Nordex auf Rekordjagd, ABO Wind am Abgrund — Halbzeit im Grünstrom-Sektor

Deutsche Erneuerbare-Energien-Aktien zeigen extreme Unterschiede: Während Nordex und Siemens Energy Rekorde feiern, kämpfen ABO Wind und Vulcan Energy um ihre Zukunft.

Die Kernpunkte:
  • Siemens Energy prüft milliardenschweren Spin-off
  • Nordex mit Auftragswelle aus den USA
  • ABO Wind in existenzieller Krise
  • Energiekontor erhält UK-Netzanschluss

Milliarden-Spin-off, Großaufträge über den Atlantik und ein Gründer, der seine Aktien als Sicherheit verpfändet: Die fünf wichtigsten deutschen Erneuerbare-Energien-Titel gehen mit radikal unterschiedlicher Dynamik in die zweite Jahreshälfte. Zwischen Nordex und ABO Wind liegen Welten — nicht nur bei der Kursentwicklung, sondern bei der Frage, ob das jeweilige Geschäftsmodell die nächsten Monate übersteht.

Siemens Energy: Spin-off-Fantasie trifft auf 65er-KGV

Siemens Energy prüft eine Abspaltung oder einen Börsengang seines Bereichs „Transformation of Industry“. Die Sparte, die Kompressoren und Dampfturbinen fertigt, hat durch den KI-Boom ein milliardenschweres Auftragsbuch aufgebaut — Rechenzentren brauchen zuverlässige Energieversorgung. Die angedachte Bewertung: rund 12,4 Milliarden Euro. In einem ersten Schritt könnte Siemens Energy etwa 60 Prozent der Anteile abgeben.

Operativ läuft es ohnehin. Die Prognose für das Geschäftsjahr 2026 wurde angehoben: vergleichbares Umsatzwachstum von 14 bis 16 Prozent, eine Marge vor Sondereffekten zwischen 10 und 12 Prozent, Nettogewinn von rund vier Milliarden Euro. Seit Anfang Juni kauft das Unternehmen zudem eigene Aktien zurück — über 1,5 Millionen Stück bis Mitte Juni.

Die Aktie notiert bei 164,20 Euro, seit Jahresanfang ein Plus von knapp 34 Prozent. Berenberg-Analyst Richard Dawson hat sein Kursziel jüngst auf 205 Euro angehoben. Das durchschnittliche Analystenziel liegt bei 195 Euro, die höchste Schätzung bei 250 Euro. 19 von 25 Analysten raten zum Kauf. Der nächste Stresstest folgt am 5. August mit den Drittquartalszahlen — dann wird sich zeigen, ob die Spin-off-Pläne konkreter werden.

Nordex: Auftragswelle aus den USA und Deutschland

Nordex hat sich zur Auftragsmaschine entwickelt. Allein im Juni sicherte sich der Turbinenbauer US-Aufträge über insgesamt rund 809 Megawatt. Ende Juni kam ein weiterer 325-MW-Auftrag hinzu, der 55 Turbinen des Typs N163/5.X umfasst. Die Fertigung läuft im Werk in Iowa.

Auch in Deutschland gab es Nachschub: NeXtWind bestellte 16 Turbinen des Typs N175/6.X für einen Windpark in Sachsen-Anhalt, inklusive 20-jährigem Servicevertrag. Das Gesamtvolumen dieses Auftrags: 112 Megawatt.

Die Zahlen spiegeln sich im Kurs. Nordex notiert bei 46,66 Euro — ein Plus von 55 Prozent seit Jahresanfang. Binnen zwölf Monaten hat sich der Kurs fast verdreifacht. Im ersten Quartal 2026 sprang der Gewinn je Aktie auf 0,23 Euro, das Konzern-EBITDA legte um 64 Prozent zu. Jefferies hat das Kursziel auf 57 Euro erhöht, der Analystenkonsens liegt bei 45,70 Euro. Die Q2-Zahlen Ende Juli werden zeigen, ob die Rekordaufträge auch in höhere Margen münden.

ABO Wind: Gründerfamilien verpfänden Aktien

ABO Wind steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Für das Geschäftsjahr 2025 erwartet der Wiesbadener Projektentwickler einen Verlust von rund 170 Millionen Euro bei einem Umsatz von etwa 230 Millionen Euro. Stark überzeichnete Windauktionen in Deutschland haben die Einspeisevergütungen gedrückt, hinzu kommen Abschreibungen von 35 Millionen Euro. Auch 2026 rechnet der Vorstand nicht mit schwarzen Zahlen. Die Rückkehr in die EBITDA-Profitabilität wird frühestens für 2027 angepeilt.

Die Zeit drängt: Eine Stillhaltevereinbarung mit den Gläubigern läuft Ende Juli aus. Um die Verhandlungen zu stützen, haben die Gründerfamilien Ahn und Bockholt rund 1,86 Millionen Aktien als Sicherheit verpfändet — ein ungewöhnlicher Schritt, der das persönliche Risiko der Familien unterstreicht. Die Sanierungsbeauftragte Britta Hübner hat Zuversicht in die laufenden Gespräche signalisiert.

Die Aktie ist auf 3,75 Euro gefallen, ein Minus von fast 36 Prozent im Monatsvergleich. Die Marktkapitalisierung liegt bei gerade einmal 54 Millionen Euro. Parallel zur Sanierung will das Unternehmen sein Geschäftsmodell umbauen: Statt Projekte ausschließlich zu verkaufen, sollen eigene Wind- und Batterieanlagen betrieben werden, um planbarere Erlöse zu generieren. Am 13. August steht eine außerordentliche Hauptversammlung an — vorgeschrieben, weil die Gesellschaft mehr als die Hälfte ihres Grundkapitals aufgebraucht hat.

Vulcan Energy: Lionheart nimmt Gestalt an, der Kurs nicht

Vulcan Energy hat Ende Juni 652.199 Bezugsrechte ausgegeben. Die Verwässerung kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Die Aktie notiert bei 1,90 Euro, mehr als 52 Prozent unter dem Jahreshoch. Seit Jahresanfang hat der Titel über 27 Prozent verloren, der Jahresverlust 2025 weitete sich um 64 Prozent auf 69,6 Millionen Euro aus.

Technologisch gibt es Fortschritte. Der Sidetrack-Bohrtestschacht LSC-1b am Lionheart-Projekt in Deutschland lieferte eine potenzielle Förderkapazität von 105 bis 125 Litern pro Sekunde. Im Endausbau soll die Anlage jährlich 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat produzieren — genug für etwa 500.000 Elektroauto-Batterien. Vulcans Extraktionstechnologie A-DLE weckt auch externes Interesse: Die Cosmos-Tochter EAU Lithium hat eine Kaufoption für die Pilotanlage PP4 ausgeübt. Das Verfahren soll in Bolivien zum Einsatz kommen, gemeinsam mit dem staatlichen Lithiumunternehmen.

Die Kernfrage bleibt die Finanzierung. Das milliardenschwere Phase-One-Paket — mit einem Fremdkapitalanteil von 1,19 Milliarden Euro — muss schrittweise abgerufen und in den Bau der Zentralen Lithiumanlage umgesetzt werden. Der Analystenkonsens sieht den Kurs bei umgerechnet knapp acht australischen Dollar und damit weit über dem aktuellen Niveau. Ob sich diese Lücke schließt, hängt allein an der Baufortschritt-Umsetzung.

Energiekontor: UK-Netzanschluss als Befreiungsschlag?

Energiekontor hat eine wichtige Hürde genommen: Großbritanniens National Energy System Operator hat den Netzanschluss für ein großes UK-Projekt genehmigt, die Kosten lagen unter Budget. Damit könnte ein Verkauf bereits erfolgt sein oder unmittelbar bevorstehen. Insgesamt stehen sieben Phase-eins-Projekte in Großbritannien zwischen 2026 und 2028 zum Verkauf an; bei mindestens vier Projekten dürfte Energiekontor an der achten CfD-Auktionsrunde teilnehmen.

Hinzu kommt die dritte EMAS-Umweltzertifizierung in Folge — ein Standard, der über die übliche ISO-Norm hinausgeht und bei ESG-orientierten institutionellen Investoren Gewicht hat.

Die Aktie notiert bei 38,90 Euro, ein Rückgang von gut 17 Prozent im Monatsvergleich. Die Geschäftszahlen 2025 zeigen eine andere Richtung: Umsatz 173,5 Millionen Euro (plus 37 Prozent), Nettogewinn 41 Millionen Euro (plus 82 Prozent). Das Vorsteuerergebnis-Ziel für 2026 von 40 bis 60 Millionen Euro steht. Das Analystenkursziel liegt bei 71,50 Euro — fast doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs.

Ein Risikofaktor bleibt die deutsche Regulierung. Ab 2027 könnten abgeregelte Anlagen keine Entschädigung mehr erhalten, was die Kalkulation neuer Projekte in Netzengpasszonen deutlich verschlechtern würde. Der Halbjahresbericht im August wird zeigen, ob die UK-Pipeline schnell genug in reale Verkäufe mündet.

Drei Geschwindigkeiten im Sektor

Die fünf Titel lassen sich klar in drei Kategorien einordnen:

  • Momentum-Gewinner: Siemens Energy und Nordex verfügen über volle Auftragsbücher, steigende Margen und strategische Optionen. Siemens Energy setzt mit der Spin-off-Fantasie auf Wertfreisetzung, Nordex profitiert von der ungebrochenen Nachfrage im Onshore-Wind-Markt.
  • Stabile Mitte: Energiekontor liefert operativ solide Ergebnisse und hat mit dem UK-Netzanschluss einen konkreten Katalysator. Die Bewertungslücke zum Analystenziel ist groß, die Umsetzung der UK-Pipeline entscheidet über das Tempo der Schließung.
  • Existenzielle Reparatur: ABO Wind und Vulcan Energy befinden sich in kapitalintensiven Phasen mit hohem Ausführungsrisiko. Bei ABO Wind geht es schlicht ums Überleben; bei Vulcan um die Frage, ob ein ambitioniertes Großprojekt trotz anhaltendem Kursdruck finanziert und gebaut werden kann.

Zweites Halbjahr mit harten Fristen

Die kommenden Wochen liefern eine Serie binärer Ereignisse. Ende Juli läuft die Stillhaltevereinbarung von ABO Wind aus — Erfolg oder Scheitern der Refinanzierung wird den Kurs massiv in die eine oder andere Richtung bewegen. Fast zeitgleich veröffentlicht Nordex seine Q2-Zahlen, gefolgt von Siemens Energy am 5. August und den Halbjahreszahlen von Energiekontor im selben Monat.

Für Vulcan Energy werden Baufortschritt und Kreditabruf die entscheidenden Kennzahlen. Der Grünstrom-Sektor geht nicht geschlossen in die zweite Jahreshälfte — sondern mit einer klaren Zweiteilung zwischen Unternehmen, die den Rückenwind der Energiewende nutzen, und solchen, die um ihre Zukunft kämpfen.

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