Nokia Aktie: Speicherchip-Engpass bremst KI-Boom
Nokia übertrifft Gewinnerwartungen, doch die Warnung vor anhaltenden Speicherchip-Engpässen lässt die Aktie einbrechen.

- Operativer Gewinn übertrifft Prognosen
- Chip-Engpass bis 2027 prognostiziert
- Aktie fällt trotz starker Quartalszahlen
- KI-Auftragsbuch wächst auf 2,8 Milliarden Euro
Starke Zahlen, schwacher Kurs: Nokia zeigt gerade, wie wenig ein Gewinnplus zählt, wenn Anleger dem nächsten Jahr misstrauen. Der finnische Netzwerkausrüster meldete für das zweite Quartal 2026 einen operativen Gewinn von 434 Millionen Euro, ein Plus von 18 Prozent und deutlich über der Analystenschätzung von 382 Millionen Euro. Die Aktie brach trotzdem um über 5 Prozent ein.
Der Grund liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Nokia-Chef Justin Hotard warnte, die Engpässe bei Speicherchips würden bis 2027 anhalten. Diese Aussage überschattete den eigentlich starken Quartalsbericht komplett.
Die Nokia-Aktie notiert aktuell bei 7,94 Euro, nach einem Kursrutsch von über 30 Prozent binnen 30 Tagen. Vom 52-Wochen-Hoch bei 14,97 Euro, erreicht Anfang Juni, trennen das Papier inzwischen fast 47 Prozent. Der Kurs pendelt nun exakt um den 200-Tage-Durchschnitt bei 7,89 Euro – eine Linie, die gerade eher als Entscheidungsmarke denn als gesicherter Boden taugt.
Die entscheidende Frage: Holt die Chip-Lieferkette die KI-Nachfrage ein?
Was Bullen von Bären trennt, ist im Kern eine einzige Variable: Normalisiert sich die Speicherchip-Versorgung schnell genug, um aus dem prallen KI-Auftragsbuch tatsächlich Umsatz zu machen? Das Management selbst benennt die Lieferkette als bindende Grenze, nicht die Nachfrage. Die Frage lautet damit nicht mehr, ob Nokia im KI-Geschäft Fahrt aufnimmt. Sie lautet, ob der Konzern pünktlich liefern kann.
Bullen-Szenario: KI und Optik liefern weiter Rückenwind
Die Nachfrageseite spricht klar für Nokia. KI- und Cloud-Umsätze haben sich mehr als verdoppelt und machen inzwischen 9,3 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Der Konzern sicherte sich zudem KI-bezogene Aufträge im Wert von 2,8 Milliarden Euro.
Das Management reagiert auf den Engpass, statt ihn nur hinzunehmen. Nokia kündigte den Kauf eines Chip-Fertigungscampus von NXP Semiconductors in Arizona an. Parallel baut der Konzern seine Fertigungskapazitäten für optische Technologien aus, mit Investitionen in Indiumphosphid-Halbleiter in San Jose und einem neuen Standort in Arizona.
Auf der Kostenseite läuft das Restrukturierungsprogramm weitgehend planmäßig. Das federt die Gewinne selbst dann ab, wenn das klassische Telekomgeschäft schwach bleibt. Das Management hat die Gewinnprognose für das Gesamtjahr angehoben und rechnet damit, das obere Ende dieser Spanne zu erreichen.
Technisch gilt die Aktie mit einem RSI von 30,2 als überverkauft, nahe der klassischen Schwelle von 30. Löst sich diese Lage in eine Erholung auf, wäre der 50-Tage-Durchschnitt bei 11,41 Euro der erste ernstzunehmende Widerstand.
Bären-Szenario: Der Engpass zieht sich über Jahre, nicht Quartale
Das Gegenargument: Der Lieferengpass ist kein Ein-Quartal-Problem. Hotards Zeithorizont bis 2027 bedeutet Ausführungsrisiko weit über den aktuellen Prognosezeitraum hinaus. Das Auftragsbuch könnte auf dem Papier weiter wachsen, ohne sich im selben Tempo in Cashflow zu verwandeln, das Anleger während der früheren Kursrally eingepreist hatten.
Das klassische Geschäft bleibt eine zusätzliche Last, auch wenn sich der Druck etwas gelockert hat. Die Sparte Fixed Networks verzeichnete im zweiten Quartal einen währungsbereinigten Umsatzrückgang von 2 Prozent – deutlich milder als die zweistelligen Einbrüche früher im Jahr, aber noch immer ein Zeichen, dass sich die Nachfrage nach Festnetzinfrastruktur nicht stabilisiert hat.
Anleger haben ihre Risikotoleranz für diese Gemengelage sichtbar neu justiert. Im Fokus stehen Lieferengpässe, ein schwächelndes Kerngeschäft und die hohen Investitionen, die für den Ausbau der KI-Infrastruktur nötig sind. Charttechnisch bleibt das Bild fragil: Die Aktie notiert 30,44 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt. Ein solches Tempo kann selbst aus überverkaufter Lage weitere, momentum-getriebene Verkäufe anziehen – vor allem, falls die 200-Tage-Linie bei 7,89 Euro nachhaltig bricht.
Ausblick: Die Marke bei 7,89 Euro gibt den Takt vor
Solange sich Nokia um seinen 200-Tage-Durchschnitt hält, bleibt das technische Argument für einen Stabilisierungsversuch intakt. Der überverkaufte RSI-Wert stützt diese Lesart zusätzlich, da solche Niveaus historisch oft kurzfristige Erholungen einleiten. Bricht die Linie dagegen überzeugend nach unten, würde das Chartbild eine weitere Abwertung Richtung der Jahrestiefs nahelegen – reine Momentum-Indikatoren können einen bestätigten Verlust der langfristigen Trendunterstützung nicht aufwiegen.
Fundamental bleibt die Lieferketten-Normalisierung die entscheidende Stellschraube. Jedes Signal, dass sich die Speicherchip-Versorgung schneller verbessert als von Hotard skizziert, dürfte als positiv gewertet werden und könnte eine Erholung Richtung 50-Tage-Durchschnitt und darüber hinaus beschleunigen. Umgekehrt würde jeder Hinweis auf eine Verschärfung der Engpässe oder eine Ausweitung der Fixed-Networks-Schwäche auf andere Segmente das bärische Szenario stärken.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Quartalsbericht zum dritten Quartal 2026. Das Management hat bereits signalisiert, dass der operative Gewinn sequenziell in etwa auf dem Niveau des zweiten Quartals liegen dürfte. An dieser Marke werden Anleger ablesen, ob sich das KI-Auftragsbuch endlich in tatsächlich ausgeliefertes, monetarisiertes Wachstum übersetzt.
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