Nicht die Börse, der Devisenmarkt stellt die Wochenendfrage

Der Dollar-Index fällt, der Yen nähert sich der Interventionszone. Gold bleibt über 4.000 Dollar, während Tech-Aktien unter Druck geraten.

Die Kernpunkte:
  • Dollar-Index rutscht auf 101,40
  • Yen naht Interventionszone von Tokio
  • Gold konsolidiert über 4.000 Dollar
  • Flatexdegiro hebt Prognose an

Liebe Leserinnen und Leser,

der DAX verlor am Freitag deutlich und schloss bei 24.671 Punkten. Tech-Aktien weltweit standen unter Druck. Doch wer sich auf die Aktienkurse konzentriert, übersieht die wichtigere Bewegung: Sie fand am Devisenmarkt statt. Der Dollar-Index rutschte zeitweise auf 101,40. Der Yen nähert sich der Zone, in der Tokio zuletzt interveniert hat. Und Gold hält sich trotz steigender Realzins-Sorgen über 4.000 Dollar. Die Frage, mit der Anleger ins Wochenende gehen sollten, lautet nicht, ob ein Index ein Prozent mehr oder weniger verliert — sondern ob Fed-Erwartungen, Yen-Carry-Trades und geopolitische Absicherung gleichzeitig neu bewertet werden.

Der Yen als Stresstest für globale Portfolios

Nach den US-PCE-Daten reduzierten die Märkte ihre Erwartungen an weitere Fed-Zinserhöhungen — der Dollar gab nach. Gleichzeitig bleibt das Bild widersprüchlich: Andere Marktsegmente preisen weiterhin eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Zinsschritt bis Dezember ein, während die Reuters-Umfrage vom 23. bis 25. Juni Fed-Zinsen von 3,50 bis 3,75 Prozent bis Ende 2026 sieht. Der Markt hat keine klare Fed-Story. Er handelt Datenpunkt gegen Datenpunkt.

Besonders deutlich zeigt sich das beim USD/JPY. Das Paar bewegte sich am Freitag zwischen 161,60 und knapp 162,00 — jener Zone, die japanische Regierungsvertreter als Interventionsschwelle markiert haben. Gleichzeitig stützen Tokio-Inflationsdaten und BoJ-Protokolle die Erwartung weiterer Zinsschritte in Japan. Für europäische Anleger ist das weit mehr als ein Devisenthema: Werden Carry-Trades wegen Yen-Stärke oder Interventionsangst aufgelöst, trifft das Risikoanlagen weltweit — von US-Tech über Krypto bis zu europäischen Zyklikern. Wer sich an den August 2024 erinnert, weiß, wie schnell das gehen kann.

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Gold: Keine Rally, aber eine funktionierende Versicherung

Spotgold notierte am Freitag um 4.046 bis 4.052 Dollar je Unze, nachdem der Preis in dieser Woche ein Mehrmonatstief bei 3.959 Dollar getestet hatte. Die Bilanz der vergangenen vier Wochen ist negativ; vom Januar-Rekordhoch bei 5.602 Dollar trennen das Edelmetall rund 30 Prozent. Technisch konsolidiert Gold zwischen 3.938 und 4.166 Dollar.

Warum trotzdem nicht abschreiben? Chinas Goldimporte erreichten im Mai ein Zwei-Jahres-Hoch. Die EZB verweist in ihrem Juni-Bericht auf starke Zentralbanknachfrage wegen geopolitischer Spannungen. Gold steigt derzeit nicht, weil alles dafür spricht — Fed-Zinserwartungen und ein zeitweise fester Dollar erhöhen die Opportunitätskosten. Aber genau diese gemischte Lage macht es als Portfolio-Baustein relevant. Wer Gold hält, setzt weniger auf einen schnellen Ausbruch als auf Absicherung gegen Wochenendrisiken: die Straße von Hormuz, die technischen Gespräche zwischen den USA und Iran am 29. und 30. Juni in der Schweiz, und die Frage, ob niedrigere Ölpreise geopolitische Risiken tatsächlich widerspiegeln.

Tech-Kosteninflation trifft den DAX

Der Rückschlag am Freitag war weniger ein Deutschland-Problem als ein globales Margenproblem. Apple begründete Preiserhöhungen bei MacBooks und iPads mit höheren Komponentenkosten; Microsoft erhöhte Xbox-Preise. In Europa gerieten Halbleiter- und Technologiewerte unter Druck, darunter Infineon.

Das ist keine reine KI-Korrektur. Wenn Kosteninflation in der Tech-Lieferkette sichtbar an Endkunden weitergereicht wird, verschiebt sich die Debatte von Wachstum zu Margenqualität. Nicht jede Aktie mit Tech- oder Digitalisierungsbezug verdient automatisch einen Bewertungsaufschlag. Entscheidend wird, wer Preiserhöhungen durchsetzen kann — und wer nur höhere Inputkosten schluckt.

Flatexdegiro liefert, Zalando verunsichert

Bei deutschen Einzelwerten trennten sich am Freitag operative Substanz und Börsenerwartung mit seltener Deutlichkeit. Flatexdegiro hob nach einem starken ersten Halbjahr die Jahresprognose an: rund 650 Millionen Euro Umsatz für 2026, etwa 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Konzernergebnis soll auf rund 200 Millionen Euro steigen, ein Plus von 25 Prozent. Die Ziele für 2027 sollen damit bereits 2026 erreicht werden. Trotzdem schloss die Aktie rund 3 Prozent im Minus bei 35,68 Euro. Die Botschaft ist klar: Gute Nachrichten reichen nicht, wenn der Markt sie vorweggenommen hat.

Zalando zeigt die Kehrseite. Die Aktie verlor am Freitag 6,5 Prozent auf knapp 25 Euro, zwischenzeitlich sogar 18 Prozent. Auslöser ist eine BaFin-Prüfung des Jahresabschlusses 2025 wegen möglicher Bilanzierungsfehler im Zusammenhang mit der About-You-Übernahme. Zalando nennt den Vorgang „rein formal“. Die DZ Bank stufte dennoch von „Kaufen“ auf „Halten“ ab, Kursziel 27 Euro, mit einem Risikoabschlag von 30 Prozent. mwb research hält dagegen und bleibt bei „Kaufen“ mit Kursziel 39 Euro. Solange die Prüfung läuft, zählt weniger die Wachstumsstory als die Frage, ob Vertrauen zurückkehrt.

Bitcoin verhält sich wie ein gehebeltes Risikoasset

Wer Bitcoin als digitales Gold betrachtet, wurde am Freitag eines Besseren belehrt. Der Kurs fiel bis auf 58.000 Dollar und stabilisierte sich später um 60.000 Dollar. Belastend wirkten die US-Inflationsdaten, hohe ETF-Abflüsse — allein 696 Millionen Dollar am 25. Juni aus US-Spot-Bitcoin-ETFs — und die große Deribit-Fälligkeit: Bitcoin- und Ethereum-Optionen im Wert von 10,63 Milliarden Dollar liefen aus. Ether fiel unter 1.525 Dollar, auch XRP und Dogecoin standen unter Druck.

Entscheidend ist nicht der einzelne Optionsverfall, sondern die Korrelation. Solange Bitcoin synchron mit Tech-Schwäche, Fed-Sorgen und ETF-Rücknahmen fällt, erfüllt es kurzfristig keine Rolle als Krisenabsicherung. Wer investiert bleibt, braucht Liquiditätspuffer — nicht nur Überzeugung.

Was zählt

Für die kommende Woche rücken drei Punkte in den Vordergrund: die technischen Gespräche zu Iran und der Straße von Hormuz am 29. und 30. Juni, US-Arbeitsmarktdaten und Inflationserwartungen, sowie die Frage, ob USD/JPY die Interventionszone erneut testet. Die PCE-Gesamtrate von 4,1 Prozent, die ich gestern erwähnte, macht eine baldige Zinswende unwahrscheinlicher — und damit bleibt der Dollar-Yen-Kurs der Seismograph, den Anleger im Blick behalten sollten. Vor dem Wochenende entscheidet nicht der Indexstand, sondern ob Absicherung, Liquidität und Fremdwährungsrisiken zusammenpassen.

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Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Herzlichst, Ihr

Felix Baarz

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