Oracle Aktie: Cashflow-Loch trifft KI-Rekordbuch

Oracles KI-Geschäft boomt, doch der freie Cashflow ist stark negativ. Die Aktie notiert weit unter ihrem Rekordhoch, die Margenprognose trübt die Stimmung.

Die Kernpunkte:
  • Negativer freier Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar
  • Bruttomarge soll im kommenden Geschäftsjahr sinken
  • Rekord-Auftragsbestand von 76,6 Milliarden Dollar erwartet
  • Aktie notiert 59 Prozent unter Rekordhoch

Oracle wächst wie nie zuvor beim Auftragsbestand. Trotzdem verliert die Aktie an Boden. Dieser Widerspruch treibt den Kurs seit Monaten um.

Am Donnerstag notiert das Papier bei 121,18 Euro – fast 59 Prozent unter dem Rekordhoch vom September 2025. Der Markt kann sich offenbar nicht entscheiden, wie er Oracles milliardenschwere KI-Wette gegen den wachsenden Finanzierungsbedarf gewichten soll.

Der Auslöser: Margenwarnung trifft Cash-Burn

Der Kursdruck geht auf die Bilanz zum abgelaufenen Geschäftsjahr 2026 zurück. Oracle bestätigte einen negativen freien Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar. Der Grund: massive Investitionen in den Ausbau der Cloud-Infrastruktur.

Kurz danach kam die nächste Nachricht. Oracle signalisierte, dass die Bruttomarge im Geschäftsjahr 2027 sinken wird. Grund seien Zeitpunkt und Zusammensetzung des Ausbaus neuer Rechenzentren. Immerhin bekräftigte das Management, im Kalenderjahr 2026 keine zusätzlichen Schulden aufnehmen zu wollen.

Diese Kombination erklärt die Kursschwäche. Es ist keine einzelne Hiobsbotschaft, sondern eine ungelöste Spannung. Der Auftragsbestand wächst schneller, als sich die Kosten der Auslieferung senken lassen.

Die entscheidende Frage: Wandelt sich der Auftragsbestand schneller in Cash, als Capex ihn verbrennt?

Ein einziger Faktor bestimmt jetzt Oracles weiteren Weg. Es ist das Tempo und die Margenqualität, mit der offene Auftragswerte (RPO) in Umsatz übergehen – gemessen an den laufenden Investitionsausgaben.

Das Management erwartet, dass sich 12 Prozent des RPO in den kommenden zwölf Monaten in Umsatz verwandeln. Das entspricht 76,6 Milliarden Dollar.

Das wäre deutlich mehr als die 67 Milliarden Dollar aus dem Vorjahr. Entscheidend wird sein, ob diese Umsätze mit der versprochenen Margenerholung ankommen, oder ob die hohen Kosten der Rechenzentrums-Rampe sie weiter verwässern.

Bullen-Szenario: Tiefe im Auftragsbuch, abgesichertes Kapital

Das positive Szenario stützt sich auf Umfang und Qualität der gebuchten Nachfrage. Oracle erklärt, der Großteil des RPO-Zuwachses in den vergangenen beiden Quartalen stamme aus großen KI-Verträgen. Kunden zahlten dabei entweder Grafikchips im Voraus, oder sie lieferten die Hardware direkt an Oracle.

Diese vorausbezahlten und kundenseitig gestellten Hardware-Anteile summieren sich mittlerweile auf 75 Milliarden Dollar. Das senkt den Kapitalbedarf, den Oracle selbst aufbringen muss, erheblich.

Das Management bekräftigte zudem seine langfristigen Ziele bis zum Geschäftsjahr 2030: ein jährliches Umsatzwachstum von 31 Prozent und ein Gewinnwachstum von 28 Prozent.

Diese Ambitionen wirken hoch gesteckt. Der Rekord-Auftragsbestand verschafft ihnen dennoch eine gewisse Rückendeckung.

Technisch zeigt sich ein gemischtes Bild. Der RSI von 46,8 signalisiert weder eine überverkaufte noch eine überkaufte Aktie – Raum nach oben bliebe also vorhanden. Sollten die Wachstumsziele eintreten, ergäbe der durchschnittliche Kursziel-Konsens von 246,43 Dollar ein theoretisches Kurspotenzial von 74 Prozent, eine Garantie ist das allerdings nicht.

Bären-Szenario: Margendruck und Kundenklumpen

Das Risikoszenario nutzt dieselben Fakten – nur andersherum gelesen. Oracles eigene Prognose einer sinkenden Bruttomarge im Geschäftsjahr 2027 könnte kurzfristig enttäuschen, selbst wenn der Umsatz weiter steigt.

Hinzu kommt ein Klumpenrisiko. Mehrere Berichte verweisen darauf, dass ein einziger Kunde für etwa die Hälfte der offenen Auftragswerte verantwortlich ist. Gerät dessen Finanzierung ins Stocken, könnte vertraglich gesicherter Umsatz zu ungenutzter Kapazität werden.

Zusammen mit einer bereits stark verschuldeten Bilanz aus dem KI-Ausbau reicht schon eine Verzögerung bei der Rechenzentrums-Auslieferung, um den Weg zurück zum Jahrestief zu öffnen.

Ausblick: Die Marge entscheidet

Solange sich die Umwandlung des Auftragsbestands beschleunigt, ohne dass die Margen einbrechen, lässt sich das aktuelle Kursniveau als Einstiegschance lesen statt als Falle. Bestätigt sich dagegen ein tieferer oder länger anhaltender Margenrückgang im Geschäftsjahr 2027, dürfte das die Stimmung weiter belasten. Verzögert zusätzlich der größte KI-Kunde seine Zahlungen, dürfte die Aktie ihr 52-Wochen-Tief von 100,76 Euro aus dem Juli erneut testen.

Der nächste konkrete Prüfstein folgt mit dem Quartalsbericht zum ersten Geschäftsquartal 2027, der in den kommenden Monaten erwartet wird. Er liefert die erste verlässliche Antwort darauf, ob der Margendruck wie angekündigt verläuft und ob sich das Cashflow-Loch schließt oder weiter vergrößert.

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