Nel ASA Aktie: Steigende Aufträge, wachsende Verluste
Nel ASA verzeichnet starke Auftragszuwächse, kämpft aber mit steigenden Verlusten und schrumpfenden Barreserven. CEO-Rückzug verunsichert zusätzlich.

- Auftragseingang steigt um 171 Prozent
- EBITDA-Verlust weitet sich aus
- Bargeldbestand sinkt deutlich
- CEO-Rückzug sorgt für Unsicherheit
Nel ASA steckt in einem Widerspruch, der Anleger nervös macht. Die Auftragseingänge schnellen nach oben. Gleichzeitig weiten sich die Verluste aus. Diese Kombination drückt die Aktie des norwegischen Wasserstoff-Spezialisten seit Wochen nach unten.
Am Freitag schloss das Papier bei 0,1922 Euro, ein Minus von 1,94 Prozent. Auf Monatssicht steht ein Rückgang von 15,33 Prozent zu Buche. Der Auslöser sitzt tief in den frisch veröffentlichten Zahlen zum zweiten Quartal.
Der Auftragseingang kletterte auf 230 Millionen norwegische Kronen. Das entspricht einem Plus von 171 Prozent gegenüber dem Vorquartal und 224 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auf den ersten Blick eine starke Erholung. Das EBITDA rutschte jedoch weiter ins Minus, auf minus 155 Millionen Kronen, nach minus 100 Millionen im ersten Quartal und minus 86 Millionen vor einem Jahr. Mehr Bestellungen, mehr Verlust — genau das verunsichert den Markt gerade.
Die entscheidende Frage: Reicht das Geld?
Ob Nel die Durststrecke bis zu spürbaren Umsätzen aus den neuen Aufträgen übersteht, hängt an einer einzigen Zahl: der Kassenlage. Der Bargeldbestand fiel zum Quartalsende auf 1.328 Millionen Kronen, ein Jahr zuvor waren es noch 1.928 Millionen. Der Auftragsbestand liegt bei 1.213 Millionen Kronen, 3 Prozent niedriger als vor einem Jahr.
Ein Analyst brachte es auf der Telefonkonferenz auf den Punkt und fragte direkt nach der Finanzierung des Unternehmens. Genau das ist der Kern der Marktsorge: Brennrate gegen verbleibende Reichweite. Das 52-Wochen-Tief von 0,1731 Euro liegt erst wenige Monate zurück, aktuell notiert die Aktie nur 11,03 Prozent darüber. Der Markt scheint bereits ein Szenario knapper werdender Finanzierung einzupreisen.
Bullisches Szenario: Neue Technologie als Hebel
Die Optimisten setzen auf zwei Säulen: eine anhaltende Auftragserholung und niedrigere Produktionskosten durch neue Technik. Das Management berichtete von ermutigenden Tests der nächsten Elektrolyseur-Generation. Die neue PA-Series-Plattform ging am 6. Mai gemeinsam mit wichtigen Partnern kommerziell an den Start.
Diese Plattform ist der Dreh- und Angelpunkt der Bullen-These. Sie senkt den Platzbedarf um 80 Prozent und die Investitionskosten um 40 bis 60 Prozent. Erste Bestellungen erwartet das Management in den kommenden Monaten. Bei der Fertigungskapazität peilt Nel bis Ende 2026 insgesamt 500 Megawatt an, bis 2027 soll auf 1 Gigawatt ausgebaut werden — unterstützt durch eine EU-Förderung von 135 Millionen Euro für die PA-Series-Linie. Die erste Meilenstein-Zahlung aus diesem Fördertopf ist bereits im zweiten Quartal geflossen.
Setzt sich die Dynamik aus dem zweiten Quartal fort, könnte der aktuelle Abschlag von 47,41 Prozent zum 52-Wochen-Hoch übertrieben wirken statt fundamental gerechtfertigt.
Bärisches Szenario: Der Verlust bleibt hartnäckig
Die Gegenseite argumentiert: Bessere Auftragslage hat die sinkende Profitabilität bislang nicht gestoppt. Ein Teil des ausgeweiteten EBITDA-Verlusts erklärt sich durch einen Einmaleffekt — 70 Millionen Kronen aus der Iwatani-Einigung belasteten das Quartal. Rechnet man diesen Posten heraus, bleibt der Trend trotzdem schwach: Das bereinigte EBITDA blieb gegenüber dem Vorjahr unverändert, statt sich zu verbessern.
Das Management selbst räumt ein, dass Profitabilität noch in weiter Ferne liegt. Notwendig wären alkalische Volumina im Bereich von mehreren hundert Megawatt pro Jahr sowie eine PEM-Kapazitätsauslastung von 20 bis 24 Prozent. Beide Schwellen sind noch nicht erreicht.
Hinzu kommt Führungsunsicherheit: CEO Håkon Volldal, seit Juli 2022 im Amt, kündigte seinen Rückzug an, um eine andere berufliche Chance wahrzunehmen. Der Wechsel an der Spitze trifft das Unternehmen ausgerechnet jetzt, während Finanzierungs- und Skalierungsfragen offen sind. Charttechnisch bestätigt sich das Bild: Die Aktie notiert 24,54 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt — ein breiter Abwärtstrend, kein isolierter Ausrutscher.
Ausblick: Der nächste Bericht wird zum Test
Solange die Auftragseingänge steigen, ohne dass sich der EBITDA-Verlust entsprechend verengt, dürfte die Finanzierungsfrage die Stimmung belasten. Die Aktie könnte weiter Richtung 52-Wochen-Tief bei 0,1731 Euro tendieren. Ein RSI von 30,0 signalisiert überverkaufte Bedingungen, die eine technische Gegenbewegung Richtung 50-Tage-Durchschnitt bei 0,2547 Euro stützen könnten. Für eine nachhaltige Erholung braucht es allerdings mehr: konkrete Belege, dass sich die PA-Series-Plattform in feste Bestellungen übersetzt — über die bereits gebuchten containerisierten PEM-Deals hinaus.
Bewegt sich die Kapazitätsauslastung auf die vom Management genannten Schwellen zu, gewinnt das bullische Szenario an Substanz. Schrumpft die Kassenlage im aktuellen Tempo weiter, während der Auftragsbestand stagniert, dürfte der Druck für zusätzliche Finanzierungsmaßnahmen steigen. Der nächste Quartalsbericht, erwartet zur Berichtssaison im dritten Quartal 2026, wird zeigen, in welche Richtung die Waage kippt — bei Auftragseingang, Kassenbestand und vor allem bei der Nachfolgeregelung an der Unternehmensspitze.
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