Milliarden-Deal bei Gerresheimer, Kursrutsch bei Redcare trotz starker Zahlen

Gerresheimer verkauft Töchter für 1,5 Milliarden Euro, Redcare Pharmacy verzeichnet trotz Umsatzplus Kursrückgänge. BioNTech erhält neue EU-Zulassung.

Die Kernpunkte:
  • Gerresheimer verkauft Centor und Kunststoffsparte
  • Redcare Pharmacy mit 20 Prozent Umsatzplus
  • BioNTech erhält EU-Zulassung für angepassten Impfstoff
  • Siemens Healthineers und Carl Zeiss Meditec in Wartestellung

Ein Verkauf im Milliardenvolumen, eine überraschend starke Quartalsbilanz und eine neue EU-Zulassung— die Gesundheitsbranche lieferte diese Woche gleich mehrere Nachrichten mit Kursrelevanz. Während Gerresheimer mit einem radikalen Konzernumbau für Aufsehen sorgte, musste Redcare Pharmacy trotz besserer Geschäftszahlen Kursverluste hinnehmen. Ein Blick auf fünf Werte zwischen Befreiungsschlag und Wartestellung.

Gerresheimer: 1,5 Milliarden Euro für die Entschuldung

Der Düsseldorfer Verpackungsspezialist hat den größten Paukenschlag der Woche geliefert. Gerresheimer verkauft seine US-Tochter Centor sowie das weltweite Geschäft mit Kunststoff-Primärverpackungen für Medikamente an den Finanzinvestor Apax Partners. Beide Einheiten zusammen sind inklusive Schulden mit 1,5 Milliarden Euro bewertet.

Die verkauften Bereiche erwirtschafteten zuletzt 570 Millionen Euro Umsatz mit 2.400 Beschäftigten. Gerresheimer will den Erlös nutzen, um den Schuldenberg von 1,9 Milliarden Euro deutlich abzubauen. Konzernchef Uwe Röhrhoff sprach von zurückgewonnenem unternehmerischem Spielraum, Finanzchef Wolf Lehmann nannte den Schritt einen Meilenstein für die Optimierung der Kapitalstruktur.

Der Markt reagierte prompt: Die Aktie schoss am Mittwoch um 12,5 Prozent nach oben, zeitweise ging es sogar über 20 Prozent auf 32 Euro— den höchsten Stand seit Oktober vergangenen Jahres. Aktuell notiert das Papier bei 27,80 Euro, nach einem Minus von 2,52 Prozent im heutigen Handel.

Der Deal kommt nach einer turbulenten Phase. Bilanzielle Unregelmäßigkeiten hatten die Veröffentlichung von Geschäftszahlen verzögert, die BaFin prüfte die Jahresabschlüsse, und Gerresheimer flog aus dem SDAX. Im April hatte der Konzern zudem ein Übernahmeangebot des US-Konkurrenten Silgan abgelehnt und stattdessen auf Schuldenabbau und den Centor-Verkauf gesetzt. Laut einem Standstill-Abkommen mit Banken und Schuldschein-Gläubigern muss die Verschuldung— gemessen am Verhältnis von Nettoschulden zu bereinigtem EBITDA— bis zum Ende des Geschäftsjahres auf 4,75 sinken, nachdem der Faktor zum Bilanzstichtag 2025 bei 4,95 lag.

Nicht alle Analysten sind vollends überzeugt. Jefferies-Analyst Christopher Richardson bestätigte am Dienstag seine Halten-Einstufung mit Kursziel 26,80 Euro und verwies dabei auf die angekündigten Verkäufe. Er hatte bereits zuvor angemerkt, ein Centor-Verkauf sei am Markt erwartet worden, das Plastikgeschäft komme jetzt obendrauf. Zudem spekuliert er, dass auch das Glasverpackungsgeschäft zur Disposition stehen könnte— was die Umsatzbasis weiter schrumpfen ließe. Konstruktivere Töne kommen von LBBW, die ihr Kursziel auf 28 Euro anhob, sowie von Bernstein, die das Rating von Underperform auf Market Perform hochstufte und ein Kursziel von 28,70 Euro nennt.

BioNTech: Neue EU-Zulassung, Blick richtet sich auf Quartalszahlen

BioNTech und Pfizer haben einen regulatorischen Erfolg verbucht. Die EU-Kommission hat die aktualisierte Covid-19-Impfstoffformel für die Saison 2026/2027 zugelassen, die auf die XFG-Variante zielt und für Personen ab sechs Monaten gilt— gültig in allen 27 EU-Mitgliedstaaten sowie Island, Liechtenstein und Norwegen. Die Produktion läuft bereits an, um rechtzeitig zur kommenden Atemwegssaison lieferfähig zu sein. Weltweit wurden inzwischen mehr als fünf Milliarden Dosen des gemeinsamen Impfstoffs ausgeliefert.

Die EMA-Taskforce hatte zuvor empfohlen, gezielt auf XFG zu setzen, da dies den besten Schutz biete. Die BioNTech-Aktie notiert aktuell bei 81,10 Euro, nahezu unverändert zum Vortag. Damit bleibt das Papier deutlich unter dem 52-Wochen-Hoch von 105,80 Euro aus dem Januar, hat sich aber vom Tief bei 68,35 Euro im März erholt.

Im Fokus steht nun der 4. August, wenn BioNTech seine Zahlen für das zweite Quartal vorlegt. Neben dem Impfstoffgeschäft dürfte vor allem die Onkologie-Pipeline Beachtung finden: Mehrere Wirkstoffkandidaten befinden sich in Phase-II-Studien, darunter BNT116 gegen fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, BNT326/YL202 bei soliden Tumoren und fortgeschrittenem Brustkrebs, Autogene Cevumeran bei Darmkrebs sowie Gotistobart bei platinresistentem Eierstockkrebs. Analysten bleiben mehrheitlich optimistisch— unter den beobachtenden Häusern spricht sich ein Großteil für eine Kaufempfehlung aus, während praktisch niemand zum Verkauf rät.

Siemens Healthineers: Ruhe vor dem Zahlenwerk

Bei Siemens Healthineers hielt sich die Kursbewegung zuletzt in Grenzen. Am Mittwoch bewegte sich das Papier kaum und schloss bei 37,82 Euro, nach einem etwas stärkeren Tag zuvor mit einem Plus von 1,2 Prozent. Aktuell steht die Aktie bei 37,14 Euro, ein Minus von 1,80 Prozent im heutigen Handel— dennoch liegt sie über sieben Tage betrachtet mit 9,33 Prozent klar im Plus.

Positive Impulse lieferte zuletzt eine Partnerschaft mit der Vanderbilt University in den USA im Volumen von 87 Millionen Dollar, die dem Kurs Auftrieb gab. Die Analystenmeinungen bleiben gemischt: Die Deutsche Bank vergab Anfang Juli ein Halten-Rating, RBC Capital Markets stufte den Titel dagegen mit Outperform ein. Für das laufende Geschäftsjahr rechnen Analysten mit einem Gewinn je Aktie von 2,22 Euro. Die anstehenden Quartalszahlen dürften zeigen, ob sich die Stabilisierungsgeschichte des Konzerns fortsetzt.

Redcare Pharmacy: Starkes Quartal, aber die Bewertung sorgt für Skepsis

Redcare Pharmacy hat die wohl klarste Wachstumsstory der Woche geliefert— und wurde dafür dennoch nicht durchgehend belohnt. Das Rezeptgeschäft (Rx) trieb im zweiten Quartal Umsatz und operatives Ergebnis kräftig nach oben. Der Umsatz stieg um 20 Prozent auf 853 Millionen Euro, das Rx-Geschäft in der DACH-Region allein wuchs um 34 Prozent auf 339 Millionen Euro, in Deutschland sogar um 58 Prozent.

Das bereinigte EBITDA kletterte von 18 auf 30 Millionen Euro, die entsprechende Marge verbesserte sich von 2,6 auf 3,5 Prozent. Das Management bestätigte die im Juni angehobene Jahresprognose: Umsatzwachstum von 15 bis 17 Prozent, deutsches Rx-Wachstum von 35 bis 43 Prozent sowie eine EBITDA-Marge zwischen 2,5 und 3,0 Prozent. CEO Olaf Heinrich hob hervor, dass das internationale Segment erstmals ein positives operatives Ergebnis erzielte, während die aktive Kundenbasis um eine halbe Million auf 14,7 Millionen anwuchs.

Die Aktie reagierte zunächst mit einem Kurssprung von mehr als 8 Prozent, nachdem sie im Vormonat aus dem SDAX geflogen war. Jefferies-Analyst Martin Comtesse lobte die „außergewöhnlich“ gestiegene Profitabilität und bezeichnete den Mittelwert der angehobenen Prognose als konservativ. Die Erholung ist bemerkenswert: Anfang Juli hatte die Aktie kurzzeitig wieder die 70-Euro-Marke überschritten— mehr als eine Verdopplung gegenüber dem Tiefpunkt Ende März bei rund 30 Euro, dem niedrigsten Niveau seit 2019.

Aktuell notiert die Aktie jedoch bei 66,30 Euro, ein deutliches Minus von 4,33 Prozent im heutigen Handel. Grund dafür dürften Bewertungsbedenken sein: Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 80 auf Basis der Schätzungen für 2027 wirkt der Titel für manche Beobachter euphorisch bewertet— schließlich wächst das Unternehmen zwar mit 15 bis 17 Prozent, operiert aber mit einer schmalen Marge von 2,5 bis 3,0 Prozent.

Carl Zeiss Meditec: Erholung nach schwachem Jahresstart

Carl Zeiss Meditec lieferte diese Woche keine operativen Neuigkeiten, bestätigte aber den Termin für die anstehende Quartalsmitteilung. Die Telefonkonferenz zum dritten Quartal ist für den 6. August angesetzt, Schätzungen gehen von einem Gewinn je Aktie um 0,40 Euro aus.

Hinter dem Unternehmen liegen zwölf schwierige Monate. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres war der Umsatz um 4,8 Prozent auf 467 Millionen Euro gesunken, die bereinigte EBITDA-Marge brach von 6,7 auf 2,2 Prozent ein, und der bereinigte Gewinn je Aktie fiel von 0,18 auf nur noch 0,03 Euro. Goldman Sachs reagierte damals mit einer Herabstufung von Buy auf Neutral und senkte das Kursziel von 54 auf 42 Euro.

Zuletzt zeigte die Aktie allerdings deutliche Erholungstendenzen. Mit einem Plus von 2,54 Prozent notiert sie aktuell bei 30,66 Euro, nach einem Anstieg von 15,44 Prozent über 30 Tage und 12,39 Prozent über die vergangene Woche. Investoren dürften im August genau beobachten, ob sich die Nachfrage im Bereich Ophthalmologie und Mikrochirurgie tatsächlich stabilisiert.

Sektordynamik: Fünf Werte, fünf Phasen

Die fünf Unternehmen befinden sich derzeit in klar unterscheidbaren Phasen des Branchenzyklus:

  • BioNTech und Redcare Pharmacy reiten auf positiven Katalysatoren— einer Zulassung respektive einem beschleunigten E-Rezept-Geschäft
  • Gerresheimer nutzt einen großen Konzernverkauf, um eine durch Schulden und Bilanzprüfungen belastete Bilanz zu reparieren
  • Siemens Healthineers und Carl Zeiss Meditec befinden sich eher in einer Wartestellung, bis die nächsten Quartalszahlen für Klarheit sorgen

Ein gemeinsamer Nenner bei den angeschlagenen Werten ist die Bilanzsanierung: Der Apax-Deal bei Gerresheimer zielt direkt auf die Verschuldungsquote, während Redcares Margenverbesserung jahrelange Profitabilitätssorgen im Online-Apothekengeschäft adressiert. Bei BioNTech bleibt die Erzählung zweigeteilt zwischen wiederkehrenden Impfstoffumsätzen und der langfristigen Onkologie-Pipeline, deren Datenlage sich im weiteren Jahresverlauf 2026 noch zeigen muss.

Auch die Analystenpositionierung fällt unterschiedlich aus: Redcare erhält nach der Prognoseanhebung überwiegend positive Einschätzungen, bei Gerresheimer stehen vorsichtige Halten-Empfehlungen konstruktiveren Hochstufungen gegenüber, und BioNTech zieht trotz eines volatilen Kursverlaufs weiterhin mehrheitlich Kaufempfehlungen an.

Fünf Termine, die den August prägen

Die kommenden Wochen bringen gleich mehrere Ereignisse, die die Stimmung in der gesamten Gruppe verschieben könnten. BioNTech legt am 4. August Zahlen vor, die sowohl auf Impfstoffumsätze durch den neuen XFG-Shot als auch auf Fortschritte in der Onkologie geprüft werden. Carl Zeiss Meditec folgt am 6. August mit der Telefonkonferenz zum dritten Quartal— ein wichtiger Test, ob sich die erhoffte Nachfragestabilisierung bestätigt.

Bei Gerresheimer soll die Centor-Transaktion bis zum Ende des laufenden Geschäftsjahres abgeschlossen werden, der Verkauf der Kunststoffsparte ist für die erste Jahreshälfte 2027 vorgesehen— der Schuldenabbau bleibt damit ein Dauerthema. Redcare Pharmacy dürfte weiterhin daran gemessen werden, ob sich die margenstarke Rx-Entwicklung angesichts wachsender Konkurrenz durch Rivalen wie DocMorris fortsetzen lässt. Siemens Healthineers wiederum positionieren sich Investoren vor den eigenen Quartalszahlen, die als Gradmesser für die gesamte Medizintechnik-Branche gelten dürften.

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