Milliarden-Deal bei Siemens Energy überstrahlt gemischte Branchenlage

Siemens Energy plant milliardenschweren Turbinenverkauf, während Energiekontor seine Prognose senkt. RWE und Nordex überzeugen mit starken Zahlen.

Die Kernpunkte:
  • Siemens Energy: Turbinenverkauf für Milliarden
  • Energiekontor senkt Prognose drastisch
  • RWE: Kursziele steigen dank Batteriespeicher
  • Nordex: Auftragsflut trotz Kursrückgang

Während Private-Equity-Schwergewichte um die Turbinensparte von Siemens Energy buhlen, kämpft Energiekontor mit einer handfesten Gewinnwarnung. Nordex sammelt derweil Aufträge wie im Rausch, RWE kassiert eine Serie von Kurszielerhöhungen, und JinkoSolar sucht sein Heil in der KI-Infrastruktur. Kaum ein Sektor zeigt derzeit so gegensätzliche Entwicklungen wie die erneuerbaren Energien.

Sektorüberblick: Kapitalmärkte trennen die Spreu vom Weizen

Die Investitionslandschaft rund um saubere Energie zerfällt zunehmend in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen kapitalintensive Wachstumsgeschichten mit frischem Rückenwind von Investoren, auf der anderen strukturelle Probleme, die sich nicht wegdiskutieren lassen.

Ganz oben im Sektor tut sich gerade Erhebliches: Siemens Energy bereitet mit Unterstützung von Goldman Sachs den Verkauf einer Mehrheitsbeteiligung an seiner Dampfturbinensparte vor. Parallel dazu profitieren Versorger wie RWE von der Investitionswelle rund um Netzstabilität und den Strombedarf von Rechenzentren. Windturbinenhersteller Nordex wiederum verwandelt seinen prallen Auftragsbestand zusehends in bessere Margen.

Nicht jeder Name partizipiert an dieser Dynamik. Projektentwickler mit hohem Genehmigungs- und Netzanschlussrisiko wie Energiekontor erfahren gerade schmerzhaft, wie schnell optimistische Prognosen zerplatzen können. Chinesische Solarhersteller wie JinkoSolar hängen weiterhin zwischen Überkapazitäten und der Suche nach neuen, margenstärkeren Erlösquellen in Batteriespeichern und KI-naher Infrastruktur fest.

Siemens Energy: Bieterwettstreit um die Turbinensparte

Die Aktie zog am heutigen Dienstag kräftig an und notiert bei 153,64 Euro, ein Plus von 3,0 Prozent. Grund ist die verdichtete Gerüchtelage um einen möglichen Verkauf der Dampfturbinensparte. Zahlreiche Private-Equity-Häuser prüfen offenbar Gebote für das Geschäft, darunter CVC Capital Partners, EQT und Bain Capital. Auch Brookfield und KKR sollen sich die Zahlen anschauen.

Die betroffene Einheit hat es in sich: Mit zuletzt 5,7 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 15.000 Mitarbeitern umfasst sie neben Dampfturbinen auch Wasserstoff-Elektrolyseure sowie Generatoren und Kompressoren. Eine Bewertung von mehr als 10 Milliarden Euro steht im Raum, wobei RBC-Analyst Colin Moody im Juni noch von bis zu 8 Milliarden Euro ausgegangen war. Ob die Gespräche tatsächlich in ein verbindliches Angebot münden, ist offen.

Für eine Aktie, die seit ihrem Rekordhoch im April in einem hartnäckigen Abwärtstrend steckt und zuletzt knapp über der 200-Tage-Linie bei 150,14 Euro aus dem Handel ging, kommt die Übernahmefantasie zur rechten Zeit. Sie zeigt, wie viel unentdeckter Wert Anleger im Industrieportfolio des Konzerns vermuten. Zum Jahresstart steht bei Siemens Energy dennoch ein Plus von 28 Prozent zu Buche — der jüngste Rücksetzer hat daran wenig geändert.

JinkoSolar: Mit „Sunny 365″ ins Rechenzentrum-Geschäft

JinkoSolar versucht, dem harten Preiskampf im Modulgeschäft ein zweites Standbein entgegenzusetzen. Mit steigender Leistungsdichte in KI-Rechenclustern wächst auch der Energiebedarf von Rechenzentren rasant. Genau dort setzt das neue „Sunny 365″-System an: eine integrierte Solar-Speicher-Lösung, die Module der Tiger-Neo-3.0-Plattform mit der hauseigenen SunTera-Batterietechnik kombiniert. Das Paket soll hohe Lasten, Dauerbetrieb sowie netzbildende Fähigkeiten für Mikronetze abdecken.

An der Börse bleibt der Titel unter Druck. Der Kurs notiert bei 13,90 Euro, nach einem Minus von 2,2 Prozent auf Wochensicht. Seit Jahresbeginn steht ein Rückgang von 39 Prozent zu Buche, verglichen mit dem 52-Wochen-Hoch von 27,45 Euro fehlt fast die Hälfte des Werts. Immerhin: Mit einem RSI von 47 ist die Aktie weder überkauft noch überverkauft, und der Abstand zum 52-Wochen-Tief beträgt nur rund 10 Prozent — ein Hinweis darauf, dass sich der Ausverkauf zuletzt verlangsamt hat. Die anstehenden Quartalszahlen dürften zeigen, ob die KI-Speicher-Strategie tatsächlich Substanz gewinnt oder vorerst Ankündigung bleibt.

Energiekontor: Schottische Netzverzögerungen reißen Loch in die Prognose

Kaum ein Unternehmen im Sektor musste zuletzt so drastisch zurückrudern wie Energiekontor. Am 13. August senkte der Vorstand die EBT-Prognose für das laufende Geschäftsjahr von ursprünglich 40 bis 60 Millionen Euro auf nur noch 5 bis 10 Millionen Euro. Auslöser sind massive Verzögerungen bei Netzanschlüssen mehrerer Windparks in Schottland.

Das Ausmaß ist beträchtlich: Ein laufendes Gerichtsverfahren gegen die Genehmigung einer Freileitung betrifft rund 1,4 Gigawatt Projektkapazität. Mit einem Urteil ist frühestens in der ersten Hälfte 2027 zu rechnen. Die Netzanschlüsse dreier schottischer Windparks verschieben sich dadurch von 2029 auf 2031.

Bitter macht die Sache das Timing: Noch am Donnerstagmorgen hatte Energiekontor die ursprüngliche Jahresprognose bestätigt, Analysten rechneten mit rund 50 Millionen Euro EBT — dann kam nach Handelsschluss die kalte Dusche. Warburg-Research-Analyst Philipp Kaiser hielt trotzdem an seiner Kaufempfehlung fest, während DZ-Bank-Analyst Reigber anmerkte, der Fall zeige exemplarisch, wie schwer sich Onshore-Windprojekte planen lassen. Die Aktie steht heute zwar 4,3 Prozent im Plus bei 26,75 Euro, bleibt aber mit einem Minus von 26 Prozent seit Jahresbeginn tief im roten Bereich. Der RSI von knapp 31 signalisiert eine überverkaufte Situation.

RWE: Batteriespeicher treiben Kursziele nach oben

RWE macht vor, wie sich frühere fossile Infrastruktur in flexible Stromspeicher verwandeln lässt — und wird dafür mit frischem Analystenvertrauen belohnt. Auf dem ehemaligen Braunkohle-Tagebaugelände Hambach errichtet der Versorger bereits einen Batteriespeicher mit 128 Lithium-Ionen-Containern, kombinierter Leistung von 236 Megawatt und einer Kapazität von 470 Megawattstunden. Am ehemaligen Atomkraftwerksstandort Gundremmingen entsteht mit 400 Megawatt und 700 Megawattstunden sogar Deutschlands größte Anlage dieser Art, die zudem den bestehenden Netzanschluss nutzt.

Die Wall Street honoriert das. JPMorgan hob sein Kursziel von 65 auf 68,50 Euro an und bestätigte das Overweight-Rating. Deutsche Bank zog nach und erhöhte von 63 auf 65 Euro, Analyst Olly Jeffery verwies dabei auf ermutigende Aussagen im jüngsten Earnings-Call. JPMorgan bezeichnet RWE zudem als bevorzugten Titel im gesamten Energiesektor — mit Verweis auf das US-Geschäft, Batteriespeicher, die britische Offshore-Wind-Pipeline und die Nutzung ehemaliger Kraftwerksstandorte für Rechenzentren.

Die Aktie notiert aktuell bei 58,08 Euro, ein Tagesplus von 1,0 Prozent, und liegt seit Jahresbeginn 28 Prozent im Plus. Zum 52-Wochen-Hoch von 62,00 Euro fehlen nur rund 6 Prozent.

Nordex: Auftragsflut überholt die Kursentwicklung

Nordex sammelt derzeit Aufträge im Wochentakt, während der Aktienkurs dem Tempo nicht ganz folgen kann. Binnen weniger Wochen meldete das Unternehmen einen Auftrag über 82 Megawatt in Niedersachsen, ein Großprojekt in der Türkei mit 525 Megawatt, neue US-Bestellungen von mehr als 480 Megawatt sowie einen weiteren Auftrag über 77 Megawatt in Rumänien.

Untermauert wird der Boom von starken Halbjahreszahlen: Das EBITDA im zweiten Quartal hat sich auf 224 Millionen Euro mehr als verdoppelt, der Umsatz wuchs um gut 16 Prozent auf rund 2,2 Milliarden Euro — beides über den Erwartungen. Der Auftragseingang legte um fast ein Drittel zu, die Jahresprognose wurde bestätigt. CEO José Luis Blanco sieht das Unternehmen auf Kurs zum mittelfristigen Margenziel von 10 bis 12 Prozent, aktuell liegt die Marge bei 9,4 Prozent. Jefferies bestätigte nach den Zahlen seine Kaufempfehlung.

Trotz der operativen Stärke hat sich der Kurs von seinem Frühjahrshoch bei 51,40 Euro (27. April) gelöst und notiert aktuell bei 39,64 Euro, ein Tagesplus von 2,9 Prozent. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 42,77 Euro — ein Aufwärtspotenzial von rund 8,7 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.

Sektordynamik im Überblick

Die fünf Titel stehen exemplarisch für drei unterschiedliche Strömungen im Sektor:

  • Kapitalmarkt-Aktivität bei Großkonzernen: Siemens Energys möglicher Milliardenverkauf zeigt, wie Konzerne durch Abspaltung kapitalintensiver Altsparten Werte freisetzen
  • Diversifizierte Versorger im Aufwind: RWE profitiert von Batteriespeichern, Netzdienstleistungen und Rechenzentrums-nahen Standorten, die zunehmend als eigenständige Wachstumstreiber gelten
  • Wachsende Kluft zwischen operativer Stärke und Kursentwicklung: Nordex expandiert operativ, ohne dass sich das eins zu eins im Kurs niederschlägt, während Energiekontor zeigt, wie verwundbar Projektentwickler gegenüber Genehmigungsrisiken bleiben
  • Zwischen den Stühlen: JinkoSolar versucht, über Produktinnovation im KI-Speicherbereich dem Margendruck der Modulfertigung zu entkommen — eine Herausforderung, die weite Teile der chinesischen Solar-Lieferkette teilen

Ausblick: Diese Termine entscheiden über die nächsten Wochen

Mehrere Weichenstellungen stehen an. Bei Siemens Energy wird die Aufsichtsratsentscheidung zum Verkaufsprozess zeigen, ob aus der Bewertungsfantasie von mehr als 10 Milliarden Euro ein konkreter Deal wird. RWE muss beweisen, dass sich die Investitionen in Batteriespeicher und Netzinfrastruktur weiter in Prognoseanhebungen übersetzen lassen, sobald Projekte wie Gundremmingen und Hambach ans Netz gehen.

Bei Nordex dürfte der Auftragsfluss anhalten, doch die Kursreaktion hängt davon ab, ob kommende Berichte den Weg zum zweistelligen Margenziel bestätigen. Energiekontors Schicksal bleibt eng an das schottische Gerichtsverfahren gekoppelt — vor der ersten Hälfte 2027 ist hier keine Klärung zu erwarten. JinkoSolars nächste Quartalszahlen wiederum werden zeigen, ob die KI-Speicher-Strategie über die Ankündigung hinaus tatsächlich Umsatz generiert.

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