahlen lagen mit 2,835 Milliarden Euro Umsatz, plus 5 Prozent, und 203 Millionen Euro operativem Ergebnis, plus 7 Prozent, dennoch unter den Analystenerwartungen. Die Kion-Aktie fiel zunächst 7 Prozent und beendete den Tag knapp 3 Prozent höher. Der Markt hatte offenbar Schlimmeres eingepreist.
Der Kostendruck dahinter ist real: Die deutschen Großhandelspreise stiegen im September um 8,7 Prozent zum Vorjahr, nach 6,8 Prozent im August. Zum Vormonat legten die Großhandelspreise um 1,9 Prozent zu, erwartet waren 0,6 Prozent. Brent hält sich über 106 Dollar, nachdem die Houthi ein Gebäude von Saudi Aramco in Dhahran angegriffen hatten.
Zudem sank südlich der Straße von Hormus ein Containerschiff nach einem Minentreffer. Für Industriewerte mit Preissetzungsmacht ist das verkraftbar; für Kion ist die positive Kursreaktion ein Signal, dass der Boden für zyklische Industriewerte nahe sein könnte.
Siemens Energy und GE Vernova: Die Bewertungsfrage kommt vor den Zahlen
Bei den Energieausrüstern kommt die Bewertungsfrage vor den Zahlen. Siemens Energy liegt aktuell bei rund 135,60 Euro, minus 5,7 Prozent, und damit weit unter dem April-Hoch von 195,38 Euro.
Der Auslöser kommt aus den USA: GE Vernova verlor am Mittwoch 6,4 Prozent auf 940,32 Dollar, nachdem Susquehanna das Kursziel von 1.300 auf 1.270 Dollar gesenkt hatte, bei weiter positiver Einstufung.
JPMorgan hatte zuvor von 1.330 auf 1.150 Dollar gekürzt, ebenfalls mit Kaufempfehlung. Das zweite Quartal von GE Vernova hatte den Gewinnkonsens um 19 Prozent verfehlt, die Zahlen zum dritten Quartal folgen am 28. Oktober.
Die Windbranche leidet stärker: PNE stürzte nach einer Senkung des Jahresergebnisses um rund 18 Prozent auf ein Sechsjahrestief, Nordex gab über 3 Prozent nach. Das ist kein Bruch der Nachfrage, sondern ein Markt, der die hohen Multiplikatoren vor der Berichtssaison abbaut. Siemens Energy steht seit Jahresbeginn noch 13 Prozent im Plus und hängt nun am 28. Oktober gleich doppelt: an GE Vernovas Zahlen und am Fed-Entscheid am selben Tag.
Airbus: Das Servicegeschäft ist der unterschätzte Hebel
Airbus liefert eine der wenigen Wachstumszahlen des Tages ohne Vorbehalt. Airbus erwartet bis 2045 eine Verdopplung des weltweiten Marktes für Luftfahrtdienstleistungen auf über 420 Milliarden Dollar pro Jahr. Die weltweite Flotte soll auf 45.550 Flugzeuge wachsen, die Passagierzahl auf 10 Milliarden. Dafür fehlen 2,44 Millionen Fachkräfte, darunter 660.000 Piloten.
Für Anleger zählt das eigene Ziel: Der zivile Dienstleistungsumsatz von Airbus soll bis 2030 auf über 10 Milliarden Euro steigen, nach 5,4 Milliarden im Vorjahr. Zum Vergleich erwirtschaftet Boeings Dienstleistungssparte bereits 20,9 Milliarden Dollar. Die Airbus-Aktie legt aktuell 1,5 Prozent auf rund 190 Euro zu, liegt aber seit Jahresbeginn noch leicht im Minus.
Das Servicegeschäft ist der Teil des Konzerns, der nicht an Lieferketten und Triebwerksengpässen hängt, und genau deshalb der Hebel, den der Markt bislang unterschätzt. Lufthansa verlor derweil gut 2 Prozent, nachdem der Konzern 1,2 Milliarden Euro für knapp 45 Prozent an TAP geboten hatte.
Stablecoins stocken, Bitcoin fehlt der Nachschub
Bei den Stablecoins verschiebt sich die große Prognose. Standard Chartered hält am Ziel eines Marktes von 2 Billionen Dollar fest, erwartet es aber erst 2030 statt 2028. Grund ist ein Stillstand beim Angebot: Seit zwölf Monaten pendelt es zwischen 300 und 320 Milliarden Dollar, aktuell rund 309 Milliarden. Standard Chartered wertet das als zyklische Pause, nicht als strukturellen Bruch.
Für Bitcoin ist das die relevantere Nachricht als die heutige Inflationsreaktion. Bitcoin liegt bei rund 81.600 Dollar, umgerechnet etwa 73.400 Euro, minus 1,8 Prozent, und binnen 24 Stunden wurden über 281 Millionen Dollar an Derivatepositionen liquidiert.
Solange kein frisches Stablecoin-Geld in den Markt fließt, fehlt Bitcoin der Treibstoff für einen Angriff auf das Oktober-Hoch 2025 von gut 116.000 Dollar.
Der globale Kompass
Die nächsten 48 Stunden gehören der Chip-Lieferkette. TSMC berichtet am Donnerstag und entscheidet, ob die Speicherverträge von Micron oder die Abstufungen von RBC die Richtung vorgeben. Fed-Chef Warsh spricht am Donnerstagabend US-Zeit, während die Märkte eine Zinserhöhung am 28. Oktober mit rund 50 Prozent einpreisen.
Während alle auf die TSMC-Zahlen am Donnerstag blicken, entwickeln sich abseits des Rampenlichts Unternehmen, die vom KI-Boom profitieren könnten. Der Spezialreport „Heimliche KI-Profiteure“ porträtiert vier Aktien, darunter einen Marktführer der Zukunft, einen Nischen-Monopolisten und einen Spezialisten für Rechenkapazität und Speicherplatz. Vier KI-Aktien entdecken
Der Euro liegt mit rund 1,11 Dollar auf dem tiefsten Stand seit Mai 2025. Wer in Siemens Energy oder GE Vernova investiert ist, hat mit dem 28. Oktober einen doppelten Termin im Kalender.
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