Öl fällt unter 100 Dollar, doch die Umwege der Tanker bleiben teuer

Trotz des Brent-Rückgangs bleiben längere Routen durch die Hormus-Sperre bestehen; Tankerreedereien zählen zu den bisherigen Gewinnern.

Die Kernpunkte:
  • Brent notiert wieder knapp unter 100 Dollar
  • Hormus bleibt für den Schiffsverkehr geschlossen
  • Torm gewinnt binnen zwölf Monaten 81 Prozent
  • Gerresheimer muss testierte Abschlüsse vorlegen

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

über 100 Milliarden Euro zusätzlich haben die EU-Staaten seit Kriegsbeginn Ende Februar für Energieimporte ausgegeben. Die Straße von Hormus bleibt geschlossen, und Europa zahlt die Rechnung. Der Ölpreis ist zuletzt zwar wieder unter die 100-Dollar-Marke gerutscht, doch die Umwege der Tanker bleiben. Genau dort, in der physischen Logistik des Öls, sitzen die Gewinner dieses Jahres.

Der Engpass bleibt, die Prämie wandert

Wer auf eine schnelle Entspannung am Golf gesetzt hat, muss umdenken. Donald Trump hat Teherans Angebot abgelehnt, die Meerenge binnen sieben Tagen zu öffnen. Im Gegenzug hatte Iran die Aufhebung von Blockade und Sanktionen sowie die Freigabe eingefrorener Vermögen verlangt.

Vor dem Krieg lief ein Fünftel des weltweiten Ölhandels durch Hormus, jetzt ersetzen längere Routen den kurzen Weg. Brent notiert nach einem kurzen Sprung über 100 Dollar am Montag wieder knapp darunter, gegenüber rund 72 Dollar vor Kriegsbeginn.

Entlastung kommt aus Saudi-Arabien: Die 1.200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline läuft nach einem Drohnenangriff wieder nahe Vorkrisenniveau. Am Sonntag wurden dort laut Datendienst Kpler 12,5 Millionen Barrel verladen. Der iranische Rial rutschte zuletzt auf ein Rekordtief von über 2,5 Millionen je Dollar.

Bezahlt wird die Umleitung in Europa. Rund die Hälfte der EU-Dieselimporte kommt direkt aus den USA, und dort fordern Republikaner vor den Zwischenwahlen ein Exportverbot für Diesel. Das gefährdet den 2025 geschlossenen Energie-Deal zwischen Trump und der EU im Volumen von 750 Milliarden Dollar. Spritpreise liegen in manchen EU-Ländern 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau.

Auch die Notenbanken reagieren. Australiens Zentralbank hob den Leitzins heute um 25 Basispunkte auf 4,6 Prozent, das höchste Niveau seit 15 Jahren, und nannte ausdrücklich die Energiepreise. Für Oktober erwarten die Märkte eine Zinserhöhung der Fed.

Anzeige

Steigende Energiepreise treiben die Inflation und zwingen Notenbanken wie in Australien zu schnellen Zinsschritten – für Sparer wird das Umfeld ungemütlich. Ein kostenloser Report zeigt, wie Anleger ihr Depot gegen Inflation und Zinsanstieg absichern und welche Alternativen zu klassischen Zinsprodukten jetzt gefragt sind. Jetzt Strategien gegen die Zinsillusion sichern

Handelbar ist dieser Engpass über die Tankerreedereien. Torm hat binnen zwölf Monaten 81 Prozent gewonnen und notiert bei knapp 32 Euro, nahe dem Jahreshoch vom 18. September. Scorpio Tankers liegt seit Jahresbeginn 67 Prozent vorn, Navios Maritime Partners 73 Prozent, Flex LNG 28 Prozent.

Auffällig: Die Höchststände aller vier Werte datieren vom 17. und 18. September, nicht von Montag, als Brent über 100 Dollar sprang. Der Markt preist also nicht mehr jede Ölpreisspitze ein, sondern fragt, wie lange die Umwege bleiben.

Antworten könnte es morgen geben. Beim Capital Link Maritime Forum in New York treten Scorpio Tankers, Torm, Flex LNG und Star Bulk vor Investoren auf, die Keynote hält Navios-Chefin Angeliki Frangou. Wer die Rally mitnehmen will, sollte auf die Aussagen zu Frachtraten achten, denn eine Wiederöffnung von Hormus würde die Umweg-Prämie dieser Aktien über Nacht entwerten.

Gerresheimer: Morgen läuft die Frist

Morgen entscheidet sich für Gerresheimer, ob die Gläubiger weiter stillhalten. Die Schuldscheingläubiger hatten mit 96 Prozent Zustimmung eine Fristverlängerung gewährt: Bis zum 30. September muss der Verpackungsspezialist testierte Abschlüsse vorlegen. Der Druck kommt inzwischen von mehreren Seiten.

Die Abschlussprüferaufsicht APAS hat ein Berufsrechtsverfahren gegen KPMG eingeleitet, weil der Prüfer den Jahresabschluss 2024 trotz Verstößen gegen die Bilanzregeln uneingeschränkt testiert hatte. Bestätigt sind unzulässige Bill-and-Hold-Umsätze über 35 Millionen Euro, also Erlöse für Ware, die den Kunden noch nicht erreicht hatte. Das bereinigte EBITDA war dadurch um 24 Millionen Euro zu hoch ausgewiesen.

Die BaFin nimmt weitere Posten unter die Lupe: Leasingverbindlichkeiten, die um 65,5 Millionen Euro fehlerhaft sein könnten, und aktivierte Entwicklungskosten von 29,4 Millionen Euro. Dazu kommen mögliche Wertminderungen im Bereich Advanced Technologies von 196,5 Millionen Euro. Die Aktionärsvereinigung DSW prüft, ob Ex-Chef Siemssen und Ex-Finanzchef Metzner persönlich haften.

Der Investor Active Ownership hat seine Position zuletzt weiter ausgebaut: Laut Stimmrechtsmitteilung von Mitte September hält er 14,96 Prozent der Stimmrechte direkt, inklusive Instrumenten sind es 18,14 Prozent. Damit sitzt er mit Gewicht am Tisch, wenn es um die Aufarbeitung geht.

Die Gerresheimer-Aktie notiert bei rund 27,50 Euro, nach einem Tief von 14,90 Euro im Februar. Über zwölf Monate bleibt ein Minus von 22 Prozent. Der Börsenwert von rund 900 Millionen Euro steht einem Umsatzausblick von 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro bei 18 bis 19 Prozent bereinigter EBITDA-Marge gegenüber, ausdrücklich unter Vorbehalt.

Entscheidend ist morgen nicht diese Prognose, sondern ob ein Testat kommt und wie groß die Korrekturen ausfallen, denn wenn der Prüfer selbst unter Aufsicht steht, wird jede neue Unterschrift vorsichtiger und langsamer.

Scholar Rock: Ein Ja oder Nein aus Washington

Ebenfalls morgen fällt ein Entscheid, der ein 4,6-Milliarden-Euro-Unternehmen bewegen wird. Die US-Arzneimittelbehörde FDA will bis zum 30. September über Apitegromab von Scholar Rock entscheiden, ein Mittel gegen spinale Muskelatrophie. Der Weg dorthin war holprig.

Nach einer FDA-Inspektion mit Beanstandungen bei der Abfüllanlage von Catalent in Indiana im April strich Scholar Rock den Partner Anfang August aus dem Zulassungsantrag. Die Prüfung läuft seither nur über eine zweite US-Anlage, deren Daten vorzeitig eingereicht wurden. Ware für den Marktstart liegt bereit, und mit der europäischen EMA laufen Gespräche, diese Anlage auch in den EU-Antrag aufzunehmen.

Die Scholar-Rock-Aktie hat seit dem Hoch von 54,50 Euro Mitte September nachgegeben und notiert zuletzt bei gut 42 Euro, über 30 Tage ein Minus von 14 Prozent. Ein Ja bringt die vorbereiteten Dosen sofort in den Markt, ein Nein oder eine Verzögerung wegen der Fertigung würde den Fall Catalent zum zweiten Mal bestrafen. Für Privatanleger ist das ein binäres Ereignis ohne Sicherheitsnetz.

Google klagt in Luxemburg, Huang widerspricht Washington

Für Alphabet-Anleger zählt vor allem ein Datum im Juli 2027. Google hat heute beim Europäischen Gerichtshof Rechtsmittel gegen eine Auflage der EU-Kommission eingelegt. Der Beschluss aus dem Juli verlangt, dass Google ab Januar 2027 Suchdaten mit Wettbewerbern teilt und Android ab Juli 2027 für konkurrierende KI-Dienste öffnet.

Google argumentiert mit unzureichender Anonymisierung und dem Schutz privater Suchanfragen. Das zweite Datum wiegt schwerer: Ein offenes Android schwächt den Heimvorteil des eigenen Assistenten Gemini genau dort, wo Google die Nutzer hat.

Nvidia-Chef Jensen Huang zeigte heute, wie unterschiedlich die Branche über Regeln denkt. Auf CNBC verteidigte er die sogenannte Destillation, also das Trainieren eigener KI-Modelle anhand der Antworten fremder Modelle, als normalen Wettbewerb. US-Finanzminister Scott Bessent hatte dasselbe im Juli als Diebstahl bezeichnet. Huangs Rat an OpenAI und Anthropic: Kunden identifizieren und sperren, wie Netflix es könne.

Zugleich wächst Nvidias Kundenbasis, Delta Electronics entwickelt Systeme für autonomes Fahren auf Nvidias Hyperion-Plattform. Die Nvidia-Aktie notiert zuletzt bei rund 203 Euro, knapp unter dem Jahreshoch von Montag. Der Regulierungsstreit trifft Plattformen wie Google härter als den Ausrüster Nvidia, denn wer die Infrastruktur verkauft, verdient an jedem Modell, egal wer es trainiert oder destilliert hat.

Anzeige

Zwischen KI-Boom bei Nvidia und Fortschritten in der Pharmaforschung zeigt sich, wie unterschiedlich Wachstumsbranchen derzeit in Bewegung geraten. Ein Analysten-Report von Mike Rückert bündelt fünf Aktienempfehlungen aus Energie, Gesundheit und Hightech mit besonderem Renditepotenzial für 2026. Fünf Wachstumsaktien jetzt entdecken

Hochausschütter kürzen

Ein Warnsignal für Renditejäger kommt aus den USA. Der Abrdn Income Credit Strategies Fund kürzt seine Monatsausschüttung von 0,0775 auf 0,055 Dollar je Aktie, zahlbar morgen. Begründung: Engere Kreditaufschläge lassen weniger Ertrag übrig, die annualisierte Rate liegt nun bei rund 12,5 Prozent des Nettoinventarwerts.

Der Schwesterfonds Abrdn Asia-Pacific Income senkt von 0,165 auf 0,15 Dollar und koppelt die Ausschüttung künftig an 12 Prozent des Fondsvermögens. Wer zweistellige Ausschüttungsrenditen kauft, kauft auch Kapitalverzehr; die Kürzung ist ehrlicher als die alte Quote.

Der globale Kompass

Morgen bündeln sich die Termine: Gerresheimers Frist, die FDA-Entscheidung für Scholar Rock, das Reederei-Forum in New York. Dazu kommen der Halbjahresbericht von Mainova und das Ende des Birkenstock-Geschäftsjahres, für das der Konzern im Februar mindestens 700 Millionen Euro bereinigtes EBITDA in Aussicht gestellt hatte.

Der rote Faden dieser Ausgabe: Der Ölpreis mag unter 100 Dollar zurückfallen, aber die Fristen und Engpässe, die der Krieg geschaffen hat, laufen weiter. Für Ihr Depot heißt das: Nicht die Schlagzeile zum Brent-Preis entscheidet, sondern die Frage, wie lange die Umwege bleiben.

Anzeige

Stand heute, 29. September: Scholar Rock – Kaufen, halten oder verkaufen?

Wer in Scholar Rock investiert ist oder einen Einstieg prüft, sollte die Lage jetzt neu bewerten. Die Gratis-Analyse vom 29. September gibt die klare Antwort – und zeigt, warum Abwarten gerade jetzt riskanter sein kann, als es wirkt.

Scholar Rock: Gratis-Analyse (PDF) öffnen …