Nvidia: Aktie fällt trotz Rekordquartal
Nvidia übertrifft Erwartungen bei Umsatz und Ausblick, während höhere Speicherkosten die Bruttomarge belasten und den Aktienkurs drücken.

- Umsatz steigt auf 96,2 Milliarden Dollar
- Rechenzentrum treibt das Konzernwachstum
- Bruttomarge sinkt wegen höherer Speicherkosten
- Analysehäuser erhöhen ihre Kursziele
Nvidia hat gerade das stärkste Quartal seiner Geschichte vorgelegt – und die Aktie fiel trotzdem. Für mich ist genau dieser Widerspruch die eigentliche Geschichte dieses Wochenendes, nicht die Zahlen selbst.
Der Chiphersteller meldete für das zweite Geschäftsquartal einen Umsatz von 96,2 Milliarden Dollar, ein Plus von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Rechenzentrumsgeschäft legte um 117 Prozent auf 89 Milliarden Dollar zu und macht damit über 92 Prozent des Konzernumsatzes aus. Der Gewinn pro Aktie kletterte auf 2,22 Dollar, ein Plus von 120 Prozent.
Für das laufende Quartal stellte Nvidia einen Umsatz von 108 Milliarden Dollar in Aussicht – deutlich über dem, was Analysten mit rund 104 Milliarden Dollar erwartet hatten. Für das gesamte Geschäftsjahr 2028 kündigte Finanzchefin Colette Kress ein Wachstum von 70 Prozent an, während die Wall Street im Schnitt nur mit 44 bis 45 Prozent gerechnet hatte.
Trotzdem gab die Aktie am Freitag rund 4,5 Prozent ab. Unser Kursdatensatz bestätigt den Rückgang: minus 4,1 Prozent auf 187,78 Euro zum Wochenschluss. Wer nur auf die Schlagzeile „Rekordquartal“ schaut, findet das paradox. Wer genauer hinsieht, erkennt: Der Markt hat nicht die Vergangenheit bewertet, sondern die Risiken der Zukunft neu eingepreist.
Die Bruttomarge ist der wahre Stresstest
Für mich liegt der Knackpunkt in der Guidance zur Bruttomarge. Nvidia rechnet für das vierte Geschäftsquartal mit einer Marge von 71 bis 72 Prozent, nach 75 Prozent zuletzt.
Der Grund sind steigende Speicherkosten – Nvidia hat seine Lieferverpflichtungen für Speicherbausteine binnen drei Monaten von 119 auf 279 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt, um sich gegen einen Engpass bei High-Bandwidth-Memory abzusichern.
SK Hynix, mit 58 Prozent Weltmarktanteil größter HBM-Lieferant und Quelle für rund zwei Drittel von Nvidias HBM4-Bedarf, spricht bereits von einem Speicherengpass, der bis 2030 anhalten könnte. Das ist kein Nebengeräusch.
Wenn ein Unternehmen, das gerade sein profitabelstes Quartal aller Zeiten meldet, gleichzeitig seine Marge sinken sieht, dann verschiebt sich die Diskussion von „Wächst Nvidia?“ zu „Wie teuer wird das Wachstum?“.
Hinzu kommen handfeste Störgeräusche: Berichte über eine teilweise ausgesetzte Partnerschaft im AI-Compute-Programm, kartellrechtliche Bedenken und eine gemeldete Übernahme von Hugging Face für 12,9 Milliarden Dollar, die zusätzlich Kapital bindet. Auch ein geldpolitisch restriktiver Ton von Fed-Chef Warsh in Jackson Hole dürfte die Risikobereitschaft am Freitag gedämpft haben – ein Nvidia-spezifisches Problem ist das allerdings nicht.
Warum ich den Rückgang für überzogen halte
Und doch: Die fundamentale Substanz spricht gegen eine anhaltende Schwächephase. Nvidias operativer Cashflow lag bei 24,1 Milliarden Dollar, der freie Cashflow bei 21,4 Milliarden Dollar, allein in diesem Quartal.
Die Bilanz weist 99,3 Milliarden Dollar Cash gegen 32,4 Milliarden Dollar Schulden aus. Das Forward-KGV bewegt sich laut einer Auswertung bei rund 17, was für ein Unternehmen mit 70 Prozent erwartetem Wachstum ungewöhnlich moderat wirkt.
Mehrere Analysehäuser reagierten entsprechend: KeyBanc-Analyst John Vinh hob sein Kursziel auf 330 Dollar an, Stifel zog nach Q2-Zahlen auf 315 Dollar von zuvor 282 Dollar nach oben. Beide Häuser bewegen sich damit deutlich über dem aktuellen Kursniveau.
Auch die Nachfrageseite lässt kaum Zweifel an der strukturellen Dynamik: SpaceX hat angekündigt, künftig ausschließlich auf Nvidia-Chips zu setzen, Amazon lässt zwei Millionen GPUs für AWS bestellen, und CEO Jensen Huang wehrt sich pointiert gegen den Vorwurf einer KI-Blase, während Nvidia selbst Milliarden in Kunden wie OpenAI und Anthropic investiert – ein Modell, das Kritiker als zirkuläre Finanzierung werten.
Unterm Strich überzeugt mich die These, dass der Kursrutsch eine Reaktion auf Margendruck und regulatorische Nebengeräusche ist, nicht auf nachlassende Nachfrage. Mit einem Abstand von 7,3 Prozent zum 52-Wochen-Hoch und einem Kurs klar über dem 200-Tage-Durchschnitt bleibt der langfristige Aufwärtstrend intakt.
Die Bruttomarge wird zum entscheidenden Gradmesser der kommenden Quartale – wer diese Kennzahl im Blick behält, versteht Nvidias Geschichte besser als jede Tagesschwankung.
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