Oracle Aktie: 22,76 Prozent in sieben Tagen
Oracle-Aktie erholt sich nach starken Cloud-Zahlen der Konkurrenz, doch Milliardeninvestitionen in KI-Infrastruktur belasten weiterhin den freien Cashflow.

- Kursplus von über 22 Prozent
- Cloud-Rallye durch AWS-Zahlen
- Freier Cashflow tief im Minus
- Rekord-Auftragsbestand von 638 Milliarden
Oracle hat innerhalb einer Woche einen Sprung hingelegt, wie ihn kaum ein anderer Tech-Titel derzeit zeigt: plus 22,76 Prozent in sieben Handelstagen, plus 25,37 Prozent seit dem 52-Wochen-Tief von 100,76 Euro Ende Juli. Wer nur auf diese Zahlen schaut, könnte glauben, die Krise sei vorbei. Ein Blick auf den 30-Tage-Wert relativiert das sofort: gerade einmal 0,49 Prozent im Plus. Die Erholung ist neu, steil – und fragil.
Der eigentliche Maßstab bleibt das 52-Wochen-Hoch von 280,70 Euro. Davon trennen Oracle immer noch 55 Prozent. Der Titel hat sich also berappelt, ohne dass die tieferliegende Geschichte sich geändert hätte: Ein Konzern, der Milliarden in KI-Infrastruktur pumpt, während der Markt sich fragt, wer das eigentlich bezahlt.
Woher die Erleichterung kommt
Der Auslöser für die Rally liegt nicht bei Oracle selbst, sondern bei der Konkurrenz. Amazon Web Services meldete ein Umsatzplus von 37 Prozent – das schnellste Wachstum seit über vier Jahren. Microsoft legte bei Azure um 43 Prozent zu. Für Investoren war das ein Signal: Die Nachfrage nach Cloud- und KI-Rechenleistung ist offenbar groß genug, um mehr als einen Platzhirsch zu tragen. Oracle profitierte im Windschatten.
Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere sieht deutlich unbequemer aus.
Die Finanzierungsfrage bleibt offen
Im Geschäftsjahr 2026 erwirtschaftete Oracle einen operativen Cashflow von 32 Milliarden Dollar, ein Plus von 54 Prozent. Klingt stark. Der freie Cashflow aber lag bei minus 23,7 Milliarden Dollar. Der Grund: Oracle baut seine Infrastruktur schneller aus, als das operative Geschäft die Kosten decken kann.
Um die Lücke zu schließen, nahm der Konzern im vergangenen Jahr 43 Milliarden Dollar an neuen Schulden auf, dazu weitere 5 Milliarden Dollar über Eigenkapital. Für das laufende Geschäftsjahr 2027 plant Oracle rund 40 Milliarden Dollar zusätzlich – unter anderem über ein bereits angekündigtes Aktienprogramm im Volumen von 20 Milliarden Dollar.
Finanzchefin Hilary Maxson versucht, die Nerven zu beruhigen. Sie erklärte, Oracle plane für das Kalenderjahr 2026 keine weiteren Schuldenaufnahmen. Der Löwenanteil der Finanzierung soll künftig über Eigenkapital und operativen Cashflow laufen. Das klingt nach Entwarnung – ändert aber nichts an der Größenordnung der Investitionen. Für 2027 rechnet Oracle mit einem Nettomittelabfluss für Investitionen von rund 70 Milliarden Dollar. Der ausgewiesene Capex-Wert dürfte sogar 20 bis 25 Milliarden Dollar höher liegen, wegen Vorauszahlungen von Kunden und Bilanzierungseffekten.
Der Auftragsberg als Gegenargument
Wer an Oracle glaubt, verweist auf eine einzige Zahl: die Restauftragsbestände, im Fachjargon „Remaining Performance Obligations“. Sie kletterten auf 638 Milliarden Dollar – ein Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund 75 Milliarden Dollar davon sind bereits vorausbezahlte oder von Kunden gestellte KI-Hardware.
Dieser Auftragsberg ist der Anker für das durchschnittliche Analysten-Kursziel von 215,28 Euro. Das entspräche einem Anstieg von rund 70 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Eine solche Spanne zwischen Kurs und Kursziel zeigt, wie tief die Wall Street gespalten ist: Auf der einen Seite die Euphorie über die Auftragsbücher, auf der anderen die Sorge um die Bilanz.
Die Schwankungsbreite der Aktie unterstreicht diese Unsicherheit. Bei einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von 59,25 Prozent bewegt sich der Kurs in Tagen zwischen Extremen, die andere Aktien in Monaten durchlaufen. Die Marktkapitalisierung von 324,54 Milliarden Euro hängt nun im Wesentlichen an einer Frage: Wandelt sich Oracles KI-Wette genauso schnell in echten Cashflow um wie in neue Verträge?
Unter der KI-Erzählung läuft das alte Oracle-Geschäft unbeirrt weiter. Der Konzern zahlt weiterhin eine Quartalsdividende von 0,50 US-Dollar je Aktie – ein Kern-Geschäft, das nach wie vor zuverlässig Cash abwirft, auch wenn der kapitalintensive Umbau darüber gerade die Schlagzeilen dominiert.
Die Rally der vergangenen sieben Tage zeigt einen Markt, der bereit ist, die Finanzierungslast erst einmal auszublenden und auf die schiere Größe der Chance zu setzen. Ob diese Geduld anhält, dürfte weniger von der nächsten KI-Schlagzeile abhängen als davon, ob Oracles Cashflow-Berichte die Lücke zwischen Versprechen und Lieferung endlich schließen.
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