Nvidia nach Rekordquartal: Kann die 70-Prozent-Prognose den Kurs weiter tragen?

Nvidia meldet 96,2 Milliarden Dollar Umsatz und hebt den Ausblick an. Sinkende Margen und Speicherchipkosten bleiben zentrale Belastungsfaktoren.

Die Kernpunkte:
  • Umsatz steigt im zweiten Quartal 106 Prozent
  • Rechenzentrum erzielt 89 Milliarden Dollar
  • Jahresprognose liegt über Markterwartungen
  • Speicherpreise belasten die Bruttomarge

Ausgangslage

Nvidia hat am Mittwoch Zahlen vorgelegt, die selbst hohe Erwartungen übertrafen: 96,2 Milliarden Dollar Umsatz im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027, ein Plus von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Der Rechenzentrumsbereich allein steuerte 89 Milliarden Dollar bei, 117 Prozent mehr als vor einem Jahr und deutlich über dem Analystenkonsens von 85,8 Milliarden Dollar. Es war das 13. Rekordquartal in Folge. Die Aktie reagierte darauf heute mit einem Kurssprung von 7,4 Prozent auf 193,40 Euro.

Warum zählt das jetzt besonders? Weil CEO Jensen Huang zum ersten Mal eine konkrete Jahresprognose für das kommende Geschäftsjahr 2028 abgab: ein Umsatzwachstum von rund 70 Prozent, während der Marktkonsens zuvor bei etwa 44 bis 45 Prozent lag.

Diese Ansage verändert die Bewertungsdiskussion fundamental – sie impliziert einen Jahresumsatz in der Nähe von 690 Milliarden Dollar und würde Nvidia rechnerisch zur Nummer zwei unter den US-Technologiekonzernen hinter Amazon machen.

Die entscheidende Frage

Der Knackpunkt für Anleger ist nicht mehr die Nachfrage – die gilt als gesichert. Huang selbst sagte, die Nachfrage liege „deutlich über“ den prognostizierten 70 Prozent, Lieferengpässe würden das Wachstum künstlich begrenzen.

Die entscheidende Kennzahl ist deshalb die Bruttomarge: Finanzchefin Colette Kress kündigte an, dass sie im vierten Quartal des laufenden Geschäftsjahres von zuletzt 74 Prozent auf 71 bis 72 Prozent sinken werde. Grund sind stärker als erwartet steigende Preise für Speicherchips.

Eine Erholung auf 72 bis 73 Prozent erwartet das Unternehmen erst im Geschäftsjahr 2028 – und der Speicherengpass soll Berichten zufolge bis Ende 2028 anhalten. Damit hängt die Bewertungsprämie von Nvidia daran, ob das Unternehmen Kostensteigerungen weiterreichen kann, ohne dass Kunden abspringen oder die Marge stärker erodiert als geplant.

Bullisches Szenario

Für die Bullen spricht die schiere Größe der Nachfrageseite. Die Lieferverpflichtungen kletterten im Quartal auf 279 Milliarden Dollar, 2,3-mal so hoch wie im Vorquartal.

Amazon Web Services bestellte zwei Millionen zusätzliche GPUs für die Jahre 2027 bis 2029. Anthropic sicherte sich einen Deal über 45 Milliarden Dollar mit dem Anbieter Nscale, um über sechs Jahre 460 Megawatt Rechenleistung mit Nvidias neuer Vera-Rubin-Chipgeneration zu betreiben.

Die neue Plattform läuft bereits in Massenproduktion und soll im dritten Quartal rund 20 Prozent des Rechenzentrumsumsatzes ausmachen. Hinzu kommt eine geplante Finanzierungsplattform mit Partnern wie Apollo und BlackRock, die über 500 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur mobilisieren soll.

Gelingt es Nvidia, trotz Margendruck near 74 Prozent im dritten Quartal zu halten und die Lieferengpässe schrittweise aufzulösen, bliebe die 70-Prozent-Wachstumsvision intakt – und der Kurs hätte Raum, sich dem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro wieder anzunähern.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt in der Kombination aus Kostendruck und Bewertung. Steigen Speicherchip-Preise schneller als erwartet, könnte die Margenerholung ins Geschäftsjahr 2028 hinein verschoben werden oder ganz ausbleiben – die Prognose von 72 bis 73 Prozent ist selbst nach Unternehmensangaben mit Unsicherheit behaftet.

Zudem zeigte die Ergebnisaufschlüsselung, dass ein erheblicher Teil des GAAP-Gewinns nicht aus dem Kerngeschäft stammt: 7,8 Milliarden Dollar der Gewinne im Quartal resultierten aus Kursgewinnen im Beteiligungsportfolio, etwa an SpaceX, deren Wert zwischenzeitlich bereits wieder von 21 auf rund 17,2 Milliarden Dollar gefallen ist.

Auch die Guidance für das dritte Quartal von 108 Milliarden Dollar (±2 Prozent) klammert China-Rechenzentrumsumsätze explizit aus – ein politisches Risikofeld, das ungelöst bleibt.

Schließlich zeigt der Umstieg von Cathie Woods ARK-Fonds in den Konkurrenten Broadcom am Tag der Nvidia-Zahlen, dass institutionelle Investoren zumindest teilweise nach Alternativen suchen. Auch OpenAI-Finanzchefin Sarah Friar warb öffentlich für eine diversifizierte Lieferantenbasis mit neun Anbietern statt Abhängigkeit von einem einzigen Chiphersteller.

Ausblick

Solange die Bruttomarge nicht unter die kommunizierte Bandbreite von 71 bis 72 Prozent fällt und die Auftragsbücher – aktuell 279 Milliarden Dollar an Lieferverpflichtungen – weiter wachsen, bleibt das bullische Szenario der Basisfall.

Kippt hingegen die Speicherchip-Preisentwicklung stärker als von Kress skizziert oder verschärfen sich die China-Exportbeschränkungen zusätzlich zur bereits ausgeklammerten Guidance, dürfte der Markt die 70-Prozent-Wachstumsprognose als zu optimistisch neu bewerten.

Der nächste konkrete Prüfstein ist die Quartalsguidance-Erfüllung im dritten Quartal mit dem angepeilten Umsatz von 108 Milliarden Dollar sowie die tatsächliche Entwicklung der Bruttomarge in den kommenden Monaten – daran wird sich zeigen, ob Nvidias historische Wachstumsdynamik trotz Lieferengpässen und Kostendruck tragfähig bleibt.

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