Oracle Aktie: 638 Milliarden Dollar Auftragsberg
Trotz eines Kursrutsches von fast 64 Prozent hält Oracle an einem Milliarden-Auftragsbestand fest. Analysten sehen Potenzial.

- Kurs nahe 52-Wochen-Tief
- RSI signalisiert Überverkauf
- 638 Milliarden Dollar Auftragsbestand
- Stargate-Projekt als Wachstumstreiber
Ein RSI von 27,6, ein Kurs hauchdünn über dem Jahrestief, ein Minus von fast 40 Prozent seit Jahresbeginn. Wer nur auf den Chart schaut, sieht bei Oracle eine Aktie im freien Fall. Wer auf die Auftragsbücher schaut, sieht das ambitionierteste KI-Infrastrukturprojekt der gesamten Software-Branche. Beide Bilder sind wahr — und genau das macht diese Aktie zu einem der spannendsten Fälle am Markt.
Am Freitag schloss Oracle bei 101,20 Euro, nur 0,14 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 101,06 Euro. Vom Jahreshoch bei 280,70 Euro im September 2025 trennen die Aktie inzwischen fast 64 Prozent. Das ist keine Korrektur mehr. Das ist Kapitulation.
Der Markt preist Oracle wie einen Krisenfall
Die technischen Signale sprechen für sich. Ein RSI von 27,6 liegt deutlich unter der Marke von 30, die klassisch als überverkauft gilt. Der Kurs notiert gut 31 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 148,04 Euro — eine Abweichung, die selten ist und meist entweder eine Bodenbildung oder eine fundamentale Neubewertung ankündigt.
Die Analystengemeinde hat die Story trotzdem nicht abgeschrieben. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 219,10 Euro. Das wäre ein Plus von 116,5 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Mizuho bekräftigte im Juli 2026 sogar ein Ziel von 320 Dollar. Die Begründung der Bank: Der Markt behandle Oracle wie einen Konzern mit Ausgabenproblem — und ignoriere dabei den gewaltigen Auftragsberg, der noch gar nicht in den Umsatz eingeflossen ist.
Das 300-Milliarden-Dollar-Fundament
Genau dieser Auftragsberg ist mein Argument gegen den Pessimismus. Im Zentrum steht „Project Stargate“, der Fünfjahresvertrag mit OpenAI über 300 Milliarden Dollar, offiziell bestätigt Ende 2025. Er macht Oracle zu einem der wichtigsten Infrastruktur- und Energiepartner für die nächste KI-Generation.
Zum Ende des Geschäftsjahres 2026 meldete Oracle vertraglich gesicherte künftige Umsätze (Remaining Performance Obligations) von 638 Milliarden Dollar. Diese Zahl beschreibt keine Hoffnung, sondern bereits unterschriebene Verträge, die erst noch abgearbeitet werden müssen.
Um diese Nachfrage zu bedienen, fährt Oracle eine beispiellose Hardware-Strategie. Im Oktober 2025 kündigte der Konzern an, als erster Hyperscaler einen öffentlichen KI-Supercluster mit 50.000 AMD-Instinct-MI450-Chips zu betreiben. Der Rollout beginnt im laufenden Quartal. Damit diversifiziert Oracle seine Chip-Lieferketten über die bestehenden Partnerschaften mit Nvidia und Ampere hinaus deutlich.
Kleine Reaktoren gegen das Energie-Problem
Das größte Ausführungsrisiko liegt nicht bei den Chips, sondern beim Strom. Zettascale-Rechenzentren brauchen Energiemengen, die klassische Netze kaum liefern können. Larry Ellison hat bestätigt, dass Oracle ein Rechenzentrum im Gigawatt-Maßstab plant — betrieben von drei kleinen modularen Kernreaktoren (SMRs).
Die Technologie ist neu, regulatorisch unsicher, mit langen Zeitplänen verbunden. Trotzdem hat Oracle für alle drei Reaktoren bereits Baugenehmigungen gesichert. Das bringt den Konzern beim Energie-Problem der KI-Branche offenbar weiter als die meisten Konkurrenten.
Im Juni 2026 kam ein weiterer Baustein hinzu: OCI-Kunden können ihre Universal Credits jetzt direkt für OpenAI-Modelle und Codex einsetzen. Diese Integration senkt die Einstiegshürde für Unternehmen und schafft genau die Art von Kundenbindung, die in Marktphasen wie dieser gerne übersehen wird.
Mein Fazit: Der Ausverkauf übertreibt
Mit einer Marktkapitalisierung von 291,16 Milliarden Euro wird Oracle derzeit so bewertet, als wäre der aktuelle Investitionszyklus eine Belastung — nicht eine Investition in einen Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar. Dass Vize-Chairman Jeffrey Henley im Juni 400.000 Aktien zu deutlich höheren Kursen verkaufte, hat den Abwärtsdruck vermutlich noch verstärkt.
Für mich überwiegt trotzdem ein anderes Bild. Die Nähe zum Jahrestief, kombiniert mit einem überverkauften RSI von 27,6, spricht dafür, dass der Boden nicht mehr weit ist. Der nächste echte Test kommt mit den Zahlen zum ersten Geschäftsquartal 2027, die für Anfang September 2026 erwartet werden. Dieser Bericht dürfte zeigen, ob die Rechnung aus Stargate-Auftragsbestand und KI-Infrastruktur endlich wieder in den Kurs einpreist wird — oder ob der Markt seine Skepsis vorerst behält.
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