Neuer Chef für Nestlé

Zum ersten Mal seit knapp hundert Jahren tritt beim Schweizer Traditionskonzern ein Firmenchef von außen an. Der neue Chef, Ex-Fresenius-Lenker Ulf Mark Schneider, steuert Nestlé in die neue Richtung: Gesundheits-Nahrungsmittel. Dieser Schritt kommt einem Eingeständnis gleich.

© Nestlé

Denn der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern, bekannt für Marken wie Maggi, Nespresso, KitKat oder Thomy, hat sich in eine Sackgasse manövriert: Heutige Konsumenten setzen zunehmend auf frische Nahrungsmittel, während Fertigprodukte zu Ladenhütern werden. Und Nestlé wächst nicht mehr so stetig wie früher. Also muss frischer Wind her.

Der 51-jährige Deutsch-Amerikaner Schneider hat jahrzehntelange Erfahrung im Gesundheits-Bereich, und genau diesen will Nestlé weiter ausbauen. Denn das Geschäft mit Spezialnahrung für ältere oder kranke Menschen verspricht deutlich höhere Wachstumsraten als beispielsweise der vielerorts gesättigte Markt für Süßigkeiten.

Milliardenschwere Zukäufe erwartet

Investoren erwarten im Zuge dessen milliardenschwere Zukäufe im Gesundheits-Markt. Doch dies dürfte für Schneider nicht so einfach werden: Denn Nestlé ist ein Supertanker und mit einem Börsenwert von 230 Milliarden Franken schwer zu steuern. Und das Meer ist unruhig: In den vergangenen vier Jahren hat Nestlé das selbst gesteckte Wachstumsziel von 5 bis 6 % verpasst. Von Januar bis September des vergangenen Jahres lag das Umsatzplus des 150 Jahre alten Traditionskonzerns lediglich bei 3,3 %. Dies war der schwächste Zuwachs seit über zehn Jahren.

Die Lösung scheint einfach: Raus aus weniger rentablen Bereichen wie dem Süßwarengeschäft oder Tiefkühlkost, rein in das zukunftsträchtige Gesundheits-Bereich. Dieses Geschäft (Nestlé Health Science) machte zuletzt mit gut 2 Milliarden Franken weniger als 3 % des Konzernumsatzes aus. Das soll nicht so bleiben: Der Konzern hat sich für diese Sparte eine Zielmarke von bis zu 10 Milliarden Franken Umsatz gesetzt.

Rund 60 Milliarden Dollar stehen für Zukäufe zur Verfügung

Für diesen Ausbau ist der neue Chef Schneider höchst persönlich verantwortlich: Er leitet das Gesundheits-Geschäft sowie die Hautpflege-Sparte Nestlé Skin Health künftig selbst. Am einfachsten zu bewerkstelligen wäre das geplante Wachstum mit Zukäufen, glauben Analysten. "Sie müssen entweder ganz groß zukaufen oder viele Akquisitionen stemmen, damit das für Nestlé einen Unterschied macht - denn das Kerngeschäft ist groß", sagt z. B. David Moss, Leiter der europäischen Aktieninvestments der Bank of Montreal.

Denn an liquiden Mitteln mangelt es dem Schweizer Konzern nicht. Nach Einschätzung einiger Analysten könnte Nestlé bis zu 60 Milliarden Dollar für Zukäufe ausgeben, falls der Konzern z. B. seine gut 23 %-ige Beteiligung am französischen Kosmetik-Konzern L'Oreal zu Geld machen würde. An der Börse ist dieser Anteil gut 22 Milliarden Euro wert.

Ulf Schneider selbst hat sich bislang nicht zu seiner Strategie geäußert. Er hat seinen ersten öffentlichen Auftritt im Namen von Nestlé bei der Bilanzpressekonferenz am 16. Februar. Völlig freie Hand dürfte er bei der Umsetzung seiner Vision ohnedies nicht haben: Im Frühjahr wechselt sein Vorgänger Paul Bulcke an die Spitze des Verwaltungsrats und gibt Schneider von dort aus die Marschrichtung vor.

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