Ölschock heizt globale Zinswende an

Der Iran-Konflikt treibt Öl und Anleiherenditen nach oben, während Fed und EZB vor höheren Zinsen stehen und die Konjunktursorgen zunehmen.

Die Kernpunkte:
  • Brent steigt auf rund 97 Dollar
  • UBS erwartet zwei Fed-Anhebungen
  • Japanische Anleiherendite über drei Prozent
  • JLR streicht weltweit 4.000 Stellen

Ein Angriff auf iranische Öltanker, explodierende Energiepreise und eine Zinserhöhung, die plötzlich wieder auf dem Tisch liegt: Die Finanzmärkte starten in eine Woche voller Spannungen. Während die US-Notenbank Fed nach einem überraschend starken Arbeitsmarktbericht ihre Zurückhaltung aufgibt, kämpfen Anleihemärkte weltweit mit den höchsten Renditen seit Jahren. Die Ölpreis-Rally durch den Nahost-Konflikt setzt dabei den entscheidenden Kurstreiber.

Iran-Konflikt lässt Ölpreise explodieren

Der seit sechs Monaten schwelende Konflikt zwischen den USA und Iran hat sich am Wochenende erneut zugespitzt. Amerikanische Streitkräfte griffen drei iranische Öltanker an, nachdem die Revolutionsgarden zuvor ballistische Raketen auf zwei US-Kriegsschiffe abgefeuert hatten. Teheran kündigte an, in Kürze eine Sperrzone vor der Straße von Hormus auszurufen, jener engen Meerenge, durch die normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Tankerverkehrs fließt.

Die Folgen sind bereits sichtbar: Der Schiffsverkehr durch die Straße ist auf den niedrigsten Stand seit Mai gefallen, am Samstag passierten gerade einmal zwei Schiffe die Route. Brent-Öl legte allein in der vergangenen Woche um fast zehn Prozent zu und notiert nun bei rund 97 US-Dollar je Barrel. Besonders brisant: Auch die Dieselpreise erreichten Rekordniveaus – ausgerechnet der Kraftstoff, der für Transport, Landwirtschaft und Industrie unverzichtbar ist.

Analysten von Vital Knowledge sehen die USA zwar im „Krieg um Hormus“ auf der Gewinnerseite, da Sanktionen und eine Seeblockade Irans Ölexporte und Devisenreserven spürbar schwächen. Doch die wirtschaftliche Verzweiflung Teherans berge auch das Risiko einer Eskalation – ein möglicher Pyrrhussieg für Washington.

Fed und EZB vor der Zinswende

Die Ölpreis-Rally trifft die Notenbanken zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. UBS rechnet inzwischen mit zwei Zinserhöhungen der Fed um jeweils 25 Basispunkte im September und Dezember – noch vor wenigen Wochen ging das Haus von keiner einzigen Anhebung in diesem Jahr aus. Der Kurswechsel kommt nicht von ungefähr: Im August entstanden in den USA 162.000 neue Stellen, deutlich mehr als erwartet, bei einer stabilen Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent. Auch Citigroup und Macquarie haben ihre Zinsprognosen nach oben korrigiert.

Die am Freitag anstehenden Verbraucherpreisdaten könnten die Entscheidung endgültig besiegeln. Ökonomen erwarten einen Anstieg der Jahresrate auf 3,4 Prozent, während die Kernrate bei 2,4 Prozent gesehen wird. Fed-Gouverneur Christopher Waller hält zwar dagegen und würde bei nachlassendem Preisdruck für eine Zinspause plädieren – doch die Markterwartungen für eine Anhebung im September sind zuletzt von 52 auf 58 Prozent gestiegen.

Auch die Europäische Zentralbank steht unter Zugzwang. Am Donnerstag wird nahezu einhellig mit einer Zinsanhebung um 25 Basispunkte auf 2,50 Prozent gerechnet. ING bezeichnet den Schritt als „Versicherungs-Hike“, der verhindern soll, dass der Energiepreisschock über Zweitrundeneffekte die Inflation dauerhaft verankert. Ob es die letzte Anhebung im laufenden Zyklus bleibt, ist unter Ökonomen umstritten – die Märkte preisen bereits einen weiteren Schritt bis Dezember ein.

Anleihemärkte ächzen, der Yen erwacht

Der Ölpreis-Schock trifft auf einen ohnehin angespannten Anleihemarkt. Von Tokio über Sydney bis London und New York sind die Renditen auf mehrjährige Höchststände geklettert, da Investoren sowohl höhere Zinsen als auch eine schwer finanzierbare Staatsverschuldung fürchten. Besonders bemerkenswert: Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen überstieg erstmals seit drei Jahrzehnten die Marke von drei Prozent.

Das nährt Spekulationen, wonach Japans gewaltiger Pensionsfonds GPIF Kapital aus US-amerikanischen und europäischen Anleihen abziehen und stärker im Inland investieren könnte. Der japanische Yen legte allein am Mittwoch und Donnerstag um fast drei Prozent zu – eine Bewegung, wie sie zuletzt nur bei koordinierten Interventionen der Behörden zu beobachten war. Das US-Finanzministerium reagierte auf die Zinsentwicklung bereits mit einer Ausweitung seiner Rückkaufprogramme für langlaufende Anleihen.

Konjunktursorgen erreichen die Realwirtschaft

Die geopolitische und monetäre Unsicherheit hinterlässt auch in der Industrie Spuren. Jaguar Land Rover kündigte an, in den kommenden zwei Jahren weltweit rund 4.000 Stellen zu streichen – bei einer Gesamtbelegschaft von etwa 40.000 Mitarbeitern ein empfindlicher Einschnitt. Der von Tata Motors kontrollierte britische Luxusautobauer will damit 1,7 Milliarden Pfund einsparen und den Break-even-Punkt auf 300.000 verkaufte Fahrzeuge senken. Gleichzeitig sollen fünf neue Modelle an den Start gehen und Investitionen von bis zu 18 Milliarden Pfund in Elektrifizierung und digitale Technologien fließen. Der Balanceakt zwischen Sparkurs und Zukunftsinvestitionen dürfte in den kommenden Wochen für politischen Gesprächsstoff sorgen – Großbritanniens Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds hat bereits ein Treffen mit JLR-Chef PB Balaji angekündigt.

An den europäischen Börsen sorgte der Ölpreisanstieg für gedämpfte Stimmung. Der Stoxx 600 gab leicht nach, während der Schweizer Leitindex um 1,2 Prozent einbrach – belastet vom Pharmakonzern Novartis, dessen Wirkstoffkandidat Pelacarsen in einer Spätphasenstudie sein Ziel verfehlte. In Deutschland sorgte zusätzlich der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt für politische Nervosität, auch wenn der DAX davon zunächst kaum berührt wurde.

China als Stabilitätsanker, KI-Fantasie als Gegenpol

Während der Westen mit Inflation und Zinsen ringt, setzt China weiter auf den Export als Wachstumsmotor. Eine Reuters-Umfrage sieht die chinesischen Ausfuhren im August um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen, nach 23,9 Prozent im Juli – getragen auch vom globalen Ausbau der KI-Infrastruktur, der die Nachfrage nach Halbleitern befeuert. Der Handelsüberschuss dürfte auf 119 Milliarden US-Dollar klettern, was westliche Handelspartner weiter unter Druck setzen wird, ihre Handelsungleichgewichte mit Peking zu adressieren.

Genau diese KI-Euphorie liefert der ölgetriebenen Zins-Angst einen Gegenpol. Nvidia-Chef Jensen Huang erklärte, mit OpenAIs neuestem Modell Astra sei „AGI angekommen“ – ein Statement, das die Fantasie rund um den KI-Handel weiter befeuert. Ob diese Euphorie ausreicht, um die Sorgen um Zinsen, Öl und Anleiherenditen zu überdecken, dürfte sich auch an den anstehenden Quartalszahlen von Oracle und Adobe zeigen, die beide am Donnerstag nach US-Börsenschluss berichten. Für Anleger bleibt die Gemengelage komplex: Steigende Energiepreise, restriktivere Notenbanken und ein nervöser Anleihemarkt treffen auf ungebrochenen Optimismus im Technologiesektor – eine Konstellation, die kaum stabiler werden dürfte, solange der Konflikt am Golf ungelöst bleibt.

Anzeige

Novartis-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Novartis-Analyse vom 7. September liefert die Antwort:

Die neusten Novartis-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Novartis-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 7. September erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

Novartis: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...

Diskussion zu Novartis