Nebius Aktie: Stadtrat in Missouri abgewählt

Nebius steigert den Quartalsumsatz deutlich, doch Finanzierung, Kundenkonzentration und lokaler Protest belasten das Bild der KI-Aktie.

Die Kernpunkte:
  • Umsatz im zweiten Quartal vervielfacht
  • Auftragsbestand erreicht 37,5 Milliarden Dollar
  • Steuervergünstigungen lösen lokalen Widerstand aus
  • Aktie bleibt unter dem Jahreshoch

Es gibt Aktien, die erzählen die Geschichte unserer Zeit gleich mitsamt ihrer Reibungspunkte. Nebius ist so eine. Während Konzernzahlen ein Wachstum zeigen, das man sich vor wenigen Jahren kaum hätte ausmalen können, formiert sich in einer amerikanischen Kleinstadt Widerstand gegen genau jene Infrastruktur, die dieses Wachstum trägt. Beides gehört zur selben Aktie, beides gehört in denselben Artikel.

Fangen wir mit den Zahlen an, denn sie sind beeindruckend genug. Im zweiten Quartal steigerte Nebius seinen Umsatz um 454 Prozent auf 582,3 Millionen Dollar. Der Verlust je Aktie fiel mit minus 0,12 Dollar deutlich geringer aus als von Analysten mit minus 0,67 Dollar erwartet.

Der Auftragsbestand liegt bei 37,5 Milliarden Dollar, und das Unternehmen hat sein Leistungsziel auf 5 Gigawatt bis Jahresende angehoben. Wer KI-Infrastruktur baut, baut derzeit offenbar schneller, als selbst optimistische Prognosen es vorsehen.

Der Preis der Knappheit

Was diese Wachstumsraten trägt, ist im Kern eine simple Marktlogik: Rechenkapazität für künstliche Intelligenz ist knapp, und wer sie anbietet, kann sie entsprechend bepreisen.

Nebius verlangt für Kernverträge zwischen 20 und 25 Millionen Dollar pro Megawatt, für dringend benötigte Kapazität sogar 40 bis 50 Millionen Dollar. Das ist die Kehrseite des KI-Booms, die selten in Schlagzeilen auftaucht: Nicht nur Chiphersteller verdienen an der Knappheit, sondern jeder, der zwischen Chip und Anwendung Infrastruktur bereitstellt.

Die EBITDA-Marge soll im laufenden Geschäftsjahr über 40 Prozent erreichen, finanziert wird das Wachstum allerdings über einen Investitionsaufwand von 20 bis 25 Milliarden Dollar – kapitalintensiv im buchstäblichen Sinne des Wortes.

Genau diese Kapitalintensität ist auch das Risiko, das Analysten immer wieder betonen: Ohne funktionierende Finanzierungsmärkte funktioniert das Modell nicht. Und die Konzentration ist hoch – rund 60 Prozent des Umsatzes entfallen auf lediglich drei Kunden. Wer in Nebius investiert, wettet also nicht nur auf den KI-Boom insgesamt, sondern auch darauf, dass diese wenigen Großkunden treu bleiben und die Kapitalmärkte weiter mitspielen.

Widerstand vor der eigenen Haustür

Während an der Wall Street über Kursziele diskutiert wird – der Median der Analystenschätzungen liegt bei 250 Dollar, wobei die Spanne von 144 Dollar bei Morgan Stanley bis 280 Dollar bei BofA reicht – zeigt sich in Independence, Missouri, die andere Seite der Medaille.

Dort wurde am Dienstag ein Stadtratsmitglied per Abwahl aus dem Amt entfernt, mit rund 70 Prozent der Stimmen. Sein Vergehen aus Sicht der Wähler: Er hatte im März Steuererleichterungen im Wert von mehr als 6 Milliarden Dollar für ein geplantes Nebius-Rechenzentrum mit einem Investitionsvolumen von 150 Milliarden Dollar unterstützt.

Zwei weitere Ratsmitglieder verloren bereits im April ihre Sitze. Eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Stop the AI Data Center“ zählt inzwischen 115.000 Mitglieder, es gibt sogar eine Klage gegen den Bau. Der KI-Boom mag an der Börse gefeiert werden – vor Ort, wo Strom, Wasser und Fläche tatsächlich verbraucht werden, wächst der Unmut spürbar.

Auf der Handelsebene bleibt die Aktie derweil unter Druck geraten: Nach einem Plus von 2,1 Prozent am Mittwoch auf 175,92 Euro notiert das Papier weiterhin ein Drittel unter seinem 52-Wochen-Hoch von 261 Euro, das im Juni erreicht wurde.

Auf Monatssicht steht ein Minus von 10 Prozent zu Buche, auf Wochensicht von 6,2 Prozent. Zugleich liegt der Kurs noch immer 229 Prozent über dem Tief vom vergangenen September und satte 211 Prozent über dem Niveau vor einem Jahr – die Korrektur der letzten Wochen relativiert sich vor diesem Hintergrund.

Auch Insider-Bewegungen fügen sich ins Bild einer Aktie, die zwischen Euphorie und Vorsicht pendelt: Firmenchef Volozh verkaufte zuletzt Aktien im Wert von 14,4 Millionen Dollar, die Finanzchefin trennte sich von einem kleineren Aktienpaket.

Zugleich stockten institutionelle Investoren wie Goldman Sachs ihre Positionen im zweiten Quartal deutlich auf. Die Botschaft, wenn man sie so lesen will: Wer den KI-Boom kaufen will, kauft eine Wette auf ungebremstes Wachstum – muss aber die Reibungshitze mit einkalkulieren, die entsteht, wenn dieser Boom auf realen Boden trifft.

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