Nel ASA Aktie: Zwischen Auftragsschub und Kapitalrisiko

Nel verzeichnet starkes Auftragswachstum, doch Umsatz und Profitabilität schwächeln. Die Frage nach einer möglichen Kapitalerhöhung belastet die Aktie.

Die Kernpunkte:
  • Auftragseingang steigt um 224 Prozent
  • Umsatz sinkt um zwölf Prozent
  • CEO-Wechsel erhöht Ausführungsrisiko
  • Kapitalerhöhung bleibt mögliches Szenario

Nel ASA notiert bei 0,1944 Euro und damit fast 47 Prozent unter dem Jahreshoch von Ende Mai. Der Kurs liegt unter allen wichtigen gleitenden Durchschnitten, der RSI von 37,8 signalisiert eine überverkaufte Aktie ohne bestätigte Trendwende. Diese charttechnische Schwäche trifft auf einen Führungswechsel und eine Debatte, die das Management selbst beim letzten Earnings Call eröffnet hat: Reicht das Geld, oder braucht Nel frisches Kapital?

Die entscheidende Frage

Für Anleger dreht sich fast alles um eine Frage: Kann Nel die Anlaufphase seiner neuen druckalkalischen Plattform aus eigener Kraft finanzieren? Oder folgt eine weitere verwässernde Kapitalerhöhung, wie sie das Unternehmen in der Vergangenheit mehrfach durchgeführt hat?

Der Finanzchef von Nel beschreibt die Kassenlage als solide. Es bestehe keine unmittelbare Notwendigkeit für eine Kapitalmaßnahme. Er ergänzte jedoch, das Unternehmen werde bei Bedarf weitere Schritte einleiten. Genau diese Formulierung – „bei Bedarf“ – lässt Raum für das Szenario, vor dem Kritiker warnen: eine neue Verwässerung, sollte die Auftragsdynamik erneut ins Stocken geraten.

Das bullische Szenario: Neue Plattform trifft auf Nachfrage

Für Optimisten sprechen zwei Argumente: bessere Nachfragesignale und ein frisch gestarteter Technologiesprung. Der Auftragseingang stieg im zweiten Quartal 2026 auf 230 Millionen norwegische Kronen – ein Plus von 224 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Der Orderbestand kletterte auf 1,213 Milliarden Kronen, neun Prozent mehr als im Vorquartal.

Das Management bezeichnet das als „ermutigende kommerzielle Dynamik“, getragen von zwei bedeutenden Kaufaufträgen und dem Marktstart der neuen PA-Series-Plattform für druckalkalische Elektrolyse. Am Ende des zweiten Quartals verfügte Nel über eine Barreserve von 1,3 Milliarden Kronen. Das Unternehmen argumentiert, diese Liquidität erlaube es, den laufenden Betrieb zu finanzieren, weiter in Technologie zu investieren und bereit zu sein, sobald der Markt wieder anzieht.

Setzt sich die PA-Series auch bei Kunden jenseits der ersten Launch-Partner durch, könnte sich die Erholung nach Ansicht der Optimisten vom PEM-Segment auf den Alkali-Bereich ausweiten. Brachliegende Kapazitäten ließen sich so schrittweise wieder auslasten.

Das bärische Szenario: Umsatz schrumpft, Verluste bleiben

Die Gegenseite verweist auf ein Geschäft, das trotz besserer Auftragslage strukturell defizitär bleibt. Der Umsatz aus Kundenverträgen fiel im zweiten Quartal auf 153 Millionen Kronen, ein Rückgang von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nel meldete zudem ein negatives EBITDA-Ergebnis für das Quartal.

Der Nettoverlust lag bei 189 Millionen Kronen, getrieben von einem operativen Verlust von 205 Millionen Kronen. Ein Teil der scheinbaren Verbesserung täuscht zudem: Das bereinigte EBITDA blieb nur deshalb stabil zum Vorjahr, weil eine Einmalzahlung aus einer Einigung mit Iwatani in Höhe von 70 Millionen Kronen herausgerechnet wurde. Ohne diesen Sondereffekt sieht die zugrunde liegende Profitabilität deutlich schwächer aus, als der Auftragssprung suggeriert.

Hinzu kommt eine Konzentration, die Sorgen bereitet: 96 Prozent der Q2-Aufträge entfielen auf das PEM-Segment. Das margenstärkere Alkali-Geschäft, in dem sich die neue PA-Series kommerziell erst noch beweisen muss, zeigt bislang keine vergleichbare Erholung.

Parallel dazu herrscht Führungsunsicherheit. CEO Håkon Volldal verlässt das Unternehmen, um sich neuen Aufgaben außerhalb von Nel zu widmen. Verwaltungsratschef Arvid Moss betonte zwar, an der strategischen Ausrichtung ändere sich nichts – der Vorstand halte an der bestehenden Strategie fest. Ein Führungswechsel ausgerechnet in einer fragilen kommerziellen Übergangsphase erhöht dennoch das Ausführungsrisiko, gerade wenn Kontinuität am meisten zählt.

Ausblick

Baut sich der Auftragseingang im PEM-Segment weiter auf und beginnt die Alkali-Sparte, Pilotinteresse in feste Verträge umzuwandeln, spricht das dafür, dass Nel den Abschwung ohne neue Verwässerung übersteht – gestützt von einer Kassenreserve, die das Management weiterhin als ausreichend bezeichnet. Schrumpft der Umsatz dagegen weiter, bleiben die Verluste bestehen und folgt das Alkali-Orderbuch der PEM-Erholung nicht, könnte der Vorbehalt des Finanzchefs zu genau jenem Kapitalerhöhungs-Szenario kippen, das Aktionäre in der Vergangenheit bereits verwässert hat.

Der nächste konkrete Test ist der Quartalsbericht zum dritten Quartal 2026. Investoren werden dann genau darauf achten, ob sich der Auftragseingang über PEM hinaus auf den Alkali-Bereich ausweitet, ob sich der zugrunde liegende EBITDA-Trend auch ohne Sondereffekte hält, und ob die neue Führung Klarheit über die Kapazitätsauslastung am Standort Herøya schafft. Bis dahin spiegelt die Kursnähe zum 52-Wochen-Tief einen Markt wider, der zwischen Erholungsgeschichte und Finanzierungsrisiko noch keine Seite gewählt hat.

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