Moderna Aktie: Intismeran senkt Melanom-Rückfallrisiko um 49 Prozent

Trotz positiver Phase-3-Daten zum Krebsimpfstoff Intismeran fällt die Moderna-Aktie um 24 Prozent. Analysten streiten über das faire Kursziel.

Die Kernpunkte:
  • Kursrutsch trotz positiver Studienergebnisse
  • Erster mRNA-Krebsimpfstoff zeigt Wirksamkeit
  • Analysten uneins über Kursziele
  • Moderna positioniert sich als Onkologie-Spezialist

Manchmal braucht ein Chart nur einen einzigen Tag, um eine ganze Debatte über den Sinn der Börse auszulösen. Vor wenigen Tagen jubelte die Biotech-Welt über Intismeran, den personalisierten mRNA-Krebsimpfstoff von Moderna und Merck, der in einer Phase-3-Studie mit über 1.100 Melanom-Patienten das Rückfallrisiko senkte.

Gestern folgte der Kater: Die Aktie brach um 24 Prozent ein. Willkommen im Alltag einer Aktie, die binnen zwölf Monaten um 403 Prozent gestiegen ist – und die genau deshalb jede Nachricht in beide Richtungen extrem verstärkt.

Die eigentliche Nachricht ist medizinisch bemerkenswert. Intismeran, kombiniert mit Merck-Präparat Keytruda (Pembrolizumab), verlängerte in der INTerpath-001-Studie das rezidivfreie und das metastasenfreie Überleben bei Hochrisiko-Melanom gegenüber Keytruda allein. Es ist der erste mRNA-Krebsimpfstoff überhaupt, der in einer Spätphasenstudie Wirksamkeit zeigt – ein Achtungserfolg für die Idee, individualisierte Neoantigen-Therapien gegen Tumore einzusetzen.

Frühere Phase-2-Daten hatten bereits eine Risikoreduktion von 49 Prozent für Rezidiv oder Tod und 59 Prozent für Fernmetastasen oder Tod nach fünf Jahren gezeigt. Vollständige Daten sollen im Oktober beim ESMO-Kongress in Madrid vorgestellt werden, eine Zulassung strebt man für das kommende Jahr an.

Vom Impfstoffkonzern zum Onkologie-Hoffnungsträger

Für Moderna ist das mehr als eine einzelne Studie – es ist eine Neupositionierung. Das Unternehmen, das seinen Ruf während der Pandemie mit einem Corona-Impfstoff aufbaute, versucht seit Monaten den Umbau zum breiter aufgestellten mRNA-Spezialisten.

Erst Anfang August erhielt der Grippeimpfstoff mFLUSIVA die FDA-Zulassung, nun folgt der onkologische Durchbruch. Weitere Studien zu nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom, Nierenzell- und Blasenkrebs laufen bereits. Das ist die Erzählung, die Anleger kaufen wollten, als sie die Aktie innerhalb weniger Handelstage praktisch verdoppelten.

Doch genau hier liegt das Dilemma jeder plattformbasierten Biotech-Story: Ein Studienerfolg verändert die Zukunftsaussichten eines Unternehmens fundamental, aber er verändert sie nicht über Nacht in dem Ausmaß, wie es der Kurssprung suggeriert.

Der Relative-Stärke-Index kletterte auf einen historischen Höchstwert von über 92 – ein Signal, das selbst euphorische Analysten als „übertrieben überkauft“ bezeichneten.

Aktuell notiert die Aktie bei 113,70 Euro und damit 96 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 58,00 Euro. Diese Distanz zeigt, wie sehr sich der Kurs binnen kurzer Zeit von seinem eigenen Mittelwert gelöst hat – ein Zustand, der selten von Dauer ist.

Zwischen Euphorie und Ernüchterung

Analysten reagierten uneinheitlich, was die Sache nicht einfacher macht. RBC Capital hob sein Kursziel von 45 auf 130 Dollar an, Bank of America ging sogar auf 170 Dollar.

Gleichzeitig sieht das Analysehaus Meyka nur ein Zwölf-Monats-Kursziel von 58,61 Dollar und vergibt lediglich die Note B. Solche Spannbreiten sind bei einer Aktie mit 517 Prozent annualisierter 30-Tage-Volatilität fast schon folgerichtig – niemand kann seriös vorhersagen, wie stark sich ein einzelner Studienerfolg in Umsatz übersetzen lässt, solange Zulassung und Vermarktung noch ausstehen.

Bemerkenswert ist, dass der Rückschlag nicht isoliert blieb. Auch Partner Merck und Konkurrent BioNTech gaben nach, während sich Iovance Biotherapeutics, ein Unternehmen aus der Krebsimmuntherapie-Nische, im Windschatten der Nachricht auf ein 52-Wochen-Hoch schob. Das zeigt: Der Markt handelt gerade nicht nur Moderna, sondern eine ganze Zukunftserzählung rund um mRNA-Onkologie – mit allen Übertreibungen, die eine neue große Idee an der Börse gewöhnlich mit sich bringt.

Bleibt die Frage, ob aus dem wissenschaftlichen Durchbruch am Ende auch ein kommerzieller wird. Die Antwort darauf wird nicht der Chart liefern, sondern die Daten aus Madrid im Oktober und, mit etwas Geduld, die FDA selbst.

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