Oracle Aktie: 23,7 Milliarden Dollar negativer Cashflow

Oracles hohe Verschuldung für den KI-Ausbau führt zu einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit und einem massiven Kursverfall der Aktie.

Die Kernpunkte:
  • Kursverlust von über 50 Prozent im Jahresvergleich
  • Kreditrating auf BBB- gesenkt durch S&P
  • Freier Cashflow tief negativ durch Investitionen
  • Hohe Abhängigkeit von Großkunden wie OpenAI

Oracle notiert bei 105,64 Euro. Das sind nur wenige Prozent über dem Tiefpunkt der vergangenen zwölf Monate. Was als KI-Erfolgsgeschichte begann, hat sich leise in etwas anderes verwandelt: einen Stresstest für die Frage, wie die gesamte Tech-Branche ihren KI-Ausbau finanziert.

Kann ein schuldenfinanziertes Modell wie das von Oracle die Prüfung bestehen, der sich eigenkapitalstarke Rivalen bislang entziehen konnten? Die Antwort entscheidet sich gerade nicht am Aktienchart, sondern am Kreditmarkt. Und dort wird Oracle inzwischen wie ein Risikofall behandelt, nicht wie ein Softwarekonzern.

Eine Aktie wie eine Anleihe

Die Zahlen zeigen eine harte Neubewertung. Seit Jahresanfang hat Oracle 36,44 Prozent verloren, auf Sicht von zwölf Monaten sind es 51,19 Prozent. Das ist kein kurzer Rücksetzer, sondern ein Abwärtstrend, der sich über Monate gezogen hat.

Ungewöhnlich ist, woher die Nervosität kommt. Beobachter am Anleihemarkt beschreiben Oracles fünfjährige Kreditausfallversicherung mittlerweile als Stellvertreter für die Angst vor KI-Schulden generell. Sie notiert auf einem Mehrjahreshoch. Das ist keine Debatte über Nachfrage nach Cloud-Diensten, wie sie sonst Softwareaktien bewegt. Es ist ein Gespräch über Zahlungsfähigkeit, nur eben im Gewand eines Unternehmenssoftware-Anbieters geführt.

Warum Oracle die Last allein trägt

Der Vergleich mit den großen Hyperscalern zeigt das Problem. Google, Amazon und Meta finanzieren ihren KI-Ausbau zu großen Teilen aus eigenen, gewaltigen Cashflows. Oracle dagegen stützt sich fast vollständig auf externes Kapital.

Diese Abhängigkeit hat Konsequenzen. Der Konzern trägt bereits über 122 Milliarden US-Dollar an langfristigen Schulden und will weitere 40 Milliarden Dollar aus einer Mischung aus Fremd- und Eigenkapital aufnehmen, um neue Rechenzentren zu bauen.

Die Ratingagentur S&P Global hat darauf reagiert und Oracles Kreditrating in diesem Monat auf BBB- gesenkt. Das liegt nur noch eine Stufe über Ramschniveau. Als Begründung nannte die Agentur die Kosten des Ausbaus.

Die Cashflow-Falle

Der Druck auf die Kasse zeigt sich bereits konkret. Im Geschäftsjahr 2026 gab Oracle 55,7 Milliarden Dollar für Investitionen aus, der Großteil davon floss in Rechenzentren für das Cloud-Geschäft. Der operative Cashflow stieg zwar um 54 Prozent auf einen Rekordwert von 32 Milliarden Dollar. Der Ausbau verschlang dieses Geld jedoch vollständig, sodass am Ende ein freier Cashflow von minus 23,7 Milliarden Dollar stand.

Die Finanzierungstretmühle ist damit kein einmaliges Ereignis mehr. Sie ist fester Bestandteil des Geschäftsmodells geworden.

Das Klumpenrisiko namens OpenAI

Über diese Finanzierungsfrage legt sich ein zweites Problem: die Abhängigkeit von wenigen Großkunden. Oracles Auftragsbestand für künftige Leistungen ist im vergangenen Geschäftsjahr um 363 Prozent auf einen Rekordwert von 638 Milliarden Dollar gesprungen. Das klingt zunächst nach Stärke.

Ein Bericht des Wall Street Journal deutete jedoch bereits im September an, dass allein OpenAI für rund 300 Milliarden Dollar dieses Auftragsbestands stehen könnte. Sollte ein derart großer Kunde in Zahlungsschwierigkeiten geraten, ließe sich der Auftragsbestand kaum noch verlässlich in Umsatz verwandeln. Genau das erklärt, warum Oracles Kreditausfallversicherung so heftig auf Nachrichten reagiert, die auf den ersten Blick nichts mit dem eigenen Geschäft zu tun haben.

Überverkauft, aber nicht eindeutig falsch bewertet

Technisch sieht die Aktie überdehnt aus. Der 14-Tage-RSI liegt bei 33,3 und damit im überverkauften Bereich. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 230,13 Euro, mehr als doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs.

Eine solche Lücke ist kein Beweis dafür, dass der Markt das Risiko falsch einpreist. Sie kann ebenso gut bedeuten, dass die Modelle der Wall Street eine echte Veränderung in Oracles Risikoprofil noch nicht eingeholt haben. Die hohe Schwankungsbreite der letzten Wochen zeigt, dass Händler selbst noch nicht entschieden haben, welche Erzählung gewinnt: Cashflow-Krise oder Kaufgelegenheit.

Oracles Kursverfall ist längst keine reine Unternehmensgeschichte mehr. Er ist zum Testfall dafür geworden, ob schuldenfinanzierte Rechenkapazität schnell genug Erträge liefert, um den aufgenommenen Hebel zu rechtfertigen. Bis Kunden wie OpenAI ihre Rechnungen tatsächlich in vollem Umfang begleichen, dürfte die Aktie eher wie eine Anleihe mit Aktien-Ticker gehandelt werden als wie ein klassisches Softwareunternehmen.

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