Oracle Aktie: 21.000 Stellen fallen weg
Oracle steigert Umsatz und Cloud-Aufträge deutlich, finanziert das Wachstum jedoch mit negativem Cashflow, Stellenabbau und hoher Verschuldung.

- Umsatz wächst im ersten Quartal
- Cloud-Infrastruktur legt um 121 Prozent zu
- Belegschaft schrumpft um 21.000 Stellen
- Aktie bleibt 53 Prozent unter Jahreshoch
Oracle liefert an diesem Donnerstag ein Lehrstück darüber, wie unterschiedlich Anleger und Belegschaft eine Bilanz lesen können. Während in Indien Mitarbeiter wie Annanya Sharma nach mehr als sieben Jahren im Unternehmen ihre Kündigung öffentlich beklagen, klettert die Aktie im US-Handel deutlich.
Für mich zeigt das eine Wahrheit, die man bei aller Wachstumsstory nicht ausblenden darf: Diese Rally wird auf dem Rücken einer massiven Restrukturierung gebaut.
Die Zahlen sprechen zwei Sprachen
Rein operativ ist die Story beeindruckend. Der Umsatz im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 stieg um 30 Prozent auf 19,3 Milliarden US-Dollar, die Cloud-Infrastruktur legte um 121 Prozent zu.
Die Rest Performance Obligations, also der Auftragsbestand, kletterten auf 664 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 209 Milliarden US-Dollar innerhalb eines Jahres. Neue AI-Cloud-Verträge im Volumen von über 30 Milliarden US-Dollar untermauern, dass Oracle im KI-Infrastrukturgeschäft mitspielt.
Doch wer nur auf diese Linie schaut, übersieht die Kehrseite. Der freie Cashflow ist mit rund minus 5 Milliarden US-Dollar tief negativ, die Restrukturierungskosten kletterten um 700 Millionen auf etwa 2,8 Milliarden US-Dollar. Die Belegschaft schrumpfte im vergangenen Geschäftsjahr um rund 21.000 Stellen, ein Rückgang von 13 Prozent.
Und die Kürzungen gehen weiter: CFO Hilary Maxson musste diese Woche vor Mitarbeitern erklären, dass das Prinzip „mehr mit weniger Leuten schaffen“ der falsche Ansatz sei – eine bemerkenswerte Klarstellung nach einer zweiten Entlassungsrunde.
Für mich ist das kein Widerspruch, sondern ein Muster: Oracle finanziert sein KI-Wettrüsten auch über Personalabbau, nicht nur über Investitionen. Die für das Geschäftsjahr 2027 avisierten Capex von 90 bis 95 Milliarden US-Dollar sind eine gewaltige Wette, und sie muss irgendwo herkommen.
Politisches und regulatorisches Störfeuer
Hinzu kommt, dass Oracle nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch unter Beobachtung steht. Der US-Kongress hat Chairman Larry Ellison und CEO Mike Sicilia wegen der Kostenexplosion beim VA-Vertrag zur Modernisierung von Patientenakten vorgeladen – der Vertrag wuchs von 10 auf rund 27 Milliarden US-Dollar.
Parallel wird bekannt, dass Oracle für sein Rechenzentrumsprojekt „Project Jupiter“ in New Mexico 3,44 Millionen US-Dollar in Lobbyarbeit gesteckt hat, um eine Luftqualitätsgenehmigung zu beeinflussen – laut der zuständigen Ethikkommission wohl die größte je im Bundesstaat offengelegte Lobbykampagne. Das sind keine kursentscheidenden Einzelereignisse, aber sie zeichnen das Bild eines Konzerns, der an mehreren Fronten unter Druck steht, während er gleichzeitig expandiert.
Makrogegenwind nimmt zu
Verschärfend kommt hinzu, dass Fed-Chef Kevin Warsh die Kapitalkonkurrenz der KI-Hyperscaler – darunter ausdrücklich Oracle – als einen der Treiber steigender Kreditkosten benennt. Oracle hat laut den vorliegenden Zahlen seit 2022 rund 61,5 Milliarden US-Dollar an Anleihen begeben, ein gutes Drittel davon für KI-Infrastruktur.
Wer sich so aggressiv verschuldet wie Oracle, bekommt das in einem Umfeld steigender Zinsen unmittelbar zu spüren.
Kursbild: Erholung von tiefem Niveau
Der aktuelle Kurs von 131,42 Euro liegt zwar rund 7 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt, was kurzfristig auf eine gewisse technische Stabilisierung hindeutet.
Der Blick auf das Jahr relativiert das aber sofort: Seit Jahresbeginn steht die Aktie noch immer rund 21 Prozent im Minus, verglichen mit dem 52-Wochen-Hoch von 279,35 Euro fehlen ihr sogar 53 Prozent. Das heutige Plus von 5,3 Prozent ist eine Erholungsbewegung, keine Trendwende.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich bei Oracle ein Unternehmen im Umbruch: operativ stark im Auftragsbestand, aber finanziell und personell unter erheblichem Stress. Die Cloud- und KI-Zahlen rechtfertigen einen Teil des heutigen Kurssprungs.
Dass Anleger dabei über Entlassungen, negativen Cashflow und politische Untersuchungen hinwegsehen, spricht für hohes Vertrauen in die langfristige AI-Story – aber auch für eine gewisse Blindheit gegenüber den Risiken, die sich gerade auftürmen.
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