Nvidia Aktie: China-Poker unter Vorbehalt

Die US-Regierung lockert Chip-Exporte nach China, doch Zölle und Auflagen bremsen Nvidias China-Geschäft weiterhin massiv.

Die Kernpunkte:
  • H200-Lizenzen nur einzeln geprüft
  • 25 Prozent Einfuhrzoll auf Chips
  • Aktie notiert unter 50-Tage-Linie
  • Quartalsbericht Mitte August erwartet

Nvidia-Aktien notieren rund 16 Prozent unter ihrem Rekordhoch vom Mai. Der Kurs klebt seit Wochen unter dem 50-Tage-Durchschnitt. Der Auslöser sitzt tief in der Handelspolitik: Washington öffnet eine Tür nach China, aber nur einen Spalt breit.

Die Ausgangslage: ein Fenster, kein offener Markt

Die US-Handelsbehörde BIS hat ihre Lizenzpolitik für Chip-Exporte nach China geändert. Anträge für den H200-Chip prüft sie künftig einzeln, nicht mehr pauschal ablehnend. Grundlage ist eine Ankündigung von Präsident Trump aus dem Dezember 2025, wonach ausgewählte chinesische Kunden den H200 erhalten dürfen.

Bislang bleibt davon wenig übrig. Die bisher erteilte Lizenz erlaubt nur kleine Stückzahlen an bestimmte Abnehmer in China. Nvidia hat damit noch keinen einzigen Euro Umsatz erzielt. Unklar bleibt zudem, ob die Importe in China überhaupt ankommen dürfen – und jede Lieferung unterliegt bei der Einfuhr in die USA einem Einfuhrzoll von 25 Prozent.

Hinzu kommen weitere Auflagen: Ein Drittel der Marge geht als Abgabe drauf, unabhängige Tests kosten extra, und die Liefermenge nach China darf höchstens halb so groß sein wie die an US-Kunden. Das ist ein vorläufiges, eng begrenztes Regelwerk – kein fertiger, umsatzwirksamer Marktzugang. Genau diese Unsicherheit erklärt, warum die Aktie schwächer läuft als viele Wettbewerber im laufenden Jahr.

Die entscheidende Frage

Wird aus der H200-Lizenz ein echtes, skalierbares China-Geschäft? Oder bleibt sie ein symbolischer, stark besteuerter Tropfen? Diese Frage überlagert auch den nächsten Quartalsbericht. Die Umsatzprognose von 91 Milliarden Dollar (plus/minus 2 Prozent) für das laufende Quartal enthält bislang keinen einzigen Dollar aus China-Geschäft mit Rechenzentrums-Chips. Jede positive Überraschung aus China käme also zusätzlich – nicht als bereits eingepreister Bestandteil.

Das bullische Szenario

Das Kerngeschäft läuft unabhängig von China stark. Im ersten Fiskalquartal 2027 wuchs der Rechenzentrums-Umsatz um 92 Prozent, der Nettogewinn sprang um 211 Prozent nach oben. Für das zweite Quartal rechnet das Management mit einem Plus von rund 12 Prozent gegenüber dem Vorquartal – ein Jahreswachstum von fast 95 Prozent, sollte diese Marke fallen.

Auch die Bewertung spricht für Optimisten. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Gewinnschätzungen liegt bei etwa 22 – niedriger als der Nasdaq-100-Durchschnitt von 25. Weitet sich die H200-Lizenzpraxis aus, kommt jeder zusätzliche China-Umsatz on top zu einer Prognose, die aktuell von null ausgeht. Die durchschnittlichen Kursziele der Analysten liegen bei 262,76 Euro – deutlich über dem aktuellen Niveau.

Das bärische Szenario

Die regulatorische Erleichterung ist weder vollständig noch garantiert skalierbar. Der 25-Prozent-Zoll auf importierte H200-Chips lässt sich möglicherweise nicht komplett an Kunden weiterreichen. Nvidia könnte dadurch Rechtsstreitigkeiten, höhere Kosten und eine schwächere Wettbewerbsposition riskieren.

Die Erfahrung mit dem Vorgängerchip H20 macht skeptisch. Auch nach erteilten Lizenzen im August 2025 erzielte Nvidia damit nur rund 60 Millionen Dollar Umsatz – ein Bruchteil dessen, was der Markt erwartet hatte. Genehmigungen garantieren also keinen kommerziellen Erfolg.

Technisch bleibt die Lage angespannt. Der RSI notiert bei 41,6, die Aktie liegt gut 5,5 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt – beides Anzeichen für schwachen kurzfristigen Schwung. Mit einem Beta von 2,2 reagiert der Titel überdurchschnittlich stark auf jede Verunsicherung rund um die KI-Bewertungen. Kippt die Stimmung am breiteren Markt, dürfte Nvidia überproportional leiden.

Ausblick

Solange die H200-Lizenzpraxis stabil bleibt und nicht weiter verschärft wird, hat das Argument für einen graduellen, wenn auch gedeckelten China-Wiedereinstieg Bestand. Das spricht für eine Stabilisierung oberhalb des 200-Tage-Durchschnitts bei 166,33 Euro – die Aktie liegt aktuell nur knapp darüber.

Stockt der Lizenzprozess weiter, erweisen sich Zoll und Mengenbegrenzung als ebenso unwirksam wie beim H20, oder verschärfen sich die Zweifel an KI-Bewertungen insgesamt, rückt das 52-Wochen-Tief bei 139,78 Euro wieder in greifbare Nähe. Der nächste konkrete Prüfstein: der Quartalsbericht Mitte August. Er dürfte zeigen, wie schnell das Kerngeschäft im Rechenzentrumsbereich weiterwächst – und ob sich beim China-Geschäft erste belastbare Signale zeigen.

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