Nordex und Verbio springen an, ABO Wind stürzt ab — Fünf Grünstrom-Aktien im Realitätscheck

Siemens Energy prüft Abspaltung, Nordex versiebenfacht Gewinn, ABO Wind kämpft um Finanzierung. Ein Sektor mit extremer Dynamik.

Die Kernpunkte:
  • Siemens Energy erwägt Spartenabtrennung
  • Nordex mit massivem Gewinnsprung
  • Verbio leidet unter fallendem Ölpreis
  • ABO Wind vor entscheidender Bankenfrist

Zwei Nachrichten treffen den deutschen Erneuerbare-Energien-Sektor gleichzeitig: Siemens Energy denkt laut über eine Aufspaltung nach, und ABO Wind veröffentlicht am Sonntag seinen testierten Jahresabschluss — mitten in existenziellen Finanzierungsverhandlungen. Zwischen diesen Extremen bewegen sich Nordex, Verbio und Energiekontor mit jeweils eigener Dynamik.

Siemens Energy: Abspaltung als versteckter Milliardenwert

Intern prüft Siemens Energy die Abtrennung der Sparte Transformation of Industry. Kompressoren, Dampfturbinen, Energiespeicher und Wasserstoff-Elektrolyseure — dieses Bündel beschäftigt rund 17.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete zuletzt 5,7 Milliarden Euro Umsatz. Die Bank of America beziffert den Wert der Sparte auf 12,4 Milliarden Euro und sieht diesen Betrag im Aktienkurs bislang nicht abgebildet. Das Kursziel: 250 Euro, Empfehlung „Kaufen“.

Parallel dazu sicherte sich der Konzern einen Milliardenauftrag für Offshore-Konverterplattformen. Wesentliche Teile werden am Standort Rostock gefertigt, bis zu 500 Arbeitsplätze stehen in Aussicht. Der Auftragseingang im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erreichte mit 17,7 Milliarden Euro einen Rekord — ein vergleichbares Plus von knapp 30 Prozent.

Die Aktie notiert bei 168,96 Euro und hat auf Wochensicht gut zehn Prozent zugelegt. Auffällig: Die annualisierte Volatilität liegt bei über 57 Prozent, was für einen Wert dieser Marktkapitalisierung ungewöhnlich hoch ist. Das Management hob die Umsatzwachstumsprognose für das laufende Geschäftsjahr auf 14 bis 16 Prozent an und schraubte das Gewinnmargenziel auf 10 bis 12 Prozent. Den nächsten Quartalsbericht hat der Konzern für den 5. August angesetzt.

Nordex: Versiebenfachtes Ergebnis und frische Aufträge

Der Hamburger Windturbinenbauer liefert derzeit die überzeugendste operative Geschichte im Sektor. Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz auf 1,59 Milliarden Euro — ein Plus von knapp elf Prozent. Das Ergebnis je Aktie sprang von 0,03 auf 0,23 Euro. Eine Versiebenfachung.

Frische Aufträge über 155 Megawatt aus Südeuropa und der Türkei unterstreichen die Nachfrage. 34 Windenergieanlagen sollen zwischen Frühjahr 2027 und Anfang 2028 installiert werden, jeweils mit mehrjährigen Serviceverträgen. Der durchschnittliche Verkaufspreis kletterte auf 0,91 Millionen Euro pro Megawatt — ein Zeichen gestiegener Preisdurchsetzungskraft.

Die Aktie legte heute über fünf Prozent auf 47,56 Euro zu und nähert sich dem im Mai markierten Zehn-Jahres-Hoch von 49,46 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 58 Prozent. Der Q2-Bericht am 29. Juli wird zeigen, ob die Ergebnisqualität nachhaltig ist oder ein saisonaler Einmaleffekt.

Verbio: Starke Zahlen, schwacher Ölpreis

Verbio steckt in einem Dilemma. Operativ läuft es besser als seit Jahren: Die EBITDA-Prognose für das Geschäftsjahr 2025/2026 wurde auf 160 bis 180 Millionen Euro angehoben — die frühere Obergrenze lag bei 140 Millionen. Seit Jahresbeginn steht der Kurs trotz jüngster Verluste gut 43 Prozent im Plus.

Das Problem sitzt am Rohölmarkt. Die OPEC senkte ihre Nachfrageprognose erneut, Brent verlor zwischenzeitlich fast zehn Prozent auf Wochensicht. Bioethanol und Biodiesel konkurrieren direkt mit fossilen Kraftstoffen — sinkt der Ölpreis, schrumpfen die Margen. Die Aktie hat seit dem 52-Wochen-Hoch von 46,98 Euro rund ein Drittel abgegeben und notiert bei 31,82 Euro.

Ein strategischer Ausweg nimmt in Bitterfeld Gestalt an. Dort entsteht für bis zu 100 Millionen Euro die weltweit erste großtechnische Ethenolyse-Anlage. Ab Herbst 2026 soll sie biobasierte Chemikalien produzieren — darunter 1-Decen, einen Bestandteil für Hochleistungsschmierstoffe in Windkraftanlagen. Dieser Spezialmarkt funktioniert unabhängig vom fossilen Ölpreis.

Die Analysteneinschätzungen klaffen weit auseinander:

  • Deutsche Bank: Kaufen, Kursziel 42 Euro
  • Jefferies: Halten, Kursziel 36 Euro (angehoben von 25 Euro)
  • mwb research: Kursziel 55 Euro

ABO Wind: Countdown bis zur Bankenfrist

Bei ABO Wind geht es nicht um Kursziele, sondern um Existenz. Das Unternehmen erwartet für 2025 einen Verlust von rund 170 Millionen Euro. Wertberichtigungen von 35 Millionen Euro und gesunkene Einspeisevergütungen belasten massiv. Ein positives EBITDA hält das Management frühestens für 2027 für realistisch.

Ein Sanierungsgutachten bescheinigt grundsätzliche Überlebensfähigkeit — aber nur unter einer Bedingung: Bis Ende Juli 2026 muss eine tragfähige Anschlussfinanzierung mit den Banken stehen. Dann laufen die Stillhaltevereinbarungen aus. Der geprüfte Jahresabschluss, der am 22. Juni veröffentlicht wird, soll den Kreditgebern die nötige Transparenz liefern.

Die Aktie verlor heute weitere 8,5 Prozent auf 3,55 Euro, der RSI liegt bei 15,6 — ein extrem überverkauftes Niveau. Auf Monatssicht beträgt das Minus über 40 Prozent. First Berlin Equity Research setzte die Coverage Anfang Juni bereits auf „Under Review“.

Immerhin: Das operative Geschäft läuft weiter. ABO Wind verkaufte zuletzt einen Windpark in Rheinland-Pfalz mit vier Turbinen und 16,8 Megawatt Leistung. Solche Asset-Verkäufe bringen kurzfristig Liquidität.

Energiekontor: Stiller Portfolioaufbau mit regulatorischem Rückenwind

Energiekontor verfolgt eine grundlegend andere Strategie als die meisten Wettbewerber. Statt Projekte an Dritte zu verkaufen, überführt das Unternehmen fertige Wind- und Solarparks in den eigenen Bestand. Der Windpark Holtumer Moor — eine Vestas-Anlage mit 7,2 Megawatt — ging kürzlich ans Netz. Die Eigenbestandskapazität steigt damit auf rund 455 Megawatt.

Das Ziel liegt bei mehr als 680 Megawatt. Noch im laufenden Jahr sollen zwei Solarparks in Mecklenburg-Vorpommern mit zusammen 113 Megawatt folgen, für die bereits langfristige Stromabnahmeverträge bestehen. Jede Inbetriebnahme sichert wiederkehrende Erlöse — ein stabilerer Ertragspfad als der projektbasierte Verkauf.

Regulatorischer Rückenwind kommt seit Juni 2026 durch das novellierte Energiewirtschaftsgesetz: Die gemeinschaftliche Stromnutzung erlaubt es Energiekontor, produzierten Strom lokal über das öffentliche Verteilnetz zu vermarkten. Parallel stützt ein Aktienrückkaufprogramm den Kurs — bis Mai 2027 will das Unternehmen Anteile im Volumen von neun Millionen Euro erwerben.

Die Aktie legte heute 5,4 Prozent auf 41,70 Euro zu, notiert aber auf Monatssicht noch fast 17 Prozent im Minus.

Fünf Geschwindigkeiten, ein Sektor

Die Bandbreite innerhalb des deutschen Erneuerbare-Energien-Sektors ist diese Woche kaum zu übersehen:

  • Siemens Energy setzt auf strategische Neuordnung — die Abspaltungsfantasie und Rekordaufträge treiben die Aktie
  • Nordex überzeugt mit operativer Substanz und steigender Preisdurchsetzungskraft
  • Verbio kämpft gegen den Ölpreis, positioniert sich aber mit der Ethenolyse-Anlage ölpreisunabhängig
  • Energiekontor baut still ein Portfolio wiederkehrender Stromerlöse auf
  • ABO Wind steht vor der existenziellen Frage der Anschlussfinanzierung

Politisch stärkt ein seltener Schulterschluss der Länder die Branche: Alle 16 Energieministerinnen und -minister stimmten gegen den Redispatch-Vorbehalt, der neuen Ökostromanlagen die Entschädigung bei Abschaltungen verwehrt hätte. Das gibt Projektentwicklern wieder mehr Planungssicherheit.

Entscheidungswochen für die gesamte Branche

Die kommenden Wochen bringen für jeden der fünf Werte Weichenstellungen. Am engsten ist der Zeitplan bei ABO Wind: Der testierte Jahresabschluss am Sonntag und die Bankenfrist Ende Juli entscheiden über Fortbestand oder Insolvenz. Nordex muss am 29. Juli mit dem Q2-Bericht beweisen, dass die Ergebniswende kein Strohfeuer war. Verbio wartet auf die Ethenolyse-Anlage im Herbst als ersten echten Befreiungsschlag vom Ölpreis. Bei Siemens Energy wird sich zeigen, ob die Abspaltungspläne konkrete Form annehmen — frühere Ausgliederungen wie Siemens Healthineers gingen in unter 18 Monaten über die Bühne. Und Energiekontor setzt seinen leisen Portfolioausbau fort, Projekt für Projekt.

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