Neun Gewinnwochen, 2,08 Prozent Ausfallrate — wer rechnet hier falsch?

Trotz neunter Gewinnwoche im S&P 500 warnen steigende Ausfallraten im deutschen Mittelstand vor wachsenden Risiken in der Realwirtschaft.

Die Kernpunkte:
  • Neunte Gewinnwoche für S&P 500
  • Kreditausfälle im Mittelstand steigen
  • Japan reformiert Investitionsprüfregeln
  • Uran- und Kupfermärkte unter Druck

Liebe Leserinnen und Leser,

der S&P 500 schloss den Mai mit der neunten Gewinnwoche in Folge ab. Tech-Aktien steuerten rund 85 Prozent der Indexgewinne bei. Der S&P 500 Momentum Index legte in zwei Monaten um 31,7 Prozent zu — der stärkste Anstieg seit 1994. Gleichzeitig prognostiziert Creditreform für deutsche Unternehmen eine Ausfallrate von 2,08 Prozent im laufenden Jahr. Rekorde auf der einen Seite, steigende Kreditrisiken auf der anderen. Beide Zahlen können nicht dauerhaft recht behalten. An diesem Wochenende lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wo die realen Verschiebungen stattfinden — bei Rohstoffen, Governance-Regeln und Lieferketten, nicht nur auf den Kurstafelns.

Sollten Anleger sofort verkaufen? Oder lohnt sich doch der Einstieg bei Nvidia?

Deutschlands Kreditrisiko steigt — der Mittelstand ist am verwundbarsten

Die WELT-Umfrage vom 30. Mai zeichnet ein uneinheitliches Bild: Je nach Branche planen Großunternehmen Stellenabbau, Standortschließungen oder Expansion. Das Muster dahinter ist eindeutig: Die operative Planung wird defensiver, Wachstumsprognosen wurden gesenkt.

Die Zahlen von Creditreform untermauern das. Die empirische Ausfallrate deutscher Unternehmen stieg 2025 auf 1,88 Prozent; für 2026 werden 2,08 Prozent erwartet. Am härtesten trifft es den Mittelstand mit 0,5 bis 2 Millionen Euro Umsatz — dort lag die Quote 2025 erstmals seit über zehn Jahren über 2 Prozent. Verkehr und Logistik kamen auf 3,58 Prozent, das Baugewerbe auf 2,37 Prozent.

Für Anleger in deutschen Nebenwerten und Mittelstandsanleihen verschiebt sich damit die Priorität: Bilanzqualität zählt mehr als Umsatzfantasie. HÖRMANN Industries illustriert die Lage: Umsatz im ersten Quartal 2026 praktisch stabil, EBITDA leicht rückläufig auf 4,0 Millionen Euro, Auftragsbestand auf 608,4 Millionen Euro gestiegen. Auftragspolster klingen beruhigend. Aber erst Cashflow und Margen zeigen, wie viel davon bei den Kapitalgebern ankommt.

Anzeige

Während Big Tech die Indexgewinne dominiert, vollzieht sich abseits der Schlagzeilen eine stille Sektor-Rotation am US-Markt. Börsenexperte Henrik Voigt zeigt im kostenlosen PDF-Sonderreport, welche drei US-Sektoren abseits der Tech-Giganten das größte Nachholpotenzial besitzen — inklusive konkreter Aktiennamen und WKN. Jetzt kostenlosen US-Markt-Report herunterladen

Japans stille Governance-Reform — und ein neues Investitionsprüfregime

Am Freitag berichtete ich über Tokios Allzeithoch und die Yen-Schwäche. Die weniger beachtete Entwicklung liegt tiefer: Japan reformiert seine Unternehmensführung und seine Sicherheitsgesetzgebung gleichzeitig.

Bei Nippon Steel lehnte der Verwaltungsrat im Mai einen Aktionärsantrag für ein extern geführtes Prüfkomitee ab. Der Fall steht für wachsenden Investorendruck bei Themen wie Kapitalallokation und Minderheitenschutz — bei einem Unternehmen mit 0,7 Prozent Eigenkapitalrendite, hoher Verschuldung und kapitalintensiven Projekten wie dem U.S.-Steel-Deal.

Parallel hat Japan eine überarbeitete Devisengesetzgebung verabschiedet, die ein CFIUS-ähnliches System zur Prüfung ausländischer Investitionen einführt. Betroffen sind Luft- und Raumfahrt, Halbleiter, Energie und Telekommunikation; auch indirekte Beteiligungen können geprüft werden, wenn nationale Sicherheit berührt ist. Bessere Governance kann Bewertungsabschläge verringern — aber das neue Sicherheitsregime kann Transaktionen erschweren und politische Risikoprämien erhöhen. Japan bleibt interessant, verlangt aber mehr Selektion als die pauschale Value-These der vergangenen Jahre.

Uran: Weniger KI-Fantasie, mehr Lieferkettenrealität

Der Uransektor wird 2026 von physischen Engpässen bestimmt, nicht von Schlagworten. Kazatomprom, verantwortlich für rund 40 Prozent der globalen Primärversorgung, kündigte eine Produktionskürzung von 10 Prozent an — begründet mit Schwefelsäuremangel und Logistikproblemen. Gleichzeitig zwingt das US-Verbot russischer Uranimporte bis 2028 westliche Versorger zur Neuausrichtung. Washington investiert 2,7 Milliarden Dollar in HALEU-Anreicherung.

Cameco bleibt der zentrale westliche Produzent: Für 2026 werden bei McArthur River/Key Lake 18 bis 20 Millionen Pfund erwartet, bei Cigar Lake 15 bis 18 Millionen Pfund. Die Preisspanne reicht von 85 bis 105 Dollar je Pfund im Basisszenario bis zu 120 bis 150 Dollar, falls beide Großproduzenten enttäuschen und SMR-Projekte schneller anlaufen. Wer Uran im Portfolio hat, wettet auf Lieferdisziplin — nicht nur auf steigenden Strombedarf.

Kupfer: 590.000 Tonnen Defizit und Berlins Recycling-Offensive

Am Freitag hatte ich die strukturelle Kupferknappheit beschrieben. Die Lage hat sich nicht entspannt. Der Kupferpreis erreichte Ende Januar 13.500 Dollar je Tonne und notiert zuletzt bei etwa 12.600 Dollar. Die Grasberg-Mine in Indonesien, seit September 2025 geschlossen, dürfte erst 2027 wieder produzieren und bis Jahresende zu einem Defizit von 590.000 Tonnen beitragen. Goldman Sachs senkte die Kupferpreisprognose 2026 leicht auf 12.650 Dollar, hält die langfristige These aber aufrecht.

Die 50 wertvollsten Bergbauunternehmen kamen Ende des ersten Quartals auf 2,41 Billionen Dollar Marktkapitalisierung — rund 250 Milliarden Dollar mehr als zu Jahresbeginn. Deutschland reagiert politisch: Die schwarz-rote Koalition plant ein Aktionsprogramm Kreislaufwirtschaft, der Kabinettsbeschluss ist für die kommende Woche vorgesehen. Im Klima- und Transformationsfonds stehen 260 Millionen Euro bereit, weitere 305 Millionen Euro für 2027 bis 2030. Ziel: Bis 2030 soll ein Viertel des jährlichen Verbrauchs kritischer Rohstoffe durch Recycling gedeckt werden. Rohstoffsouveränität wird damit zum Investitionsthema — bei Minen, Aufbereitern und Recyclingmodellen.

Was die Marktbreite über das Risiko verrät

Zurück zur Ausgangsfrage: Neun Gewinnwochen, 85 Prozent der Gewinne aus Tech, der stärkste Momentum-Anstieg seit 1994. Das ist keine Prognose für einen Einbruch, aber ein Maß für Konzentration. Portfolios, die auf wenige Gewinner setzen, sind anfälliger für Rückschläge.

Der Kontrast zu Berkshire Hathaway ist aufschlussreich: Die B-Aktien liegen 2026 bisher 16,3 Prozentpunkte hinter dem S&P 500. Berkshire hält fast 400 Milliarden Dollar Cash, hat geringe KI-Exponierung und kaufte im ersten Quartal eigene Aktien für 234 Millionen Dollar zurück. Liquidität und defensive Qualität kosten in Momentumphasen Rendite. Sie können aber wertvoll werden, wenn Finanzierungskosten, Ausfallrisiken oder Rohstoffschocks stärker eingepreist werden.

Anzeige

Deglobalisierung, Reshoring, neue Lieferketten — die Neuordnung der Weltwirtschaft schafft stille Gewinner, die kaum auf dem Radar privater Anleger sind. Henrik Voigt identifiziert im kostenlosen Spezialreport „Deglobalisierung 2.0″ drei konkrete Aktien mit Depot-Empfehlung, die von der Rückverlagerung globaler Produktionsketten profitieren — inklusive WKN. Gratis-Report „Deglobalisierung 2.0″ jetzt sichern

Was jetzt zählt

Für die kommende Woche sind nicht weitere Indexrekorde entscheidend. Wichtiger: Kreditrisiken im deutschen Mittelstand, politische Eingriffe in strategische Branchen von Tokio bis Berlin, reale Rohstoffverfügbarkeit bei Kupfer und Uran — und die Frage, ob Anleger für die Konzentration in ihren Portfolios noch angemessen kompensiert werden. Die Börse liefert Rekorde. Die Realwirtschaft liefert die Risikoprüfung.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.

Herzlichst, Ihr

Felix Baarz

Nvidia-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Nvidia-Analyse vom 30. Mai liefert die Antwort:

Die neusten Nvidia-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Nvidia-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 30. Mai erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

Nvidia: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...