Interviewmit Dieter Jaworski

Nu Holdings Aktie: Hält die Kreditmarge, wenn der Selic hoch bleibt?

Nu Holdings erzielte im zweiten Quartal 2026 erstmals über eine Milliarde Dollar Gewinn; die Bewertung hängt auch von Brasiliens Zins- und Währungsrisiken ab.

Die Kernpunkte:
  • 139 Millionen Kunden zum Quartalsende
  • Gewinn erstmals über einer Milliarde Dollar
  • Mexikos Wachstum muss sich noch beweisen
  • Kreditqualität in Brasilien als zentrales Risiko

Im zweiten Quartal 2026 hat Nu Holdings erstmals mehr als eine Milliarde US-Dollar Gewinn in einem einzigen Quartal ausgewiesen, bei 139 Millionen Kunden.

Seit der Wiederwahl Lulas am 25. Oktober rücken Brasiliens Haushaltskurs, die Zinsen und der Real in den Mittelpunkt. Damit steht die Frage im Raum, was ein noch so effizientes Geschäftsmodell gegen die Lage seines Heimatmarkts ausrichten kann. Dieter Jaworski trennt in diesem Fall, wie viel im Kurs bloße Erwartung ist und wie viel das Geschäft bereits belegt hat.

Nu Holdings (KYG6683N1034) — Schlusskurse 04.05.2026 bis 28.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 28.10.2026.

Nu Holdings (KYG6683N1034) — Schlusskurse 04.05.2026 bis 28.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 28.10.2026.

Felix Baarz: Der Analysten-Konsens ist klar konstruktiv, und erst diese Woche hat ein weiteres Haus die Aktie mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 20 Dollar aufgenommen. Wenn Sie da Abstriche machen, liegt die Begründungslast bei Ihnen. Was übersehen die anderen?

Dieter Jaworski: Beim Geschäft übersehen sie wenig, da liege ich gar nicht weit weg. Mich stört die Gewichtung. Eine Kaufempfehlung modelliert Kunden, Kredite und Margen, sauber und Unternehmen für Unternehmen. Nu hängt in seiner ganzen Wertschöpfungskette aber an Brasilien.

Die Erträge fallen in Real an, die Kreditkosten folgen dem Selic, dem Leitzins der brasilianischen Zentralbank, und die Aktie wird in Dollar gehandelt. Wenn nach der Wahl Zweifel an der Haushaltsdisziplin aufkommen, trifft das Nu über zwei Kanäle zugleich: Die Zinsen bleiben länger hoch, und ein schwächerer Real rechnet jeden Gewinn in Dollar kleiner.

Der Kostenvorteil hilft nicht gegen den eigenen Finanzminister. Beim Länderrisiko ist mir der Konsens zu entspannt. Beim Geschäft finde ich ihn nachvollziehbar.

Felix Baarz: Dann trennen wir einmal. Was ist an Nu heute belegte Substanz, und was ist noch Erwartung?

Dieter Jaworski: Belegt ist mehr, als man es von einer Neobank gewohnt ist. Zum 30. Juni 2026 hatte Nu 139 Millionen Kunden, und im zweiten Quartal 2026 lag der Gewinn erstmals über einer Milliarde Dollar. Die Phase der Wachstumsversprechen ist damit vorbei. Das Ding verdient Geld. Erwartung ist dagegen Mexiko.

Dort läuft seit dem 6. August der volle Bankbetrieb, aber ob die Kunden die neuen Produkte auch nutzen, muss sich erst zeigen. Auch der Kauf von Banco Porto Real ist bisher nur vereinbart und nicht vollzogen. Mein faires Niveau sehe ich bei knapp 18 Euro. Diese Zahl knüpfe ich allerdings an eine Bedingung.

Die risikobereinigte Zinsmarge muss ungefähr auf dem Niveau des zweiten Quartals 2026 halten. Gemeint ist das, was vom Zinsertrag nach den Rückstellungen für Kreditausfälle übrig bleibt. Gegenüber dem Vorquartal hatte sie sich dort deutlich erholt. Rutscht sie zurück, ist die Rechnung Makulatur, egal wie viele Kunden noch dazukommen.

Felix Baarz: Sie sagen, die Marge müsse „ungefähr auf dem Niveau des zweiten Quartals halten“. Aber schon 2025 wuchs der Bruttogewinn langsamer als der Umsatz. Zeigt das nicht, dass Nu kaum Preismacht hat und Ihre Bedingung auf Sand gebaut ist?

Dieter Jaworski: Sie lesen das als Schwäche, ich lese es andersherum. Eine Bank, die ihre Marge nur über Preise verteidigen kann, hätte in Brasilien ein Problem. Über Open Finance, die gesetzlich geregelte Weitergabe der eigenen Kontodaten an andere Institute, und über das öffentliche Zahlungssystem Pix können Kunden jederzeit weiterziehen.

Nu hält dabei nicht den Schlüssel zur Infrastruktur, die gehört allen. Nu hat 2025 offenbar nicht versucht, die Preise hochzuziehen, und die risikobereinigte Marge kam im zweiten Quartal 2026 trotzdem zurück. Für mich heißt das: Der Vorteil sitzt bei den Kosten und in der Auswahl der Kreditnehmer.

Ende 2025 kostete die Betreuung eines aktiven Kunden 0,8 Dollar im Monat, und das filiallose Modell spart einen ganzen Kostenblock klassischer Banken. Dazu kommt NuFormer, ein Kreditmodell, das auf mehr als zehn Jahren Transaktionsdaten lernt. Für dessen Überlegenheit bürgt allerdings vor allem das Management selbst. Die Preismacht ist moderat. Mehr brauche ich für meine Bedingung auch nicht.

Felix Baarz: Spitzen wir ein anderes Risiko zu. Technikchef Eric Young geht, CEO David Vélez übernimmt Global Platforms interimistisch. Bei einem Unternehmen, dessen ganzer Vorteil digital ist, müsste Sie das doch nervös machen?

Dieter Jaworski: Ehrlich gesagt beruhigt mich ein Gründer, der die Technik selbst übernimmt, eher. Nervös würde ich, wenn sich die Suche nach einem Nachfolger lange hinzieht und neue Angebote anfangen zu holpern. Davon sehe ich bislang nichts.

Felix Baarz: Und wann liegen Sie falsch? Was müsste passieren, damit Ihre Rechnung kippt?

Dieter Jaworski: Am ehesten über einen Umweg, den man im Quartalsbericht erst spät sieht. Die Zentralbank hat den Selic am 16. September auf 13,75 Prozent gesenkt. Nimmt der Markt der Regierung keine Haushaltsdisziplin ab, ist dieser Zinssenkungszyklus schnell vorbei. Im schlechten Fall dreht er sogar.

Dann tragen Millionen Kreditnehmer höhere Zinslasten, und das in einer Konjunktur, die die Zentralbank schon heute als abkühlend beschreibt. Die Ausfälle steigen mit Verzögerung, die risikobereinigte Marge rutscht, und der schwächere Real verkleinert das Ganze in Dollar noch einmal. In dieser Kombination kippt meine Rechnung, und zwar deutlich.

Mexiko würde das nicht auffangen. Die nationalen Aufsichten begrenzen, wie frei Kapital zwischen Brasilien, Mexiko und Kolumbien wandern darf. Die mexikanische Bank muss ihr Wachstum also weitgehend vor Ort finanzieren. Und die Formel-1-Kampagne für Ultravioleta? Hübsches Marketing, in meiner Rechnung kommt sie nicht vor.

Felix Baarz: Sie haben Ihr faires Niveau an eine Bedingung geknüpft: Die risikobereinigte Marge muss ungefähr auf dem Niveau des zweiten Quartals halten. Nach der Wahl und mit einem Selic, der länger hoch bleiben könnte: Trauen Sie dieser Bedingung noch, ja oder nein?

Dieter Jaworski: Ja, aber mit offenen Augen. Das Geschäft hat im zweiten Quartal geliefert, was eine deutlich höhere Bewertung tragen kann. Was der Kurs gerade abzieht, ist ein Länderabschlag, und den halte ich nur teilweise für berechtigt.

Am stärksten gewichte ich die Kreditqualität in Brasilien, nicht Mexiko und schon gar nicht die Personalie an der Technikspitze. Mit dieser Aktie hält man ein starkes Geschäft und eine Haushaltsdebatte im selben Paket. Auf das Geschäft verlasse ich mich, auf die Debatte nicht.

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