OHB: 271 Prozent Plus in einem Jahr
OHB steigt in den SDAX auf und meldet Rekordauftragsbestand. Trotz Kursrückgang vom Hoch bleibt die Wachstumsstory intakt.

- Aufstieg in den SDAX
- Rekordauftragsbestand und Milliarden-Pipeline
- Kapitalerhöhung stärkt Eigenkapitalquote
- Neue Coverage durch Großbanken
Es gibt Aktien, die erzählen gerade eine größere Geschichte als nur ihre eigene. OHB ist so ein Fall. Wer verstehen will, wie Europa auf die neue Weltraum-Konkurrenz aus den USA und China reagiert, kommt am Bremer Raumfahrtkonzern gerade nicht vorbei. Und wer als Anleger seit einem Jahr dabei ist, hat mit einem Plus von 271 gegenüber dem Vorjahresschlusskurs vermutlich die Kursbewegung seines Anlegerlebens miterlebt.
Seit heute steht OHB im SDAX, ersetzt dort Klöckner & Co. Das ist mehr als eine Randnotiz für Indexfonds. Es ist die Bestätigung, dass ein Unternehmen, das lange als Nischenwert der deutschen Raumfahrtindustrie galt, inzwischen im Aktienmarkt-Mainstream angekommen ist.
Der Schlusskurs von 259,50 Euro am Donnerstag liegt zwar rund 62 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 688 Euro, das die Aktie im Mai markierte – doch selbst dieser Rückgang relativiert sich, wenn man bedenkt, dass das 52-Wochen-Tief bei nur 64 Euro lag. Von dort aus hat sich der Kurs mehr als vervierfacht.
Zahlen, die die Euphorie stützen
Die Frage, ob diese Bewertung Substanz hat, lässt sich mit den jüngsten Geschäftszahlen zumindest teilweise beantworten. Im ersten Halbjahr 2026 steigerte OHB die Gesamtleistung auf 628 Millionen Euro, nach 470 Millionen Euro im Vergleichszeitraum 2024. Das bereinigte EBITDA legte um 30 Prozent zu.
Für das Gesamtjahr bestätigte das Unternehmen seine Prognose: eine Gesamtleistung von rund 1,4 Milliarden Euro und eine bereinigte EBITDA-Marge zwischen 10,5 und 11 Prozent.
Bemerkenswerter als die Halbjahreszahlen ist vielleicht der Auftragsbestand, der sich laut Unternehmensangaben auf Rekordniveau bewegt, ergänzt um eine Projektpipeline von rund 20 Milliarden Euro. Das ist die eigentliche Wette, die der Markt hier eingeht: nicht auf das, was OHB heute verdient, sondern auf das, was aus dieser Pipeline in den kommenden Jahren tatsächlich Umsatz wird.
Um diese Wachstumsambitionen zu finanzieren, hat OHB im Juni eine Kapitalerhöhung über 484 Millionen Euro durchgeführt. Die Nettoerlöse sollen in Kapazitätsausbau, mögliche Zukäufe, Trägerraketen und neue Programme fließen.
Die Bilanz hat sich dadurch spürbar verändert: Die Eigenkapitalquote stieg von 27,5 Prozent Ende 2025 auf 43,3 Prozent zum 30. Juni, das Eigenkapital liegt nun bei 915,6 Millionen Euro. Für ein Unternehmen, das mit langlaufenden, kapitalintensiven Raumfahrtprogrammen arbeitet, ist das ein deutlich robusteres Fundament als noch vor einem Jahr.
Zwischen Erdbeobachtung und Raketentests
Operativ zeigt sich OHB auf mehreren Feldern zugleich aktiv. Die italienische Tochter erhielt Ende Juli von der Raumfahrtagentur ASI den Auftrag für die zweite Generation der hyperspektralen Erdbeobachtungsmission PRISMA, die bis Ende 2031 laufen soll.
In Tschechien übernahm die Landesgesellschaft erstmals die Rolle des Hauptauftragnehmers bei der SOVA-S-Mission, in Großbritannien erreichte die dortige Einheit einen Meilenstein bei der EnVision-Mission.
Nicht alles läuft dabei reibungslos. Bei der Beteiligung Rocket Factory Augsburg verzögerte sich der erste Testflug erneut, nachdem Probleme am Treibstofftank aufgetreten waren – die Rakete musste zur Inspektion von der Startrampe entfernt werden. Es ist eine Erinnerung daran, dass Raumfahrt, anders als der Kurschart es manchmal suggeriert, kein linearer Fortschritt ist, sondern ein Geschäft mit technischen Rückschlägen.
Am 5. August nahmen Deutsche Bank, Jefferies und Goldman Sachs die Coverage von OHB neu auf, mit Kurszielen zwischen 250 und 360 Euro. Die Deutsche Bank startete mit einem Kaufvotum und einem Kursziel von 275 Euro. Das ist kein Update einer bestehenden Einschätzung, sondern der Einstieg mehrerer großer Häuser in die Beobachtung eines Titels, der bislang eher am Rand des institutionellen Radars lag – ein weiteres Indiz dafür, dass OHB den Sprung vom Nischenwert zur Mainstream-Story geschafft hat.
Bleibt die eingangs gestellte Frage: Wie viel Euphorie verträgt dieser Kurs noch? Mit einer annualisierten Volatilität von 53 Prozent und einem RSI von knapp über 50 gibt der Markt selbst darauf derzeit keine eindeutige Antwort – nur die Gewissheit, dass die Schwankungsbreite bei OHB vorerst Programm bleibt.
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