Oracle Aktie: 60-Prozent-Absturz trotz 638-Milliarden-Aufträge

Trotz eines Auftragsbestands von 638 Milliarden Dollar bricht der Oracle-Aktienkurs ein. Hohe Investitionen und sinkende Kreditwürdigkeit belasten den Konzern.

Die Kernpunkte:
  • Rekordaufträge im Milliardenbereich
  • Aktienkurs um über 60 Prozent gefallen
  • Hohe Investitionen belasten Cashflow
  • Kreditwürdigkeit auf BBB- herabgestuft

Oracle steckt in einem Widerspruch, der die halbe Wall Street ratlos macht. Auf der einen Seite ein Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar, getrieben von der größten Nachfragewelle der Unternehmensgeschichte. Auf der anderen Seite ein Aktienkurs, der binnen zwölf Monaten mehr als die Hälfte seines Wertes verloren hat. Wie passt das zusammen?

Die Aktie schloss am Dienstag bei 105,50 Euro, nur einen Tag nach einem neuen 52-Wochen-Tief von 100,76 Euro. Seit dem Rekordhoch im September ist der Kurs um über 60 Prozent eingebrochen. Der einstige Inbegriff margenstarker Softwarestabilität handelt inzwischen wie ein Zykliker – mit einer annualisierten Volatilität von 47 Prozent.

Wenn Erfolg zur Last wird

Der Rekord-Auftragsbestand klingt nach Triumph. Ein Vertrag mit dem Pentagon über die Modernisierung der IT-Infrastruktur brachte allein 6,99 Milliarden Dollar ein. Die massive Nachfrage nach KI-Infrastruktur füllt die Bücher wie nie zuvor.

Das Problem: Diese Aufträge muss Oracle erst noch abarbeiten. Und das kostet Geld – sehr viel Geld. Im Geschäftsjahr 2026 gab der Konzern rund 55,7 Milliarden Dollar für Investitionen aus. Der freie Cashflow rutschte dadurch auf minus 23,7 Milliarden Dollar.

Für das Geschäftsjahr 2027 plant das Management, weitere 40 Milliarden Dollar am Kapitalmarkt aufzunehmen. Der Kapitalhunger hat Folgen: Die Ratingagentur S&P stufte Oracles Kreditwürdigkeit auf BBB- herab. Parallel dazu kletterten die Credit Default Swaps – Versicherungen gegen einen Zahlungsausfall – auf 198 bis 215 Basispunkte. Werte, die an die Finanzkrise erinnern.

Regulierer wollen Sicherheiten sehen

Die Probleme bleiben nicht abstrakt. Für ein geplantes KI-Rechenzentrum in Wisconsin verlangen Regulierungsbehörden nach Berichten Sicherheiten von über 7 Milliarden Dollar. Allein diese Auflage dürfte die jährlichen Finanzierungskosten um rund 100 Millionen Dollar erhöhen.

Der KI-Boom zeigt hier sein wahres Gesicht. Es geht längst nicht mehr nur um Software und Chips. Es geht um Beton, Stromnetze und Behördenauflagen – und die belasten selbst einen Konzern mit rund 304 Milliarden Euro Marktkapitalisierung spürbar.

Hinzu kommt ein strukturelles Risiko, das Marktbeobachter zunehmend beunruhigt. Ein erheblicher Teil des Auftragsbestands hängt an OpenAI und ähnlichen Firmen, die selbst tief in den roten Zahlen stecken. Die Sorge: Ein zirkuläres Finanzierungskarussell, bei dem Cloud-Anbieter Milliarden leihen, um Infrastruktur für Kunden zu bauen, die ihrerseits mit geliehenem Geld bezahlen.

Zwei Lager, ein Kurs

Trotz der Kreditsorgen bleibt die Wall Street auffällig optimistisch. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 218,17 Euro – mehr als doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs. Als Beleg für die fundamentale Unterbewertung führen Analysten das Wachstum der Cloud-Infrastruktursparte an, die im letzten Quartal um 93 Prozent zulegte.

Mit einem RSI von 33,2 nähert sich die Aktie technisch überverkauftem Terrain. Das kann ein Hinweis auf eine baldige Gegenbewegung sein – muss es aber nicht, wenn die fundamentalen Sorgen bestehen bleiben.

Zwei Lesarten stehen sich gegenüber. Die einen sehen einen Softwareriesen, der sich erfolgreich zum Rückgrat der KI-Ära wandelt. Die anderen sehen ein Unternehmen, das seine Kreditwürdigkeit für ein margenschwaches Infrastrukturprojekt aufs Spiel setzt. Im Tauziehen zwischen Kreditmarkt-Skepsis und Analysten-Optimismus hat vorerst die Skepsis die Oberhand.

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